Frage von Markus Z.: «Bevor ich das Haus verlasse, kontrolliere ich immer, ob alle Wasserhähne dicht sind. Seit letztem Sommer muss ich das mehrmals tun, um ganz sicher zu sein. Oft komme ich dann in einen Stress oder ­gar zu spät. Obwohl das nicht mehr normal ist, kann ich nicht damit aufhören, es wird eher schlimmer.»

Da scheint es sich in der Tat nicht bloss um eine kleine Macke zu handeln. Das ist wohl bereits eine ausgewachsene Zwangsstörung. Dagegen müssen Sie unbedingt etwas unternehmen. Versuchen Sie die folgenden Tipps zu befolgen, lesen Sie einen Ratgeber für Betroffene und suchen Sie sich eine Selbsthilfegruppe. Wenn sich keine Erleichterung einstellt, brauchen Sie die Hilfe eines Psychotherapeuten.

Zwangsstörungen gehören zu den häufigsten seelischen Erkrankungen. Ein bis zwei Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen. Man unterscheidet zwischen Zwangshandlungen und Zwangsgedanken. Jemand muss sich die Hände immer wieder waschen, obwohl sie längst sauber sind, ein anderer immer wieder die Autos zählen, die unter dem Fenster parkieren. Andere müssen ohne Ende kontrollieren, ob alle Fenster geschlossen sind.

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Es sind fliessende Übergänge von normal zu vorsichtig, ängstlich, perfektionistisch und zwanghaft. Zweimal nach dem Herd schauen ist noch normal. Ein Beispiel für einen Zwangsgedanken ist es, wenn jemand ständig gegen den Gedanken ankämpfen muss, einen Säug­ling, den er liebt, aus dem Fenster fallen zu lassen. Es gibt Betroffene, die in einer Art magischem Denken ein Wort denken müssen, um ein Unheil, etwa einen Unfall im Tunnel, zu verhindern.

Man kann den Zwang bekämpfen

Obwohl Betroffene die Unsinnigkeit von Zwängen erkennen, müssen sie ihnen ge­horchen – das ist sehr quälend. Weil die Gedanken und Rituale viel seelische Aufmerksamkeit beanspruchen, wird das Leben eingeschränkt, und es verarmt. Es entsteht auch eine starke Belastung für Partner und Familien.

Zwangsstörungen sind hart­näckig, aber behandelbar. Die internationale Klassi­fikation psychischer Störungen, DSM IV, zählt Zwänge zu den Angststörungen. Man geht davon aus, dass etwa das unsinnig häufige Kontrollieren der Hähne auf der Angst beruht, es könnte zu einer Überflutung des Hauses kommen. Folgerichtig beruht die Therapie darauf, die Betroffenen mit diesen Vorstellungen und der Angst zu konfrontieren. Je besser man dies aushält, desto freier wird man vom Zwang.

Untersuchungen des deutschen Psychiaters Willi Ecker haben aber gezeigt, dass die Ursache für die zwanghaften Wiederholungen oft darin besteht, dass die Betroffenen nach der Handlung ein «Unvollständigkeitsgefühl» haben. Die normale Entspannung nach der Erledigung stellt sich nicht ein. Also muss nochmals kontrolliert, müssen die Hände nochmals gewaschen, muss die Decke nochmals geschüttelt werden. Hier geht es in der Therapie nicht um die Konfrontation mit Katastrophenerwartungen und Ängsten, sondern darum, sich an das Gefühl zu gewöhnen, etwas unfertig zu lassen, daran, nicht alles makellos erledigen zu können, daran, nicht perfekt zu sein.

Tipps für Betroffene

  1. Dokumentieren Sie Ihren Zwang schriftlich: Art, Stärke, befürchtete Folgen bei Nichtausführung.
  2. Betrachten Sie den Zwang als ungebetenen Gast, den sie loswerden wollen, indem Sie sich mit ihm konfrontieren.
  3. Stellen Sie sich die befürchteten Folgen bei Unterlassung des Rituals vor und versuchen Sie, dies eine Weile auszuhalten.
  4. Versuchen Sie, auf die Ausführung der Zwangshandlung zu verzichten oder die Zwangsgedanken zu unterlassen und dadurch entstehende unangenehme Gefühle oder Angst zu ertragen.
  5. Üben Sie die Punkte 3 und 4 täglich.

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Buchcover: Ganz normal anders
Quelle: Beobachter Edition