Eigentlich ist der Mensch zum Barfussgehen gemacht. Doch mit fortschreitender Zivilisation legte er sich Schuhe zu, primitive zuerst, dann technisch immer perfektere, die den Fuss optimal stützen und seinen Aufprall dämpfen sollen.

In den letzten Jahren sieht man diesen Fortschritt mit deutlich kritischeren Augen: Unsere Füsse werden zu wenig gefordert, die Fussmuskulatur verkümmert, die Sensomotorik sendet der Dämpfung wegen falsche Signale, Auftrittsschläge gehen ungelindert in den Rücken. Die Folgen: Fuss-, Rücken- und Haltungsprobleme.

An der ETH Zürich wird daher zurzeit intensiv geforscht. Christian Kryenbühl, der für den ETH-Spin-off Swissbiomechanics im Bereich Lauf- und Fussanalysen arbeitet, sagt: «Im Moment findet vor allem im Running-Bereich ein Wechsel statt: weg von zu grossen Dämpfungselementen im Schuh hin zur Stärkung des Fusses.»

Es war abzusehen, dass der Lifestyle-Kommerz auf den neuen Trend aufspringen würde. So gibt es heute eine ganze Anzahl von Schuhen, die dem Fuss mehr Eigenleistung ­abfordern sollen und ihren Trägern, vor allem aber den Trägerinnen, zum Teil hochfliegende Versprechungen machen. Dafür bezahlt die Kundschaft gern 200 bis 300 Franken.

Kritik an der «Massai-Romantik»

Ein Pionier des neuen Typus ist der MBT-Schuh, der als «Antischuh» vermarktet wird. Das Kürzel steht für Massai-Barfusstechnologie. Erfunden hat den Schuh mit der dicken, abgerundeten Sohle der Schweizer Ingenieur Karl Müller, der laut eigener Aussage unter Rückenschmerzen litt und diese durch regelmässiges Spazierengehen auf den weichen Böden asiatischer Reisfelder lindern konnte. Seit 1996 ist der MBT-Schuh im Handel. Er soll Fuss-, Knie-, Rücken- und Nackenbeschwerden verringern und darüber hinaus für einen knackigeren Po und straffere Oberschenkel sorgen. Ausserdem soll, wer einen MBT trägt, im Gehen und im Stehen mehr Kalorien verbrennen.

«Ich halte nicht viel von dieser Massai-Romantik», sagt Karin Albrecht, Ausbildnerin zum Thema Körperhaltung und Stabilität in Zürich. Den MBT solle man – wie alle anderen Funktionsschuhe auch – mit Vorsicht und vor allem nicht ohne die Empfehlung einer Fachperson tragen. «Der Fuss ist eine komplexe Angelegenheit», sagt sie. «Er muss gleichzeitig geschützt und bewegt werden. Man kann durchaus ein Problem lösen, indem man Funktionsschuhe trägt. Aber es ist möglich, dass man sich dadurch ein neues einhandelt.» Bei Tätigkeiten, die langes Stehen erfordern, könne der MBT sinnvoll sein, weil er den Körper in eine leichte Vorlage zwinge und so die Muskeln der unteren Wirbelsäule aktiviere. Aber: Durch die veränderte Abrollphase könne der Schuh den Knien und dem Hüftgelenk Probleme bereiten.

Marketingmaschinerie läuft auf Hochtouren

Im Gegensatz zum dicksohligen MBT setzt man beim Barfussschuh von Nike, dem Free, auf eine Art Wursthaut mit flexibler Sohle. Bereits in den Neunzigern brachte Nike minimal gedämpfte Schuhe auf den Markt, die Vermarktungsmaschinerie läuft allerdings erst seit der Lancierung des Free im Jahr 2005 auf Hochtouren.

«Mit dem Free hat Nike eine super Marktlücke entdeckt», sagt Michael Wawroschek, der das Swiss Olympic Medical Base der Sportclinic Zürich leitet und seit Jahren Arzt von Simon Ammann und Andreas Küttel ist. «Ganz barfuss zu laufen halte ich auf unseren Asphaltböden für wenig sinnvoll. Das Barfusslaufen fördert die vernachlässigte kurze Fussmuskulatur, die nicht nur zur Stärkung des Fusses, sondern auch zur sensomotorischen Steuerung und zur Verbesserung der gesamten Körperhaltung führt. Ein Barfussschuh ist eine gute Alternative, weil man relativ wenig falsch machen kann, wenn man ihn nicht von einem Tag auf den anderen als Joggingschuh verwendet.» Dann nämlich drohen Überlastung und Muskelkater.

«Ein strafferes Fudi bekommt man nicht»

Auch Wawroschek sagt, dass Funktionsschuhe oft auf guten Ideen basieren, aber Risiken bergen. «Für den Rücken ist ein MBT eine sehr gute Sache, aber wenn jemand zum Beispiel eine prominente Ferse hat, handelt er sich mit einem solchen Schuh neue Probleme ein.» Auch bei MBT betont man, dass die Entscheidung, ob der Schuh in der Therapie sinnvoll oder schädlich sei, beim behandelnden Arzt liegt. «Der MBT ist ein Trainingsgerät und sollte dementsprechend angewendet werden», sagt Monika Rot, Marketingchefin von MBT. Nicht empfohlen werden sollen solche Schuhe ganz klar bei Entzündungen, Schleudertraumata oder in den ersten
Wochen nach einer Operation.

«Ein strafferes Fudi bekommt man be­stimmt nicht einfach dadurch, dass man MBTs oder Reebok Easytones trägt», sagt der frühere Sprinter und heutige Personal Trainer Dave Dollé. Grundsätzlich findet er es besser, eine Barfusseinheit ins Training zu integrieren, als spezielle Schuhe zu tragen. Den Grundsatz, dass der Körper durch einen entsprechenden Funktionsschuh zu mehr Stabilisations­leistung gezwungen werde, findet Dollé an sich gut. «Das Heikle daran ist bloss: Wenn jemand schon von vornherein nicht stabil ist, vielleicht Probleme mit Gelenken oder Bändern hat, dann schaden solche Schuhe mehr, als sie nützen.»

Für Leute, die abnehmen wollen, klingt die Idee verlockend, dass man auf Wackelsohlen quasi im Vorbeigehen mehr Kalorien verbrennen kann als auf herkömmlichen. Fakt ist, dass der Körper tatsächlich mehr Leistung erbringen muss, wenn er sich plötzlich stabilisieren soll. Bloss: Der Körper erlernt diese Stabilisation schnell und muss dann keine signifikante Mehrleistung mehr erbringen. Denn auch bei Funktionsschuhen gilt der gute alte Grundsatz, dass es im Leben nichts gratis gibt.

Für Leute, die ihr Training optimieren oder ihre Haltung verbessern möchten, können die verschiedenen Funktionsschuhe eine Alternative sein. Allerdings verlässt man sich besser nicht auf den Tipp der Kollegin im Fitnessstudio und schon gar nicht auf die Versprechungen der Werbung, sondern auf den Rat einer ausgewiesenen Fachperson. Aus diesem Grund betreibt MBT in der Schweiz auch keinen Onlineshop, sondern verkauft die Schuhe nur im Fachhandel, der eine gute Kundenbetreuung garantieren soll.