Eine persönliche Frage an Sie, liebe Leserin: Haben Sie je darüber nachgedacht, für Sex zu bezahlen, einen Callboy zu buchen? Wahrscheinlich nicht. Bezahlsex für Frauen ist ein klassisches Tabu. Die Idee wird verworfen, bevor man Vorteile und Risiken abwägt oder alte Überzeugungen hinterfragt.

In der Schweiz gibt es bislang keine Zahlen zu Frauen, die für zwei Stunden mit einem Callboy zwischen 250 und 450 Franken bezahlen. «Dabei ist es spannend, zu überlegen, warum die Nachfrage nach heterosexueller, männlicher Sexarbeit klein ist», sagt Michèle Borgmann, die an der Universität Bern zu sexuellem Vergnügen forscht. Die biologische Veranlagung zwischen den Geschlechtern sei praktisch die gleiche.

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«Sexualität wird aber bis heute stark von der männlichen Befriedigung aus gedacht – das hat Konsequenzen für die weibliche Lust.» Hinzu komme, dass Frauen, die viele Sexualpartner haben, gesellschaftlich oft negativ bewertet werden. Den Rest besorgen widersprüchliche Mythen wie: Frauen benötigten für sexuelles Vergnügen einerseits «romantische Gefühle», anderseits könnten sie immer Gratissex haben, wenn sie wollen.

Mit dem Kinofilm «Meine Stunden mit Leo» erreichte die Thematik kurz eine grössere Öffentlichkeit. Emma Thompson spielt darin eine 55-Jährige, die sich eine Erweiterung ihres sexuellen Erlebens wünscht und dafür einen jüngeren Sexarbeiter bucht. Wie sieht das in der Wirklichkeit aus? Der Beobachter hat sich mit zwei Frauen über ihre Erfahrungen mit bezahltem Sex unterhalten. Beide wollen anonym bleiben.

Beobachter: Wieso haben Sie Callboys gebucht?
Claudia*: Ich bin schon 27 Jahre verheiratet, und wir haben in meiner Ehe die letzten Jahre wie Schwester und Bruder gelebt. Es hat lange gedauert, bis ich den Schritt gewagt habe, einen Callboy zu kontaktieren. Mein Mann ist nicht offen für Swingerclubs und solche Geschichten. Da habe ich letztes Jahr zu suchen begonnen. Beim ersten Date war ich sehr schüchtern. Ich habe noch nie mit einem Mann geschlafen, den ich bezahlt habe, und war unwahrscheinlich aufgeregt. Ich würde auch nie jemanden in einer Bar ansprechen. Das ist mir zu gefährlich. Callboys müssen sich testen lassen, die sind sicher.
Karin*: Bei mir war es Neugier. Ich bin es als Deutsche gewohnt, in eine Kneipe zu gehen und unverbindlich Leute kennenzulernen. In der Schweiz, wo ich lebe, kommt man weniger ins Gespräch. Ich habe mir deshalb auf Webseiten die Profile der Callboys angeguckt. Bei einem bin ich hängen geblieben. Mit dem Callboy einen Kennenlernkaffee zu trinken, ist kostenlos. Ich dachte, ich treffe mich mit dem und gehe dann wieder heim. In der Bar gefiel er mir dann aber schon sehr gut.


Und dann?
Karin: Ich fragte ihn, ob er sich vorstellen könne, mit mir intim zu werden. Eine typische Frauenfrage: «Gefalle ich ihm?» Ich hatte Geld in der Tasche, logo «gefalle» ich ihm! Aber diese typisch männliche Einstellung, sich einfach etwas zu nehmen, ohne sich zu hinterfragen, die habe ich als Frau dann doch nicht. Er meinte: Ja, und wie! Dann sind wir losmarschiert.


Weitere Bedenken?
Karin: Es war mir wichtig, vorher mit ihm zu reden. Ich muss eine zwischenmenschliche Beziehung aufbauen. Wir werden schon als kleine Mädchen so erzogen und sozialisiert. Auf der anderen Seite, und das sage ich als emanzipierte und starke Frau, haben wir es natürlich in uns, auch nur Sexualität erfüllt zu leben, auch mal abgekoppelt von Beziehungen. Sonst würde ich mich ja sofort in den Callboy verlieben.


Ein Verliebtheitsgefühl kam nie auf?
Karin: Das Aufgeregtsein, das man von der Verliebtheit kennt, das schon. Ich habe es genossen. Es ist vielleicht nötig, damit man einen fremden Menschen an sich ranlassen kann. Aber ich konnte das immer gut rationalisieren und trennen von der Frage, ob ein Callboy etwas für eine Beziehung ist. Also: Verliebtheitsgefühl ja, aber verliebt habe ich mich nicht.
Claudia: Verliebt kann ich auch nicht sagen. Aber ich mag den Callboy inzwischen sehr gern. Er nennt es «Liebe auf Zeit». Das akzeptiere ich. Wenn ich mich in ihn verlieben würde, wäre das ganz schlecht. Ich weiss genau, dass ich nicht an ihn rankomme. Ich zehre noch Wochen später von unseren Treffen.

«Der Callboy behandelt dich mit Respekt. Andere Männer wollen sich einfach ­bedienen lassen.»

Claudia

Was unterscheidet Sex mit einem Callboy von Gelegenheitssex?
Karin: Sofern ich das Geld habe, würde ich öfter einen Callboy buchen. Ich muss nicht diskutieren, ob Kondome benutzt werden, sondern kann davon ausgehen, dass er sauber und kultiviert daherkommt. Wenn ich früher, in meiner wilden Jugend, jemanden nach Hause genommen habe und die Hosen runtergelassen wurden … nee. Ich erwarte Sauberkeit und ein Verständnis für Geschlechtskrankheiten. Das kriegst du von einem ordentlichen Callboy.
Claudia: Der Callboy behandelt dich mit Respekt. Ich hatte auch schon Dates mit anderen Männern. Aber der Sex war da richtig schlecht. Das war einfach immer das klassische Rollenklischee. Sie wollten sich bedienen lassen. Das will ich nicht mehr.


Ein Callboy garantiert eher sexuelles Vergnügen als Gelegenheitssex?
Karin: Ich spreche der Männerwelt natürlich nicht ab, dass es auch tolle Männer gibt. Und logisch kümmere ich mich als heterosexuelle Frau auch gern um den Mann. Es gibt aber zu wenig Männer, die sich zurücknehmen, die Frauen im richtigen Moment in den Mittelpunkt stellen. Ein guter Callboy macht das. Deswegen würde ich die Frage bejahen.

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Warum ist das Angebot für Bezahlsex für Frauen trotzdem klein?
Karin: Die wenigsten Frauen sind mutig genug, einen Callboy zu buchen. Insofern scheitert es an der Nachfrage. Die Bedürftigkeit wäre da. Oft werden Frauen von der Gesellschaft für ihre sexuellen Bedürfnisse abgestraft. Diese Hürden zu überwinden, das müssen sich die Frauen selbst erlauben und es dann auch einfach tun; egal, was das Umfeld denken könnte.


Ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Gesellschaft das eher toleriert?
Karin: Ich wünsche es uns Frauen. Letztendlich gehe ich beseelt aus einer solchen Begegnung raus und bin extrem happy. Obwohl ich dafür zahle. Es ist, wie sich selbst zu beschenken.

«Du brauchst keinen Ritter, der dich rettet. Du bist Schöpferin deines eigenen Wohlergehens.»

Karin

Ist es nicht eine ziemlich unromantische Entwicklung von Beziehungen?
Karin: Das ist wieder dieses komische Verständnis, dass «sexuelle Begegnung» immer mit Beziehung und – schlimm – Romantik zu tun haben muss. Das sind Mädchenträume, mit denen wir aufgewachsen sind. Es kommt ein Reiter auf dem Schimmel, «und wenn sie nicht gestorben sind, sind sie glücklich bis  …» – Quatsch. Man muss nur die Scheidungsraten angucken. Romantik macht einen nur unglücklich.


Auch im Alltag wird der Mann oft als der aktive, handelnde Part beschrieben …
Karin: … während die Frau passiv auf ihre Erlösung oder Rettung wartet, statt ihren Bedürfnissen nachzugehen, genau. Ich habe Glück gehabt, schon als Kind sehr selbstbestimmt zu tun und zu lassen, worauf ich Bock habe. Das hat mich weitestgehend vor dieser Mädchenrolle beschützt. Du brauchst keinen Ritter, der dich rettet. Du bist Schöpferin deines eigenen Wohlergehens. Ergo kann ich Entscheidungen treffen, wie zum Beispiel bezahlten Sex mit einem Profi, mit dem ich mich richtig wohlfühle. Mein Credo ist: Meine Sexualität gehört mir, also bestimme ich auch allein darüber.


Kennen Männer und Frauen den weiblichen Körper schlecht?
Claudia: Ich bin eine dominante Frau, ich sage, was ich möchte und was nicht. Aber sicher werden das einige Frauen nicht machen. Es gibt auch noch zu viele Machos in unserer Gesellschaft, die meinen, die Frau müsse das und das machen bei ihm und er nicht bei ihr. Und dann gibt es viele, die beleidigt sind, wenn sie sagt, was er besser machen könnte. Da habe ich keinen Bock drauf.
Karin: Ich habe mit meiner neunjährigen Nichte kürzlich ein «Fun Facts»- Buch durchgelesen. Da war etwas über den weiblichen Orgasmus drin. Sie fragte mich, was das ist. Ich sagte: Ein Orgasmus ist etwas, was du völlig unabhängig von irgendeinem Freund oder einer Freundin – was auch immer später kommt – erleben kannst. Etwas, was für dich allein wertvoll ist. Und zwar jeden Tag, wenn du willst. Sie hat genau zugehört. Ich hoffe, es bleibt was hängen. Ich spreche auch mit dem Callboy über seine Erfahrungen. Er hat immer wieder mit Kundinnen zu tun, die das eine oder andere noch nicht an sich erlebt oder probiert haben. Als bekennende Feministin will ich das nicht für uns Frauen. Ich will, dass wir Spass haben. Mit oder ohne Callboy.

*Claudia ist verheiratet, aber getrennt und wohnt in Deutschland.
*Karin lebt in einer toleranten Beziehung und wohnt in der Schweiz.

Beide sind in ihren Fünfzigern.

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