Die feuchtfröhliche Zeit naht. Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, Wein bei der Weihnachtsfeier, Schämpis an Silvester. «Massvoll und genussvoll getrunken, kann Alkohol eine feine Sache sein», sagt der Berner Suchtexperte Toni Berthel. «Aber er kann halt auch Schwierigkeiten bereiten Alkoholismus Wenn Genuss zum Zwang wird

Der Alkoholkonsum ist bei uns zwar seit Jahren rückläufig. 2016 nahm jeder Schweizer rund acht Liter puren Alkohol zu sich – europäisches Mittelfeld. Aber jedes Jahr sterben etwa 1600 Personen an den Folgen des Alkoholkonsums. Jeder fünfte Schweizer trinkt zu viel, 250'000 sind alkoholabhängig Alkoholismus Mein Papi, der Säufer , so das Bundesamt für Gesundheit.

Ab wann wird der Alkoholkonsum gefährlich?

Zu viel Alkohol schädigt auf die Dauer Gehirn, Leber, Nerven und Magenschleimhaut. «Natürlich geht ein problematischer Konsum nicht selten in eine Abhängigkeit über», warnt Experte Toni Berthel. So weit muss es nicht kommen. «Übernehmen Sie die Verantwortung für Ihren Alkoholkonsum», sagt Berthel. Damit aus dem Genuss kein Risiko wird Sucht «Bin ich ein Alkoholiker?» .

Studien zeigen, dass bis zu fünf Gramm Alkohol pro Tag keine messbaren negativen Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Die fünf Gramm entsprechen etwa einer halben Alkoholeinheit (siehe Infobox unten) respektive einem halben Glas Wein.

Ein bis zwei alkoholfreie Tage einlegen

Ob sich sogar positive Effekte einstellen, ist wissenschaftlich umstritten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Männern maximal drei bis vier Alkoholeinheiten pro Tag, Frauen maximal zwei bis drei. Zudem sollte man pro Woche ein bis zwei alkoholfreie Tage einlegen. Wer regelmässig mehr trinkt, schadet sich.

Nachgefragt

Wann brauche ich Hilfe wegen des Alkoholkonsums?

 

Wer seinen Alkoholkonsum nicht im Griff hat, muss nicht gleich abstinent werden, sagt Experte Toni Berthel.

 

Beobachter: Ist es schlimm, wenn man in der Weihnachtszeit über die Stränge schlägt?
Toni Berthel: 
Wer weniger trinken will, hat seine Trinkgewohnheiten unter Kontrolle. Und trinkt vielleicht in der Weihnachtszeit zu viel, aber dann eben in den Wochen danach weniger. Wer dagegen seinen Konsum nicht mehr im Griff hat, muss nicht abstinent werden, sondern sollte versuchen, kontrollierter zu trinken. Und konkret zu planen, wann er wo wie viel trinken will. Es geht darum, wieder Kontrolle über sein Leben zu erhalten.

Brauche ich dazu professionelle Hilfe?
Wir wissen, dass ein Grossteil der Leute, die zu viel Alkohol konsumieren, die Menge ohne professionelle Hilfe reduzieren kann. Sie schaffen es auch, wieder selbstkompetent im Umgang mit Alkohol zu werden. Ein Mittel kann auch ein Trinktagebuch sein. Es schafft eine Bestandsaufnahme und konfrontiert mit der Realität, wann, wo, weshalb und wie man trinkt und wie man sich dabei fühlt. Dann kann man sich Ziele setzen. Dabei helfen kann zum Beispiel die kostenlose App «Drink Less Schweiz» der Fachstellen Sucht Kanton Zürich.

Es gibt Medikamente, die dabei helfen sollen. Was ist davon zu halten?
Diese Medikamente schwächen das Verlangen nach Alkohol ab und reduzieren so die Motivation zum Trinken. Allein bringen Medikamente aber nichts, zudem schlagen sie nicht bei jedem an. Wer weniger trinken will und es allein nicht schafft, sollte zur Beratung gehen, sein Verhalten analysieren und dann sehen, ob eventuell ein Medikament helfen kann, das Ziel zu erreichen.

Woran erkenne ich, dass ich meinen Alkoholkonsum nicht mehr im Griff habe?
Das fällt Betroffenen leider erst dann auf, wenn es zu Schwierigkeiten in der Beziehung, am Arbeitsplatz, zu einem Unfall, einer Schlägerei oder Auseinandersetzungen gekommen ist.

Toni Berthel ist Suchtexperte bei der Integrierten Psychiatrie Winterthur/Zürcher Unterland.

Toni Berthel ist Suchtexperte bei der Integrierten Psychiatrie Winterthur/Zürcher Unterland und Präsident der Eidgenössischen Kommission für Drogenfragen.

Quelle: ZVG

Die Pegel-Regel

Die üblicherweise ausgeschenkte Menge Alkohol entspricht einer Einheit (10 bis 12 Gramm reiner Alkohol). Bei Mischgetränken kann es aber durchaus mehr sein.
Ein Glas Rotwein
Quelle: Anne Seeger/Andrea Klaiber

Rotwein

1 dl (13,5 Vol.-%) = 1 Einheit

Ein Glas Bier.
Quelle: Anne Seeger/Andrea Klaiber

Bier

3 dl (4,8 Vol.-%) = 1 Einheit

Ein Glas Whisky
Quelle: Anne Seeger/Andrea Klaiber

Whisky

4 cl (40 Vol.-%) = 1,2 Einheiten

Ein Glas Prosecco
Quelle: Anne Seeger/Andrea Klaiber

Prosecco

1 dl (11 Vol.-%) = 0,8 Einheiten

Ein Glas Dry Martini

Quelle: Anne Seeger/Andrea Klaiber

Dry Martini

1 cl Wermut (15 Vol.-%) + 6 cl Gin (40 Vol.-%) = 1,9 Einheiten

Tipps: So reduzieren Sie Ihren Alkoholkonsum

  1. Trinken Sie langsam. Schütten Sie alkoholische Getränke nicht gegen Durst oder Kummer hinunter – und schon gar nicht, wenn Sie allein sind.
  2. Trinken Sie nach jedem alkoholischen Getränk ein alkoholfreies.
  3. Verdünnen Sie harten Alkohol oder ersetzen Sie ihn durch «weichen».
  4. Bieten Sie an, Freunde zum Anlass zu fahren. Dann ist sicher, dass Sie so gut wie nichts trinken dürfen – und Sie erhalten dabei mehr Support.
  5. Nehmen Sie sich vor, welche Menge Sie maximal zu sich nehmen wollen. Nur so haben Sie sich unter Kontrolle. Weisen Sie Freunde gleich zu Beginn darauf hin und lassen Sie sich nicht durch Lokalrunden zum Trinken verleiten.
  6. Überprüfen Sie eingeschliffene Rituale wie das Bierchen nach Feierabend oder nach dem Sport, Drinks bei Stress – oder sobald Freunde auf dem Sofa Platz nehmen. Setzen Sie stattdessen auf alkoholfreie Getränke.
  7. Lagern Sie keinen Alkohol im Haus. Was nicht da ist, verlockt nicht. Belohnen Sie sich mit etwas anderem.
  8. Trinken Sie ausschliesslich zum Essen. Räumen Sie aber nach dem ersten Eingiessen die Flasche vom Tisch, sonst ist sie schnell leer.
  9. Sie müssen nicht trinken, weil es andere tun. Der gesellschaftliche Druck hat hier abgenommen, da die Risiken besser bekannt sind.
  10. Wenn Sie denken, dass Sie Ihren Alkoholkonsum nicht mehr unter Kontrolle haben: Warten Sie nicht ab. Kontaktieren Sie eine Suchtberatungsstelle oder den Hausarzt. Viele tun es nicht, weil sie sich schämen – oder aus der falschen Vorstellung heraus, sie müssten fortan abstinent leben.

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

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