Segeln, kochen, trinken, postpubertäre Bubenstreiche aushecken und in Bierlaune kaum ernst gemeinte Sprüche über «warme Brüder» klopfen - all dies gehört zur engen Männerfreundschaft, die Paul, 36, seit zehn Jahren mit drei Zürcher Freunden pflegt. Man vertraut sich, gehört zum heterosexuellen, fortschrittlichen Männerschlag. Berührungsängste kennt keiner der vier. Bis beim letzten gemeinsamen Wochenende unerwartet einer aus der Clique bekannte, dass er schwul ist.

«Erst habe ich das nur zur Kenntnis genommen», erzählt Paul. «Dann begann mein Kopf zu arbeiten.» Verunsichert sei er gewesen - auch darüber, dass ihn die unerwartete Homosexualität eines so engen Freundes besonders beschäftigte. «Ich hab mir überlegt, ob sich jetzt wohl die Art unserer Zusammentreffen ändert, angefangen bei so banalen Nebensächlichkeiten wie dem Sprüchereissen über ‹schwule rosa Hemdchen›», erinnert sich Paul.

Auch Valeria, ebenfalls 36, kennt die Tücken der freien Gedanken. Sie selbst ist aufgeschlossen, mit einem Mann liiert, hat Homosexuellen gegenüber keine Probleme. Eine unerwartete Eröffnung seitens der besten Freundin würde jedoch auch sie ins Grübeln bringen: «Es geht nicht um Diskriminierung, sondern um Unsicherheiten», stellt sie klar. «Nicht die Homosexualität ist das Problem, sondern zu wissen, wie man damit umgehen soll, wenn plötzlich eine enge Freundin eröffnet, dass sie das gleiche Geschlecht liebt. Man will Signale nicht falsch interpretieren, um niemanden zu verletzen.» Auch sie hat sich im Verlauf ihrer Freundschaft zu lesbischen Frauen gelegentlich überlegt, ob sie ihre offene Art ändern sollte. Sie hat darauf verzichtet. «Meistens war nicht einmal ein Gespräch über den Umgang miteinander nötig. Es hat geklappt, weil jeder die Orientierung des anderen akzeptierte und meine Anfangsüberlegungen damit verflogen», erzählt sie. «Wer jedoch unsicher bleibt, sollte die lesbische Freundin besser darauf ansprechen.»

Wie war das mit der Umarmung?
Wie viele Menschen homosexuell sind, darüber variieren die Angaben erheblich. Umfragen gehen von bis zu zehn Prozent der Bevölkerung aus, die lesbisch oder schwul sind. Gleichwertig anerkannt ist die Homosexualität in unserer Gesellschaft dennoch nicht. Seit diesem Jahr gilt das neue Partnerschaftsgesetz, das gleichgeschlechtlichen Paaren zumindest ermöglicht, ihre Partnerschaft amtlich eintragen zu lassen. Gesetze kann man neu formulieren, in den Köpfen ändert sich deshalb nicht unbedingt alles. Deshalb gibt es zahlreiche Bücher zum Thema Homosexualität, die helfen sollen, die Liebe zum gleichen Geschlecht zu erklären, das so genannte Coming-out zu erleichtern. Schwule und Lesben bekommen Tipps, Eltern Ratschläge, wie sie mit ihren homosexuellen Kindern umgehen sollen.

«Für die vielen heterosexuellen Freunde und Freundinnen von Schwulen und Lesben gibt es nur wenig Hilfestellungen», räumt der Zürcher Psychotherapeut Kurt Wiesendanger ein. «Von ihnen wird allseits erwartet, dass sie dank ihrer Aufgeklärtheit auch dann mit Unsicherheiten umgehen können, wenn die Homosexualität engster Freunde unvermittelt ins Leben platzt.»

So einfach ist es aber nicht, die Grätsche zwischen Erwartungen und Empfindungen zu bewerkstelligen. Oft bleibt lieber verschwiegen, was seitens anderer als intolerant gilt. «Es ist falsch, sich vorzumachen, dass sich nichts ändert, wenn enge Freunde plötzlich schwul oder lesbisch sind», räumt Fachautor Wiesendanger mit der politisch opportunen Selbsttäuschung auf. «Egal, wie aufgeklärt man zu sein glaubt, solche Coming-outs werfen uns sehr konkret auf die eigene Sexualität zurück. Das löst Fragen nach Wünschen, Sehnsüchten und Träumen aus, die den gemeinsamen Umgang beeinflussen.» Wie ist das mit dem Duschen nach dem Sport? War das eine freundschaftliche Umarmung oder mehr? Weshalb mache ich mir überhaupt Gedanken? Wer sich damit nicht auseinander setzt, riskiert, in die Falle der Scheintoleranz zu tappen. Mittelfristige Abwehrhaltungen bis hin zum Bruch der Freundschaft können die Folgen sein.

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Was man nicht kennt, macht Angst
Unnötige Folgen, wie der Fachmann weiss. Denn solche Unsicherheiten sind normal. Das liegt nicht zuletzt am Weltbild, das uns von Kindesbeinen an von allen Seiten vermittelt wird. Unbewusst erkennen wir die Paarung Mann und Frau als richtig an, alles andere als zumindest anders. «Was man nicht oder nur theoretisch kennt, macht Angst. Das ist in Rassismusfragen ebenso», erklärt Wiesendanger. «Reden, auch über Vorurteile und Vorstellungen von Sexualität», rät der Experte beiden Seiten. Und legt vor allem Männern offene Gespräche ans Herz. «Männer sind gegenüber Schwulen deutlich abwehrender als Frauen gegenüber Lesben. Dies auch deshalb, weil sie es noch immer nicht gewohnt sind, über Gefühle zu reden und darüber zu Lösungen zu kommen.»

Auch Paul hat diese Erfahrung gemacht: «Wir müssen uns darauf verlassen können, dass wir offen miteinander umgehen, damit keine Missverständnisse aufkommen. Mit etwas Humor haben wir einen Weg ins Gespräch gefunden.»

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Tipps für den Tabubruch

 

  • In sich hineinhorchen: Das neue Wissen über die sexuelle Orientierung von Freunden wirft Fragen auf, über die es sich lohnt nachzudenken.
     
  • Weg mit der Angst, als intolerant zu gelten: Das ist Teil unserer anerzogenen Denk- und Verhaltensmuster und normal.
     
  • Verhältnis überprüfen: Wer Hemmungen hat, direkt mit seinem Freund oder der Freundin zu sprechen, sollte dies zuerst mit heterosexuellen Freunden versuchen.
     
  • Austausch lediglich mit Hetero­sexuellen ersetzt aber selten das Gespräch mit den homosexuellen Freunden. Wichtig: Zeigen, dass man die Homosexualität akzeptiert, obwohl man verunsichert ist.
     
  • Offenheit auf beiden Seiten ein­fordern: Je ehrlicher man seinen Gedanken Raum lässt, desto ungezwungener wird der Umgang.

Buchtipps

Udo Rauchfleisch: «Schwule, Lesben, Bisexuelle. Lebensweisen, Vorurteile, Einsichten»; Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, 3. Auflage, 2001, 268 Seiten, CHF 42.50

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Karin von Flüet: «Zusammen leben, zusammen wohnen»; Beobachter-Buchverlag, 2007, 240 Seiten, CHF 36.-

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Quelle: Beobachter Bewegtbild