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Koni Rohner zu Sinnfindung«Wieso soll ich weiterleben?»

Frage: Seit ich meinen Partner nach langer, schwerer Krankheit verloren habe, finde ich mich nicht mehr zurecht. Nichts macht mir mehr Freude. Ich fühle mich überfordert, und manchmal ist mir alles verleidet. Wieso soll ich weiterleben? Rita S.

Weil es noch etwas gibt, das auf Sie wartet. Im Moment fällt es Ihnen sicher schwer, daran zu glauben, dass Sie wieder einmal neugierig auf die Welt zugehen werden und dass Ihnen das Dasein wieder Freude machen wird. Es ist ganz natürlich, dass jetzt eine grosse Leere da ist, wenn Sie nach intensiver Pflege und Zuwendung zum kranken Partner plötzlich allein sind. Lange Zeit bestand der Sinn Ihres Lebens wahrscheinlich darin, den leidenden Partner zu unterstützen. Jetzt ist diese Aufgabe erfüllt. Sie brauchen eine neue geistige Orientierung.

Wie wichtig eine solche Orientierung ist, hat der Wiener Psychiater Viktor Frankl (1905-1997) beschrieben. Seelisches Leiden hängt nicht nur mit Gefühlsproblemen zusammen; meist ist bei neurotischen Störungen auch die geistig-philosophische Dimension aus dem Gleichgewicht geraten. Normalerweise ist der Sinn des Lebens einfach gegeben - wir denken nicht darüber nach. Durch traumatische Erfahrungen wie den Verlust eines Lebenspartners, eine eigene schwere Krankheit oder einen Unfall kann diese Selbstverständlichkeit verlorengehen.

Sinn entsteht, wenn das Ego schrumpft

Plötzlich weiss man nicht mehr, ob man auf dem richtigen Weg ist, weiss nicht mehr, was anzustreben ist, weiss nicht mehr, was wichtig ist und was unwichtig. Man wird handlungsunfähig, beginnt über sich und das Leben nachzudenken, man gerät in ein übermässiges Intellektualisieren und Reflektieren, in einen Zustand der «Hyperreflexion», wie Frankl es nannte. Das macht wörtlich keinen Sinn, denn es schafft keinen Sinn. Sinnhaftigkeit erlebt man, wenn man sich einer Sache oder Aufgabe hingibt, wenn das Ego schrumpft. Glückbringende Selbstentfaltung heisst immer auch Selbsttranszendierung - oder einfacher: über die eigene Nase hinauszuschauen.

Das Leben selbst liefert keinen Sinn, sagt Frankl. Vielmehr stellt es Fragen, auf die wir mit unseren Handlungen antworten. Aber unsere Anworten ergeben einen Sinn. Und zwar einen jeweils individuellen. Eine Psychotherapie kann helfen, diese Grundlinie des eigenen Lebens wieder zu finden. Aber nicht indem der Therapeut philosophische Vorträge hält oder einem seine eigene Weltsicht schmackhaft machen will. Seine Aufgabe ist es vielmehr, einen Prozess anzuregen, in dessen Verlauf der Klient das entdeckt, was seinem Leben Sinn gibt.

Frankl hat Techniken entwickelt, wie man jemanden aus dem Grübeln herausholen kann oder wie man lernt, sich vom eigenen Leiden etwas zu distanzieren. Einer seiner Lieblingssätze soll gelautet haben: «Ich muss mir nicht alles von mir gefallen lassen» - man soll sich von seinem Charakter, von seinen Schwächen nicht versklaven lassen. Und natürlich soll man sich auch nicht von Schicksalsschlägen unterkriegen lassen. Wer einen Sinn in seinem jetzigen und zukünftigen Leben sieht, ist gesünder und widerstandsfähiger, kann Leid besser ertragen. Viktor Frankl hat dies am eigenen Leib erfahren: Er überlebte drei Jahre im Konzentrationslager und entwickelte später aufgrund dieser Erfahrung seine Therapieform, die er Logotherapie (Sinntherapie) nannte.

Buchtipp

Viktor E. Frankl: «Das Leiden am sinnlosen Leben. Psychotherapie für heute»; Herder-Verlag, 1978, 17. Auflage, 124 Seiten, Fr. 16.90

Veröffentlicht am 05. August 2008