Das ist wohl das Schlimmste, was einer Tessinerin oder einem Tessiner passieren kann: abhängig sein von Italien. Die etwas mehr als 300 Einwohner von Sagno sind es – zumindest was die Kommunikation angeht. Und Kommunikation ist für die Mitglieder der lateinischen Sprachfamilie besonders wichtig. Das wissen wir spätestens seit den Filmen mit Marcello Mastroianni und Sophia Loren. Die wortkargen Italowestern von Sergio Leone sind eine Ausnahme – die spielen ja auch in den USA.

Aber zurück nach Sagno. Das Dorf ist – obwohl nur 2,5 Kilometer von Chiasso entfernt – eine Insel im Meer der Schweizer Handystrahlen. Nur die Signale italienischer Mobilfunkanbieter von ennet der Grenze erreichen die Häuser und die Piazza der Sonnen­terrasse von Sagno. Wer mobil erreichbar sein will, zahlt entweder horrende Gebühren fürs Roaming oder – Gott seis geklagt – muss sich eine italie­nische SIM-Karte kaufen. Beides nagt am Stolz der Bewohner von Sagno. Da hilft es auch nicht, dass die Swisscom – quasi als Kompensation – eine Tele­fon­kabine mitten ins Dorf gestellt hat. Mit dieser in der Schweiz selten gewordenen Einrichtung können die Sagnonesi sogar SMS verschicken. «Vo­rausgesetzt, man besitzt eine entsprechende Swisscom-Karte», präzisiert die Wirtin der Slow-Food-Osteria Ul Furmighin («Zur Ameise»). Der Münzautomat funktioniere nämlich nicht.

Keiner will die Antenne vor der Nase

Aber wie bei so vielem, was das Verhältnis zwischen dem Tessin und ­Ita­lien trübt, sind auch in diesem Fall die Einheimischen selber schuld an der Misere. Alle Versuche, eine Mobilfunkantenne zu platzieren, scheiterten über Jahre am Widerstand der Bevölkerung. Erst im Juni 2014 erklärte sich ein Bewohner etwas ausserhalb des Dorfs bereit, auf seinem Land ­eine kleine Swisscom-Antenne aufstellen zu lassen. Doch der Nachbar war dagegen. «Wegen angeblicher Kontaminierung durch Elektrosmog», sagt ­Gemeindepräsident Giuseppe Tettamanti. Das Dossier sei nun beim Kanton blockiert, und das könne dauern. «Das treibt mich zur Verzweiflung», sagt Tettamanti. Erst kürzlich sei einer beim Trekking verunfallt. Ein Begleiter habe ins Dorf zur Telefonkabine laufen müssen, um Hilfe zu organi­sieren – denn auch das italienische Mobilfunknetz habe versagt.

Und noch etwas plagt Tettamanti: Der Akku seines Telefonino sei ständig leer, weil die dauernde Suche nach ­einem Netz so viel Strom brauche. Und ob die Strahlen aus Italien weniger schädlich seien als diejenigen einer ­eigenen, kontrollierten Station in der Schweiz? Die Antwort auf die selber gestellte Frage lässt der Sindaco offen. Obwohl er sie natürlich kennt.