Es war einmal ein älterer Herr, der in seinem Leben fast alles erreicht hatte. Da merkte er, dass das grösste Glück darin besteht, anderen zu helfen. Er kam auf die Idee, im fernen Marokko ein Dorf für unehe­liche, verstossene Kinder zu gründen. Und so geschah es.

Der Mann heisst Hansjörg Huber, ist gut 70 und war Versicherungsagent. Und das Dorf für Kinder hat er tatsächlich gebaut. Es heisst Dar Bouidar und liegt rund 30 Kilometer südlich von Marrakesch am Fuss des Hohen Atlas. Die Planung begann 2009, drei Jahre später fanden erste Bauarbeiten statt. Über 1,5 Mil­lionen Franken aus eigenen Mitteln sowie sehr viel Zeit und Herzblut hat Huber nach eigenen Aussagen in das Kinderdorf investiert.

Das Projekt findet noch heute neue Unterstützer. Etwa den deutschen Kinderarzt Gerd Sparrer. Diesen Februar ­verbrachte er zwei Wochen in Dar Bouidar. Seine Erfahrungen hielt er in ­einem Bericht fest – eine Lobeshymne. Sparrer sieht Dar Bouidar als gross­artiges Beispiel privaten, karitativen Engagements, einer Vision, die tatkräftig umgesetzt worden ist.

Auch mit Spendengeldern. Allein in der Schweiz kam in den letzten fünf Jahren rund eine Million Franken für Dar Bouidar zusammen.

«Huber hat mich nachweislich zweimal betrogen.»

 

Brida von Castelberg, grösste Einzelspenderin

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Buchungsfehler, Rücktritt, Entlassung

Doch seit einiger Zeit steht Hansjörg Huber heftig in der Kritik. Der marokkanische Verein und der Schweizer Unterstützungs­verein Kinderdorf Marrakesch sind in Turbulenzen geraten. In beiden Vereinen gab es interne Auseinandersetzungen, teils mit juristischem Nachspiel.

So wurde die Direktorin des Kinder­dorfs im September 2015 Knall auf Fall entlassen. Im Oktober 2015 traten alle Vorstandsmitglieder des Schweizer Vereins zurück. Diesen Februar legte der Kassier des marokkanischen Vereins sein Amt unter Protest nieder. In allen Fällen wurden ein eigenmächtiges Vorgehen von Huber und undurchsichtige finanzielle Praktiken an­geprangert. Dass einiges schiefläuft, zeigt auch die Zahl der Mitglieder. Vor anderthalb Jahren waren es über 1000, heute sind es noch rund 200.

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Was ist los in Dar Bouidar? Huber präsentiert seit Jahren die Gebäude, in denen gelegentlich ein Kinderarzt arbeitet, die Aufenthalts- und Spielräume für die Kinder und die Galerie mit seiner Gemäldesammlung. Oder die Moschee auf dem zwölf Hektar grossen Gelände. Er sei wohl der ­ein­zige Schweizer, der eine Moschee ­besitze, steht in einer der vielen Broschüren. An anderer Stelle heisst es, ein grosszügiger Spender habe die ­Moschee finanziert.

«Mit der Wahrheit geht Huber ausgesprochen locker um», sagt Brida von Castelberg, ehemalige Chefärztin der Frauenklinik des Zürcher Stadtspitals Triemli. Sie ist die grösste Einzelspenderin von Dar Bouidar.

Die Angestellten sagen nichts. Vielleicht auch weil Ibtissam Majdar, die Leiterin des Kinderdorfs, im September 2015 fristlos entlassen wurde. Sie hatte Marc Schaetzle, den damaligen Präsidenten des Schweizer Vereins, auf Unregelmässigkeiten und inkorrekte Verbuchungen von Ausgaben hingewiesen. Schaetzle, seine Frau Joya und Ärztin von Castelberg zogen nach den Gesprächen mit Majdar die Notbremse. Sie verfassten eine Mail an alle Mitglieder und traten aus dem Schweizer Verein aus.

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Das Kinderdorf in Marokko wirft Fragen auf.

Quelle: Beat Stauffer

An einer ausserordentlichen Generalversammlung im Oktober 2015 traten auch die restlichen fünf Vorstandsmitglieder aus; sie könnten es nicht länger verantworten, im Vorstand eines Vereins zu sitzen, der mit Spendengeldern auf solche Weise umgehe. Vereinsguthaben von rund 230'000 Franken überwies man auf ein Sperrkonto bei einer Zürcher Anwaltskanzlei, ­gegen Huber wurde eine Betrugsklage eingereicht. Doch drei Monate darauf verfügte die Zürcher Staatsanwaltschaft, das Geld müsse dem Verein ­unter dem mittlerweile neu konstituierten Vorstand überwiesen werden.

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Marc Schaetzle, während dreier Jahre Präsident von Dar Bouidar, will sich öffentlich nicht mehr zum Fall äus­sern. Brida von Castelberg dagegen sagt, sie sei «tief enttäuscht von ­Hubers Verhalten», vor allem wegen seines Umgangs mit der damaligen Direktorin und einer jungen Ärztin, die er stundenlang ausgefragt habe und von der Polizei habe verhören lassen. Es sei für sie unmöglich geworden, weiter mit Huber zusammenzuarbeiten.

Einstige Unterstützer klagen an

«Huber hat mich nachweislich zweimal betrogen», sagt von Castelberg. So habe er ihr für den Bau des ein­fachen Ärztehauses 97'000 Franken in Rechnung gestellt, obwohl nur 35'000 Franken budgetiert gewesen seien. In ­einem zweiten Fall habe er 92'000 Franken Spendengeld für den Kauf ­eines Ambulanzfahrzeugs für andere Zwecke verwendet. Von Castelberg hatte die eine Hälfte gespendet, eine Stiftung die andere. Das Fahrzeug wurde nachweislich nicht gekauft. Nach Androhung einer Klage zahlte Huber der Stiftung die 41'610 Franken zurück, von Castelberg wartet bis ­heute auf die Rückzahlung.

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Ein anderer Spender, der sich von Dar Bouidar abgewendet hat, ist der Zürcher Kinderarzt Andreas Schmidt. Es sei «eine einzige Katastrophe», sagt er. Huber habe viele Spender «nach Strich und Faden angelogen». Schmidt ist überzeugt, dass bei diesem Projekt Spendengelder veruntreut worden sind. Da habe «jemand unter dem Deckmantel der humanitären Arbeit versucht, sich zu bereichern».

«Gegen mich wurde ein Komplott geschmiedet. Ich musste eingreifen, um mein Lebenswerk zu retten.»

 

Hansjörg Huber, Gründer des Kinderdorfs

Schmidt erzählt von einem luxuriö­sen Tourismusprojekt, das Huber auf dem Grundstück neben dem Kinderdorf errichten wolle. Huber habe ihm die Pläne gezeigt. Ein solches Projekt können Europäer in Marokko auf Landwirtschaftsland nur mit einer Ausnahmebewilligung verwirklichen. Das Kinderdorf könnte, sollte das zutreffen, bloss Mittel zum Zweck gewesen sein, um eine solche Bewilligung zu erhalten.

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Andere Informanten sehen das ähnlich, lassen sich aber nicht zitieren. Manche scheinen Hubers mögliche Rache zu fürchten, andere haben offenbar nicht ganz legale Geschäfte mit ihm betrieben und sind erpressbar.

Gründer Huber sieht das alles anders. Vereinspräsident Schaetzle habe mit Direktorin Majdar ein Komplott gegen ihn geschmiedet. Er habe keine andere Wahl gehabt, als einzugreifen, «um mein Lebenswerk zu retten». ­Diese Sichtweise teilt André Kilchenmann, emeritierter Professor und einstiger Beirat von Dar Bouidar. Er war 2014 «vorwiegend aus gesundheitlichen Gründen» zurückgetreten. Er habe Huber damals mehrfach auf kritische Punkte aufmerksam gemacht, doch dieser habe seine Ratschläge leider erst im Nachhinein beherzigt.

Ex-Beirat verteidigt den Attackierten

«Huber war immer ein Mensch, der höchste Ziele verfolgt hat», sagt Kilchenmann. «Er hat sich nie mit halben Lösungen zufriedengegeben. Das ist seine Art.» Er schliesse aber absolut aus, dass Huber betrogen habe.

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Das Projekt Dar Bouidar hat einen weiteren Geburtsfehler. Huber hatte mehrfach behauptet, er sammle Geld ausschliesslich für Betrieb und Unterhalt des Kinderdorfs. Den Landkauf und die Bauten finanziere er mit ­eigenen Mitteln. Doch schon länger ist klar, dass das so nicht stimmt. In Broschüren wie auf der Website des Vereins wird aktiv um Spendengelder zur Fertigstellung der geplanten zehn ­«Familienhäuser» gebeten. Manche Insider vermuten gar, Huber habe Spendengelder abgezweigt, um Löcher in seinem privaten Budget zu stopfen. Huber weist all diese «gemeinen Anschuldigungen» kategorisch zurück.

Die Turbulenzen im Schweizer ­Unterstützungsverein hat Huber überstanden. Und der neue Vorstand scheint voll auf seiner Seite zu stehen. Für das Projekt wird nun unter dem neuen Namen «Les Enfants de l’Atlas – Village Dar Bouidar» geworben.

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Hubers Traum: ein Zuhause für uneheliche, verstossene Kinder.

Quelle: Beat Stauffer

Ungemach droht nun aber in Marokko. Der Immobilienhändler Laurent Hage ist Ende Februar 2017 unter Protest als Kassier von Dar Bouidar zurückgetreten. Er habe in den vier Monaten seiner Arbeit «nie Zugang zu den Konten gehabt», sagt er. Es exis­tiere «weder eine Kassa- noch eine Kontoführung, weder eine Jahres­bilanz noch eine Genehmigung der Jahresrechnung». Dar Bouidar werde «von Cowboys der untersten Schub­lade verwaltet, die Gesetze kaum respektieren». Hage hat im vergangenen Dezember gegen die Verantwortlichen des Vereins Anzeige erstattet.

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Auch hier stellt Huber die Sache anders dar. Hage sei ein «schwerkranker, nicht zurechnungsfähiger Mann», der an «Parkinson im fortgeschrittenen Stadium» leide. Zudem habe er die Direktorinnen des Kinderdorfs «bedroht und sexuell belästigt».

Die Lage ist verworren. Das dürfte zum einen daran liegen, dass die meisten Delikte, falls sie stattgefunden haben, in Marokko begangen wurden und daher von dortigen Gerichten beurteilt werden müssten. So bleibt wohl offen, ob es zu strafrechtlich relevanten Taten gekommen ist. Hansjörg ­Huber kämpft weiter mit aller Energie für sein Projekt. Beim Besuch vor Ort spricht er von neun weiteren Kinderdörfern, die er mit einem spanischen Verein realisieren will.

Es droht ein riesiger Scherbenhaufen

Kritiker aus der Schweiz schütteln den Kopf. Dar Bouidar verfüge bis heute weder über eine Betriebsbewilligung noch über die Bewilligung, medizinische Tätigkeiten auszuführen, sagen sie. Das Dorf erhalte zudem keine Kinder mehr von der Kafala, der marokkanischen Kinderschutzbehörde. Huber sei ein «riesiger Hochstapler mit viel Charisma», sagt Brida von Castelberg. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis der Betrug auffliege, glaubt ein anderer Informant.

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Huber widerspricht vehement. Er verweist auf einen «Vertrag, der mit dem Gesundheitsministerium abgeschlossen und vom lokalen Parlament ratifiziert wurde». Derzeit lebten 42 Kinder in Dar Bouidar. Auch diese Zahl bestreiten Kritiker. Kann der charismatische Gründer die kritischen Fragen nicht rasch klären, droht zumindest ein gigantischer Imageschaden.