Beat Brunner tut, was zurzeit fast alle tun: Er wettet auf Fussballmannschaften. Als möglichen Weltmeister hat der 33-jährige Zürcher Italien auf der Rechnung, Tschechien traut er eine Überraschung zu. «Es gibt einen zusätzlichen Kick, wenn eine Wette mit im Spiel ist», sagt Brunner: «Man fiebert mehr mit.» Vor allem in guter Gesellschaft, und deshalb organisiert der Lehrer und Journalist seit 1998 vor fussballerischen Grossereignissen jeweils ein Toto für rund 50 Leute aus seinem Bekanntenkreis - auch für die bevorstehende WM.

Die Modalitäten sind simpel: Jeder Spieler zahlt 20 Franken ein und tippt auf den Ausgang sämtlicher Vorrundenpartien sowie auf diverse Zusatzfragen. Wer die meisten Punkte sammelt, kassiert am Schluss die Hälfte des Gesamteinsatzes, der Zweitplatzierte streicht 30 Prozent ein, der Dritte die restlichen 20 Prozent. Alle anderen haben einfach ihren Spass gehabt. Um mehr geht es dem privaten WM-Toto-Anbieter auch gar nicht.

Solcherlei Nonchalance ist längst nicht allen gegeben, wenn es darum geht, mit scheinbar kalkulierbarem Risiko einen schnellen Gewinn zu machen. Das WM-Toto unter Kollegen dient höchstens noch der Beziehungspflege. Gewettet wird heute übers Internet. Und dabei sitzt Herrn und Frau Schweizer das Portemonnaie recht locker. Von den umgerechnet rund 340 Millionen Franken Umsatz, die der österreichische Anbieter Interwetten 2005 erreichte, entfiel gemäss Firmenchef Heinz Patzelt «ein sehr hoher einstelliger Prozentbetrag» auf Spieler aus der Schweiz. Und in diesem Jahr rechnet die Nummer zwei im deutschsprachigen Markt mit einem weltmeisterlichen Geschäft: «Die WM wird uns im Juni eine Verdoppelung des Umsatzes bringen», frohlockt Patzelt. Er geht für 2006 von einer Umsatzsteigerung auf 465 Millionen Franken aus.

Schlechtes Image hin oder her
Wie viele Schweizerinnen und Schweizer ihr Glück schon heute mit Sportwetten im Internet versuchen, ist nicht bekannt. Allein bei Interwetten zählt man knapp 40'000 User mit Wohnsitz in der Schweiz; bei Betandwin - mit insgesamt zwei Millionen registrierten Spielern und einem letztjährigen Umsatz von 1,2 Milliarden Franken der Krösus in Europa - dürften es bei gleicher prozentualer Verteilung gegen 200'000 sein.

Das sind erstaunliche Zahlen, wenn man bedenkt, dass das Wetten in der Schweiz immer noch ein anrüchiges Image hat. Das weiss auch Philipp Born (Name geändert): Der 35-Jährige, der regelmässig im Internet auf den Ausgang von Fussballspielen wettet, zieht es deshalb vor, im Artikel nicht mit richtigem Namen aufzutreten. Born kennt sich dank intensiver Lektüre von Sportzeitungen in den grossen europäischen Ligen aus, weiss, welches Team gerade einen guten Lauf hat und welches in der Krise steckt. Dies erlaubt dem Fussballfan, beim Durchforsten des wöchentlichen Online-Angebots zu erkennen, welche Mannschaften eher etwas zu hoch gequotet sind - «die nehme ich dann sofort». In der Regel setzt Philipp Born auf Quoten zwischen 1.50 und 2.20, was heisst: Pro zehn Franken Einsatz gibts im Erfolgsfall 15 bis 22 Franken zurück.

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Wer tritt den nächsten Eckball?
Dieses eher vorsichtige Verhalten entspricht Borns Credo: «Unnötige Risiken vermeiden, Emotionen ausblenden, keine Experimente.» So setzt der Student jedes Wochenende strikt 250 Franken verteilt auf fünf Matchs, dazu 20 Franken auf eine Kombiwette, mit der sich die Quoten multiplizieren lassen. Auf Mannschaften, die er liebt, setzt er ebenso wenig wie gegen solche, die er hasst. «Da würde das Herz mitspielen, das kommt nie gut», sagt der FCZ-Anhänger. Das Rezept bringt langsamen, aber stetigen Erfolg: Born gewinnt häufiger, als dass er verliert. Sein höchster Gewinn lag bisher bei 800 Franken. Und wenn er einmal im Minus ist? «Dann versuche ich, cool zu bleiben und nicht den Fehler zu machen, das Verlorene gleich wieder reinholen zu wollen.»

Das Wettkonto von Philipp Born lagert in Österreich, wo die Lotteriegesetze Ende der achtziger Jahre liberalisiert wurden. Seit einigen Jahren versuchen hier Dutzende von Firmen, neben den wettverrückten Engländern auch Mittel- und Südeuropäer für Sportwetten zu begeistern. Ihr Angebot im Internet ist immens, die Handhabung simpel. Der Spieler kauft sich per Kreditkarte ein Konto mit einem Guthaben und kann gleich loslegen - und wie: Allein Betandwin bietet täglich bis zu 5'000 Einzelwetten in 50 verschiedenen Sportarten an - von finnischem Fünftligafussball bis zu US-Baseball. Die Umsätze sind horrend: Auf den Sieger des Champions-League-Finals vom 17. Mai etwa waren bei der englischen Wettbörse betfair.com bereits Ende April gegen elf Millionen Franken gesetzt.

Auf Sieger und Verlierer zu tippen ist dabei noch das Geringste. Gewöhnliche Fussballspiele aus grösseren Ligen vereinigen schnell einmal 20 Zusatzwetten auf sich: Wie viele Eckbälle gibt es? Wann fallen die Tore? Wie oft wird Abseits gepfiffen? Die Steigerungsform sind Live-Wetten, bei denen bei laufendem Spiel getippt wird. Dann heisst es: Wer tritt den nächsten Eckball? Wann fällt das nächste Tor? Wer läuft als Nächstes ins Abseits? «Live ist schwer im Trend», sagt Buchmacher Martin Smahel, der für Interwetten wöchentlich bis zu 100 Live-Wetten abdeckt (siehe Artikel zum Thema «Buchmacher: Die kühlen Rechner am heissen Pult»). «Die Spieler sind immer mehr aufs schnelle Geld aus.» So richtig Kasse machen aber nur die wenigsten, wie Smahels Chef Heinz Patzelt einräumt: «Ein Gelegenheitsspieler kann mit Sportwetten kaum reich werden. Aber wenn man jeden Monat ein Budget für Kino oder Restaurantbesuche hat, kann man doch auch ein Budget für ein wenig Spannung haben.»

In der Schweiz stehen die Karten für den schnellen Gewinn sogar noch schlechter: Das Bundesgesetz betreffend die Lotterien und die gewerbsmässigen Wetten verbietet Sportwetten mit festen Quoten. Daran wird sich - allem Wettfieber zum Trotz - in nächster Zeit auch nichts ändern. Eine Revision des aus dem Jahr 1923 stammenden Gesetzes wurde 2004 nach zweijährigen Vorarbeiten sang- und klanglos auf Eis gelegt. Und dies, obschon die vorgeschlagenen Neuerungen - etwa die Möglichkeit, Sportwetten durch staatlich lizenzierte Buchmacher in beschränktem Rahmen zu erlauben - angesichts der Entwicklungen im Internet alles andere als revolutionär waren.

Die Revision scheiterte, weil auch andernorts viel Geld im Spiel ist: Swisslos mit ihrer Tochter Sport-Toto-Gesellschaft (STG) in der Deutschschweiz und die Loterie Romande in der französischen Schweiz haben ein faktisches Monopol - und Kantone sowie Sportverbände hängen an ihrem Tropf. Allein Swiss Olympic erhielt 2004 rund 18,5 Millionen Franken, der Fussballverband 4,5 Millionen, die Sporthilfe eine Million. Weitere 74 Millionen Franken gingen an die Kantone. Durch die geplante vorsichtige Marktöffnung sahen Stände und Verbände ihre Geldquellen in Gefahr - und legten sich quer.

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Hosen runter beim FC Zürich
Dabei ist selbst die Branche nicht glücklich mit dem Istzustand. «Die gültigen Gesetzesvorschriften werden nicht konsequent genug angewendet», sagt STG-Direktor Roger Hegi, «gerade gegenüber der illegalen ausländischen Konkurrenz.» Und gegen diese wehrt sich die STG, wenns sein muss mit juristischen Mitteln. So kam der FC Zürich im Herbst 2004 aufgrund einer Strafanzeige zu einem unfreiwilligen Tenüwechsel - auf den Hosen der Kicker hatte unerlaubterweise das Logo von Interwetten geprangt: Neben Wetten mit festen Quoten ist hierzulande auch jegliche Werbung dafür verboten. Der Strafrichter wies auch die Berner Young Boys, den FC St. Gallen und den FC Schaffhausen an, lukrative Sponsoringverträge mit dem österreichischen Wettunternehmen rückgängig zu machen.

Da staunt der tippende Laie, dass bei Sporttip, dem neuesten Angebot der Sport-Toto-Gesellschaft, ebenfalls auf Resultate mit festen Quoten gewettet werden kann. «Das Risiko des Veranstalters ist durch verschiedene Vorkehrungen ausgeschlossen, weshalb rechtlich keine verbotene Buchmacherwette vorliegt», erklärt Jurist und Ex-Fussballer Hegi den für Aussenstehende kaum wahrnehmbaren Unterschied.

Die Halbwelt hat die Finger im Spiel
Für einheimische Wetten hat Jürg Feltheim (Name geändert) wenig übrig. Sein umfangreiches Wissen über Pferde setzt er lieber und wesentlich gewinnbringender an der englischen Online-Wettbörse Betfair ein. Eine halbe Stunde täglich brütet der Banker am Computer über Handicaps, Formstand, Jockeys und Quoten. Ziel der Übung: Feltheim platziert so genannte Gegenwetten, was ihm erlaubt, eine Art Buchmacher zu sein.

«Lay» statt «back» lautet in der Fachsprache die Methode, auf Nichtsieger zu setzen. Dafür sucht sich der ehemalige Amateurrennreiter Feltheim an der Wettbörse anonyme Mitspieler aus - etwa solche, die einen Betrag zu einer selber festgelegten Quote darauf setzen wollen, dass «Coffin Dodger» das 2’000-Meter-Rennen auf der Sandbahn Kempton Park, England, gewinnt. Feltheim, der dank seinen Internetrecherchen Grund zur Annahme hat, dass «Coffin Dodger» keine Chance hat, setzt dann dagegen - mit beachtlichem Erfolg: «Monatliche Gewinne im vierstelligen Frankenbereich» liegen drin.

Ob er dabei mit Weltklassepferden oder galoppierenden Ackergäulen Geld gewinnt, ist Jürg Feltheim egal, und auch einen besonderen Kick sucht er nicht: «In dieser Beziehung bin ich total pragmatisch. Ich suche nach Wetteinsätzen, die auf unrealistischen Hoffnungen beruhen, und halte dagegen. Viel schief gehen kann da nicht.» Im Moment liegt Feltheims Rendite bei geschätzten 200 Prozent pro Jahr - «Ziel wären 500 Prozent».

Das riesige Angebot im Internet zieht aber nicht nur hoffnungsvolle Spieler an, sondern regelmässig auch düstere Gestalten. Schlagzeilen machte besonders ein Wettskandal, der Anfang 2005 in der deutschen Fussball-Bundesliga aufflog. Eine Betrügerbande hatte systematisch auf Spiele gewettet, die von Schiedsrichter Robert Hoyzer gepfiffen wurden - oder besser: verpfiffen. Hoyzer war von den Betrügern gekauft worden und leitete das Spiel nach deren Vorgaben respektive Wetteinsätzen. Eine Überraschung sei das Gemauschel nicht gewesen, sagt Interwetten-Buchmacher Martin Smahel: «Dass das vorkommt, weiss jeder in der Branche.» Manipulationen seien insbesondere in den unteren Ligen an der Tagesordnung: «Sobald mit Wetten mehr verdient werden kann als mit Fussballspielen, wird geschoben.»

Auch in der Schweiz schlägt die Halbwelt Profit aus der steigenden Sportwetten-Nachfrage. Seit Sommer 2004 beschlagnahmte die Basler Polizei in 17 Gaststätten illegale Wettautomaten. Die Blechkisten mit eingebautem PC standen meist in Lokalen mit Kundschaft aus der Türkei oder dem Balkan. Geliefert wurden die Apparate von angeblichen Angestellten

einer österreichischen Firma mit dem holprigen Namen «Chaeper Cash». Diese hielten den auf Zusatzeinnahmen spekulierenden Wirten einen «Aufsteller-Vertrag» hin und versprachen - neben einer Provision von vier Prozent -, die «volle Haftung» gegenüber Drittpersonen zu übernehmen. Übernommen, respektive einkassiert, wurden aber nur die Gewinne - gemäss ersten Erkenntnissen der Polizei mehrere 100’000 Franken pro Monat. Den Wirten, die sich auf den Handel einliessen, drohen jetzt Bussen von bis zu 10’000 Franken. Die Fahnder ermitteln inzwischen in verschiedenen Kantonen - darunter Bern und Zürich -, unter anderem wegen Verdachts auf organisierte Kriminalität.

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«Die Existenz nicht aufs Spiel setzen»
Da agieren die Wett-Enthusiasten in der heimischen Stube auf bedeutend sichererem Terrain. Hier können sie unbehelligt das tun, was bei Sportwetten die halbe Miete ist: Informationen sammeln und vergleichen. Welche Mannschaft ist momentan eine sichere Bank? Und wo gibt es dafür die beste Quote? Ausgetauscht werden solche Informationen vorzugsweise in Online-Foren, die - parallel zum Wettboom - wie Pilze aus dem Boden schiessen. In der Schweiz mit ihrer restriktiven Gesetzgebung sind solche Plattformen juristisch dann heikel, wenn dahinter Partnerschaften mit Wettanbietern stehen, die in den Foren mit Werbebannern und Vergünstigungen um neue Kunden buhlen.

Marcel Jäggi und Fabian Gerber (Namen geändert), 26-jährige Studenten aus dem Raum Basel, betreiben seit zwei Jahren das Sportwetten-Forum 1x2.ch, in dem sich rund 270 registrierte User tummeln. Es ist das Resultat einer Leidenschaft, die in der Schulzeit mit vereinzelten Telefonwetten begonnen und im Internetzeitalter neue Dimensionen angenommen hat. Jäggi betont aber: «Das Ziel ist nicht, vom Wetten leben zu können. Es ist bloss ein Hobby.» Mass zu halten ist denn auch seine Devise. Er wettet nur auf Sportarten, bei denen er sich auskennt - namentlich Fussball und US-Basketball. Damit fährt er ganz gut, bleibt doch jedes Jahr unter dem Strich ein Plus von 3’000 bis 5’000 Franken.

Ebenfalls schwarze Zahlen schreibt sein Kollege Fabian Gerber; auch bei ihm gilt die Losung: wenig, dafür gezielt. Er vergleicht mit Hilfe seines Wettforums die Angebote und sucht sich «ein Spiel mit anständiger Quote heraus». Darauf setzt er im ersten Anlauf 200 bis 300 Franken und spielt nur dann weiter, wenn er damit erfolgreich ist. Resultiert auch am Ende ein Gewinn, lässt er sich das ganze Geld auszahlen. So verhindert Gerber, dass ihn ein üppig gefülltes Wettkonto aus reiner Langeweile zum Zocken verleitet. «Denn meine Existenz will ich mit dem Wetten nicht aufs Spiel setzen.»

Diese Gefahr ist laut Interwetten-Chef Heinz Patzelt ohnehin klein. Spielsucht werde durch die Online-Sportwetten nicht gefördert, argumentiert er: «Süchtige brauchen die Möglichkeit, unablässig spielen zu können, aber dafür dauern Sportwetten schlicht zu lange.» Für ihn steht fest, dass Wettteilnehmer «nur Spiel und Spass suchen». Und die Wettanbieter arbeiten schwer daran, ihre Kundschaft bei Laune zu halten. Betandwin etwa bietet seit kurzem die Möglichkeit, ohne Wechsel der Website gleichzeitig Sportwetten abzuschliessen und an einem virtuellen einarmigen Banditen zu spielen. Interwetten wiederum senkt rechtzeitig zur Fussball-WM die Mindesteinsätze: Statt mit fünf ist man jetzt schon mit zwei Franken dabei.

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Die Suchtgefahr ist erheblich
Was Patzelt nicht sagt, liest man in Online-Wettforen: Wer einmal vom Virus Sportwetten infiziert ist, dem reicht ein Konto bei einem Anbieter kaum mehr. Passionierte Spieler wechseln deshalb während live angebotener Wetten im Sekundentakt zwischen den verschiedenen Wettplattformen - und vervielfachen damit die Gefahr, ihr Geld loszuwerden.

Für den Zürcher Psychiater und Spielsuchtexperten Mario Gmür steht ob solcher Möglichkeiten ausser Zweifel, dass Sportwetten eine erhebliche Gefährdung bergen. Der praktisch ungehinderte Zugang via Internet wirke ebenso suchtfördernd wie das vermeintliche Expertenwissen der sportbegeisterten Wetter: «Man gibt sich leicht der Illusion hin, durch Fachkompetenz den Lauf der Dinge beeinflussen und daraus Kapital schlagen zu können.» Verschärft wird die Problematik durch den Trend zu Live-Wetten. Diese ermöglichten ein nahezu ununterbrochenes Spielen, kritisiert Gmür, und das erhöhe die Suchtgefahr. Zumal dem Zufall Tür und Tor geöffnet sei: «Die Prognose, wer den nächsten Eckball schiesst, hat weder mit Wissen noch mit Geschicklichkeit irgendetwas zu tun.»