Am Markt in Luzern ist fast kein Durchkommen. Besonders lang sind die Warteschlangen vor den Ständen der Biobauern – viele Städter ­legen offenkundig Wert auf nachhaltig produzierte Früchte und Gemüse. Je ­näher jedoch der Winter rückt, umso ­schmaler wird das Bioangebot aus hiesiger Ernte. Die Pflaumen und Granatäpfel sind aus ­Spanien, die Datteltomaten und Kiwis aus Italien, auch der Bioknoblauch wird aus Südeuropa herangekarrt, die ­Zitrusfrüchte sowieso. Von noch weiter her stammen Ananas und Avocados: aus ­Uganda und Peru.

Auch bei den Grossverteilern ist das ausländische Bioangebot derzeit breit. Zucchetti, Auberginen, Fenchel und ­Sa­late aus Südeuropa, Blondorangen aus Südafrika, Mangos aus Benin, Kiwis aus Neuseeland. Die Nachfrage nach Bio ist in den letzten Jahren stetig gewachsen; Coop etwa vermeldet einen Bioanteil von knapp 20 Prozent bei Früchten und Gemüse.

Doch die Frage stellt sich:

Was ist da­ran eigentlich bio, wenn man Früchte aus nachhaltiger Produktion um die halbe Welt transportiert?

Für den Zürcher ETH-Umweltinge­nieur Niels Jungbluth gibt es darauf keine einfachen Antworten. Der 48-Jährige hat sein bisheriges Berufsleben lang zu Ökobilanzen und grauer Energie geforscht. Um fundierte Aussagen zu machen, ­müsse er alle Faktoren vom Saatgut bis zur Endverpackung kennen, sagt er.

Woran sollen sich Konsumenten denn halten, die umweltbewusst einkaufen wollen? Jungbluths erster Tipp hat zunächst gar nichts mit Früchten und Gemüse zu tun: «Aus Umweltsicht sollte man unbedingt weniger Fleisch essen.» Er hat errechnet, dass die Ernährung in der Schweiz 28 Prozent der Umweltbelastung ausmacht. Mehr als 40 Prozent davon entstehen durch den Verzehr von Fleisch und tierischen Produkten.

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Doch auch bei Gemüse und Früchten gibt es ­Aspekte, die wesentlich ins Gewicht fallen. Hier rät Jungbluth erstens, kein Gemüse zu kaufen, das per Flugzeug transportiert wurde. Und zweitens, auf Früchte aus beheizten Gewächshäusern zu verzichten. «Wenn man diese Punkte beachtet und sich den Grundgedanken von Bio zu Herzen nimmt, dass nicht alles zu jeder Zeit verfügbar ist, fährt man aus Umweltsicht schon relativ gut.»

Tipp 1: Keine Flugtransporte

Wenn Früchte und Gemüse per Flugzeug in die Schweiz gelangen, schenkt das in der Ökobilanz massiv ein. Die Stiftung für Konsumentenschutz und das Bundesamt für Umwelt haben dazu einen Rat­geber herausgegeben. Etwa die Bioananas aus Uganda, am Luzerner Markt transparent beschildert mit «Flugtransport»: In der Richtwerttabelle kommt sie pro Kilo auf 9660 Umweltbelastungspunkte (Umweltbelastungspunkte = ein Index, der Faktoren wie Feinstaub, Treibhausgas CO2, Kadmium- und Nitratbelastung von Boden und Wasser enthält) – per Schiff wären es nur 340 Punkte, also ein Bruchteil dessen, was ein Flug an CO2 ver­ursacht. Allerdings: Die Südfrüchte müssen oft unreif ­eingeschifft werden, weil sie wochenlang unterwegs sind. Ihr Vitamingehalt ist dadurch meist niedriger als bei reif ­geernteten Früchten.

Bio-Knospe oder Havelaar?

Konsumenten, die die Schifffracht favorisieren, müssen auf die freiwillige Deklaration der Anbieter hoffen. Wenn der Transport nicht ausgewiesen ist, erhält man nur auf Um­wegen Klarheit; und es braucht einen langen Atem angesichts der zahlreichen Bio- und Fair-Trade-Labels, die Grossverteiler und Fachläden in der Schweiz führen (siehe Biolabel-Vergleich):

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Am konsequentesten ist dabei Hauptabnehmer Coop: Die eingeflogenen Produkte des gesamten Sortiments sind mit einem roten Aufkleber gekennzeichnet. «Zudem kompensieren wir die anfallenden Flugtransporte mit WWF-Projekten, die die höchsten Anforderungen erfüllen», sagt Coop-Mediensprecher Urs Meier. Migros deklariert den Flugtransport bisher nur bei frischer Ananas «Sélection». Sprecherin Christine Gaillet hält dazu fest, was dem Tenor aller angefragten Anbieter entspricht: «Aus ökologischen Gründen versuchen wir, möglichst viele ­Gemüse und Früchte per Schiff zu transportieren.»

Tipp 2: Produkte aus dem Gewächshaus meiden

Wenn eine Frucht im Gewächshaus heranreift, kann das die Ökobilanz gehörig verschlechtern. Insbesondere im Winterhalbjahr, wenn man Gewächshäuser in unseren Breitengraden fast durchgängig beheizen muss, ist die Umweltbelastung bis zu achtmal grös­ser als im Freilandanbau. Als einziger Anbieter deklariert wiederum Coop die Gewächshausproduktion konsequent auf der Etikette.

Schlussfolgerung für Sarah Herrmann von der unabhängigen Umweltstiftung Pusch: «Es macht ökobilanzmässig keinen Sinn, wenn ich im Winter Tomaten aus der Schweiz esse. Ich persönlich ziehe Biotomaten aus Südspanien vor, die ohne Gewächshaus und ohne Pestizide herangereift sind.» Die Lastwagenfahrt von Südspanien in die Schweiz fällt dabei kaum ins Gewicht: Sie verursacht pro transportiertes Kilo vergleichsweise geringe 190 Umweltbelastungspunkte.

«Wenn man einen Lastwagen voller spanischer Erdbeeren nimmt, stösst er 41 Gramm CO2 aus pro 250-Gramm-Schale Erdbeeren, bis er in der Schweiz ist», so Umweltwissenschaftlerin Herrmann. «Meine Quizfrage lautet jeweils: Wie weit kann ein Auto fahren, bis es diese Emissionen aus­gestossen hat? Die Antwort: weniger als 200 Meter. Die vielen Konsumenten, die mit dem Auto einkaufen, sind ökologisch ein grösseres Problem als ein Lastwagentransport von Spanien in die Schweiz», folgert Herrmann.

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Tipp 3: Saisonal einkaufen

Nicht immer sind hiesige Früchte und Gemüse ökobilanzmässig die besten. Das gilt speziell auch für Äpfel und Birnen, die, erntefrisch konsumiert, in der Ökobilanz bestens abschliessen – nicht aber, wenn man sie als Lagerobst bis in den Sommer hinein kauft.

Was ist konkret besser: ein Schweizer Apfel, der fünf Monate bei ein bis zwei Grad im Kühlhaus gelagert ­wurde, oder ein erntefrischer Bioapfel aus Neuseeland, der über 20'000 Schiffkilometer hinter sich hat?

Die Frage erübrigt sich für Umweltingenieur Niels Jungbluth. Irgendwann im Frühling sei die Ökobilanz der beiden Äpfel gleich gross, sagt er. Ansonsten helfe nur der alte Rat, da­rauf zu achten, dass man Früchte und Gemüse saisonal einkauft.

Sarah Herrmann, 29, hält sich strikt daran. Nach welchen Früchten greift sie denn das Jahr über? «Derzeit esse ich Äpfel – sicher noch bis Ende Jahr.» Später im Winter dann Orangen – ­konsequent bio per Schifffracht, ­«alles ­andere finde ich wegen der Pestizide sehr problematisch».

Irgendwann im Frühjahr wechselt sie auf südeuropäische Melonen, im Sommer auf alle Arten von hiesigen Beeren und gegen den Herbst auf einheimische Zwetschgen.

Wenn sie Lust auf Südfrüchte hat, kommen nur solche mit Doppelzertifizierung in Frage: Fair Trade plus Bio. «Da hat man Früchte ohne Flugtransport, ohne Pestizide und erst noch von Bauern, die zu fairen Bedingungen ­arbeiten.»

Quelle: Getty Images
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Weitere Informationen

  • Ratgeber «Umweltschonend einkaufen dank Ökobilanzen» der Stiftung für Konsumentenschutz: PDF-Bestellung via eMail oder per Telefon (031 370 24 34)

  • Labeltabelle der Stiftung Pusch (in Zusammenarbeit mit WWF, Helvetas, Stiftung für Konsumentenschutz) hier herunterladen oder gratis bestellen über Telefon 044 267 44 11

  • Download von Saisontabellen des WWF: Früchte / Gemüse