Für Vincent Pauli* (Name geändert) beginnt das Wochenende mit Stress und Ärger. Wenn er am frühen Freitagabend von seinem Arbeitsort Zürich den Intercity heim nach Spiez ins Berner Oberland nimmt, ist der Zug jedes Mal gerammelt voll. «Ich hatte schon eine halbe Stunde lang sechs wildfremde Menschen im Umkreis von eineinhalb Metern um mich herum. Wie kann ich mich so vor Corona schützen?»

Alternativen zur Bahn hat er keine. Er besitzt kein Auto für den Arbeitsweg und Homeoffice ist für den Gesangslehrer nicht möglich. Der 62-Jährige verlangt von der SBB deshalb mehr Schutz: «Für Bergbahnen, Läden und Restaurants gibt es strenge Obergrenzen, wie viele Leute im Raum sein dürfen. Die SBB hingegen lässt rein, wer will. Statt für Platz zu sorgen, fährt sie auf meiner Strecke selbst zu Stosszeiten mit verkürzten Zügen.»

So wie Pauli geht es vielen Pendler. Wenn möglich meiden sie Bus und Bahn. In einer nicht repräsentativen Umfrage des Schweizer Radio und Fernsehens SRF im November nannten 51 Prozent als Grund für ihre Bahnabstinenz: «Weil es mir nach wie vor zu viele Leute hat und das Social Distancing nicht einhaltbar ist.»

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Beschränkung nicht möglich

Die SBB sieht keinen Handlungsbedarf. In der Schweiz gebe es keine Reservierungspflicht, deshalb sei es nicht möglich, die Zahl der Passagiere zu beschränken. Dieses offene System könne der öffentliche Verkehr nicht kurzfristig aufgeben. Das sei auch weder politisch gewünscht noch nötig. «Wer die Schutzmassnahmen im ÖV befolgt, reist sicher», schreibt die SBB auf Anfrage.

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Auf ihrem Online-Fahrplan können Reisende prüfen, wie stark ausgelastet ein Zug voraussichtlich sein wird. Das reiche. Wer die Zugformation anklickt, sehe sogar die Auslastung der einzelnen Wagen. Obwohl die Zahl der Passagiere auf Fernverbindungen um die Hälfte und im Regionalverkehr um 40 Prozent zurückgegangen sei, würden alle Züge in der maximal möglichen Länge geführt. Einzig bei den doppelstöckigen IC2000-Zügen verzichte sie auf die einstöckigen Zusatzwagen. Bei Bedarf könne man aber reagieren.

Andere Situation als in Läden und Seilbahnen

Unterstützung erhält die SBB von Michael Riediker, dem Direktor des Schweizerischen Zentrums für Arbeits- und Umweltgesundheit in Winterthur. Der Experte für Luftschadstoffbelastung hat ein Modell entwickelt, das Auskunft über das Ansteckungsrisiko in bestimmten Situationen gibt. Das Modell berechnet die Aerosolkonzentration im Umfeld von Personen, die mit Covid-19 infiziert sind. Sein Fazit: Trägt die Person eine Maske, bleibt die Konzentration in einem Zugwaggon selbst dann unter kritischen Werten, wenn sich jemand 3 Stunden lang näher als 1,5 Meter von ihr aufhält.

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«Der Grund ist, dass die Luft in Zügen bis zu 10 Mal pro Stunde über die Lüftung komplett ausgetauscht wird», sagt Riediker. Die Situation sei deshalb anders als in oft schlecht gelüfteten Seilbahnen, Läden oder Wohnzimmern. «Natürlich ist es nicht ausgeschlossen, dass sich Leute im Zug anstecken. Aber das Risiko ist verhältnismässig klein und die Schutzmassnahmen der SBB scheinen mir grundsätzlich ausreichend», sagt Riediker.

Das stimmt aber nur, wenn alle die Maskenpflicht einhalten. Wenn nicht, steige die Aerosolkonzentration schnell in Höhen, die eine Ansteckung schon nach kurzer Zeit wahrscheinlich machen. Wichtig ist auch, ob und wie laut ein «Spreader» spricht, zeigt Riedikers Modell. Für den Pandemieschutz im Zug könne man jedoch sagen: «Alles steht und fällt damit, dass wir richtige Masken tragen und sie richtig verwenden.»

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Nicht immer streng gegen Maskenverweigerer

Die ganz grosse Mehrheit hält sich an die Maskenpflicht im ÖV, zeigen Erhebungen. Doch es gibt Ausnahmen. Die Kundenbegleiterinnen und -begleiter haben die Aufgabe, solche Reisende auf die Gesetzgebung hinzuweisen, schreibt die SBB. «Polizeiaufgaben übernimmt das Zugpersonal jedoch nicht.» Die Zugbegleiter dürfen renitente Passagiere aber auffordern, den Zug zu verlassen und können, wenn nötig, die Polizei einschalten.

Pendler Vincent Pauli sagt, solches rigoroses Durchgreifen habe er noch nie erlebt. Im Gegenteil. «Im Herbst sass ein Mann im Waggon, der trug seine Maske von Spiez bis Zürich immer unter dem Kinn. Das Zugpersonal ging mehrmals an ihm vorbei, ohne etwas zu sagen. Sie haben ihn einfach ignoriert.»

Pro Bahn kritisiert verkürzte Züge

Die Vereinigung Pro Bahn nimmt das Schutzkonzept der SBB «zur Kenntnis». Es entspreche den Vorgaben für alle Bereiche des öffentlichen Raums, in denen der erforderliche Abstand nicht immer eingehalten werden könne, schreibt die Interessenvertretung der Kundinnen und Kunden des öffentlichen Verkehrs. «Was wir aber keineswegs goutieren, sind verkürzte Züge».

Um in Zügen, Trams und Bussen mehr Platz zu schaffen, appelliert Pro Bahn an den Bundesrat: Er solle stärker auf die Arbeitgeber einwirken, Homeoffice zu fördern. «Die jetzige Empfehlung scheint nicht ausreichend.» Je mehr Leute im Homeoffice blieben, desto besser seien die Platzverhältnisse und der Pandemieschutz für jene, die auf den ÖV angewiesen sind.

Ein Vergleich mit der ersten Corona-Welle im Frühling zeigt, dass die Züge damals deutlich weniger frequentiert waren als heute. In Regionalzügen waren nur ein Drittel so viele Passagiere unterwegs, auf Fernverbindungen im Schnitt sogar nur ein Viertel.

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