Das erste Polarlicht meines Lebens leuchtete zur falschen Zeit am falschen Ort. Die winterliche Dämmerung, die so weit im Norden bereits am Nachmittag in die Landschaft rieselt, hatte einen Himmel wie ein Versprechen hinterlassen: Dunkelblau wölbte er sich über die Tunturit, die baumlosen Hügel Lapplands, vio­lett färbte er den Schnee, der dick und flauschig auf den Bäumen lag. Bald würden die ersten Sterne zu sehen sein, bald würde ich auf den Kiilopää hinaufstapfen, ein Ort wie gemacht für eine Polarlichtsichtung, wie ich in den letzten Tagen gelernt hatte. Fern von künstlicher Beleuchtung und mit einem weiten, unverstellten Horizont. Dort würde ich in Richtung ­Norden blicken und warten. Statistisch gesehen war die Wahrscheinlichkeit, an diesem klaren, eiskalten Abend im Februar ein Polarlicht zu erblicken, geradezu grandios. Das Spektakel, das sich in bis zu 200 von 365 Nächten zeigt, tritt in diesen Wintern so häufig auf wie seit einem halben Jahrhundert nicht mehr. Am bes­ten ist es von September bis April zu sehen, zwischen dem 60. und dem 80. nördlichen Breitengrad und rund um die magnetische Mitternacht, um etwa halb elf Uhr nachts.

Es war noch früh am Abend, als ich vom Restaurant zu meinem Blockhaus zurückging, um Thermo­unterwäsche, ein zweites Paar Socken, dickere Handschuhe anzuziehen – die Temperatur lag bei minus 23 Grad –, da begann der Horizont plötzlich grünlich zu schimmern. Nur: Mein Horizont bestand in diesem Moment aus meterhohen Schneehaufen, die ein Pflug zusammengeschoben hatte, beleuchtet von ein paar flackernden Lampen. Ich rannte los, zur dunkelsten und nördlichsten Ecke des Platzes, stieg dort auf den höchsten der Schneeberge, sank in der Mitte bis zu den Hüften ein – und steckte fest. Das ­Polarlicht waberte noch ein wenig, fast so, als kichere es, dann verschwand es hinter den Wipfeln.

Vielleicht ist dies der grösste Unterschied zwischen den Fremden und den Einheimischen: Kaum ein Nordländer kann sich erinnern, wann er sein erstes Polarlicht gesehen hat. Immer war es schon da, genau wie der Schnee, die Kälte, der Wind und die Legenden.

Als Mikko Niskala vier Jahre alt war, kroch er im Auto der Familie stets auf die Hutablage über den hinteren Sitzen, legte sich auf den Rücken und spähte in die Nacht. Wenn er tatsächlich leuchtende Fetzen über die Dunkelheit stieben sah, rief er nie nach seinen Eltern. Er schwieg und dachte an den Polarfuchs, der das Licht mit seinem Schwanz aufwirbelte, ganz für ihn alleine.

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Als Anssi Kiiskinen sieben Jahre alt war, stand er abends oft vor der Rentierfarm seiner Familie und pfiff hinauf zu den verschneiten Baumspitzen. Obwohl er schon so viele Polarlichter gesehen hatte, war ihm etwas immer ein Rätsel geblieben: War das, was man erzählte, wahr? Konnte er die Lichter beherrschen? Bewegten sie sich schneller, wenn er pfiff?

Als Nina Helistö acht Jahre alt war, konnte sie das Polarlicht hören. In langen Winternächten, in denen der Schnee jeden Laut verschluckt, lauschte sie seinem Sirren, Knistern, Sausen. Ganz still war Nina dabei, denn ihre Mutter hatte ihr die Sage der Samen zu Ende erzählt: Ein Kind, so warnte sie, könne die Lichter mit seinem Pfeifen tatsächlich dazu bringen, wilder und wilder zu tanzen – irgendwann aber würden sie hinabstürzen und das Kind mit sich in den Weltraum reissen.

Wer in Finnland nach dem Polarlicht sucht, findet zuerst Geschichten. Vielleicht, weil schon die Landschaft dauernd Märchen erzählt: Wie ein dicker Mantel friert der Schnee für Monate auf den Bäumen fest und verwandelt die Fichten, Tannen und Birken in ein Heer von Riesen, Magiern, Fabeltieren und Zwergen. Winter in Lappland sieht aus, als habe Disney das Set dafür aufgebaut. Nur dass hinter jeder Kulisse gleich wieder die nächste beginnt, noch ein Zauberwald, noch ein perfekt geschwungener Tunturi, noch ein zu Eis erstarrter See, 100 000 Quadratkilometer weit, dazwischen eingestreut: ein paar Dörfer, ochsenblutfarbene Giebelhäuser und Blockhütten wie aus dem Bilderbuch, mehr Rentiere als Menschen.

Mikko Niskala erzählt auf seinen Nordlichtsafaris die Geschichte, die die bekannteste in Lappland ist. Fast jeden Abend, kurz nach sechs Uhr, fährt der 36-Jährige mit einer Gruppe Schneemobilen los, folgt beim kleinen Wintersportort Saariselkä einer jener Strassen, die aussehen wie kilometerlange Schlittelbahnen, dann biegt die Gruppe ein in den Wald, überwindet auf schmalen, baumgesäumten Pfaden Höhenmeter um Höhenmeter und rastet schliesslich auf der Lichtung eines Tunturi. Dort rät Mikko den Nordlichtsuchenden, geduldig in Richtung Norden zu blicken, und während seine Gäste ihre Finger an Bechern mit heissem Blaubeersaft wärmen, erzählt Mikko die Legende, an die er als Kind selber geglaubt habe: die vom Polarfuchs, der das Polarlicht zum Leuchten bringt. «Eines Winters», beginnt Mikko jeweils, «war es in Lappland besonders dunkel. So dunkel, dass sich sogar die Tiere des Waldes Sorgen machten.» Auf einer Lichtung trafen sie sich alle, die Bären und die Elche, die Rentiere und die Schnee­hasen, und sie berieten, was zu tun sei. Doch keines der Tiere wusste Rat. Bis ein junger Polarfuchs plötzlich sagte, er kenne die Lösung. Doch die anderen Tiere lachten nur und spotteten, dafür sei er noch viel zu klein. Da wurde der Polarfuchs so wütend, dass er hin­auf auf den nächsten Tunturi rannte. Mit seinem Schwanz wirbelte er den pulvrigen Schnee auf, der bis in den Himmel stiebte und so den ganzen Wald erleuchtete.

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Noch vor ein paar Jahren, sagt der 36-jährige Mikko, hätten sich einzig die Japaner für solche Safaris interessiert, vielleicht, weil sie ihre eigenen Geschichten mitbrachten. In Japan glaubt man, das Nordlicht zu sehen stärke die Manneskraft und fördere die Fruchtbarkeit, und wenn dann gleich ein Kind in ­einer solch erleuchteten Nacht gezeugt werde, so ­stehe ihm ein glückliches Leben bevor.

Noch immer reisen viele Japaner nach Lappland, aber auch viele Schweizer, Engländer oder Deutsche lassen sich die Chance, ein Nordlicht zu sehen, nicht entgehen. Sie verlassen abends ihre Blockhütte, in ­­der meist ein warmes Feuer lodert, um zu Fuss, auf Schneeschuhen oder Langlaufskiern, auf Rentier- oder Huskygespannen oder eben mit dem Motorschlitten durch Kälte und Dunkelheit zu streifen. An diesem Abend aber rennt kein Polarfuchs auf die Hügel, und der Himmel bleibt still, nach fast vier Stunden kehrt die Gruppe nach Saariselkä zurück. Mikko zuckt mit den Schultern. So ist es halt. Etwas nämlich hatte er schon verstanden, als er jeweils von der Hutablage im Auto seiner Eltern in die Nacht spähte: Jedes Nordlicht ist ein Geschenk. «Und egal, wie viel Geld jemand zu zahlen bereit ist», sagt Mikko und zeigt dabei ein warmes Lächeln, «das ist eines der wenigen Erlebnisse, die man sich nicht kaufen kann.»

Gäbe es eine Tonspur zu Lappland, würde darauf nur sehr selten ein Schneemobil dröhnen. Lappland ist meistens unglaublich weit und leer und still, so still, dass man ganz ungewohnte Klänge hört: die fallenden Flocken, wenn es schneit; das Knarren der Bäume unter der Last des Schnees; das Knirschen des Eises unter den gewaltigen weissen Flächen, die im Sommer Seen sind; das ganz sanfte Tapsen der Rentiere, die wie in Zeitlupe durch die Wälder und über den Schneesee staksen. Und manchmal ein Bimmeln wie aus einem Weihnachtsfilm: ein Rentierschlitten.

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Fünf Jahre dauere es, bis man ein Rentier dafür trainiert habe, einen Schlitten zu ziehen, sagt Anssi Kiiskinen. Er führt über seine Farm Kopara, die bei Luosto mitten im Wald liegt. Anssi ist 36 Jahre alt und Rentierzüchter in fünfter Generation. Sein Leben wird, wie schon das seiner Vorfahren, durch den Zyklus der Natur bestimmt. Durch die Paarungszeit, die Geburt der Jungen, die Schlachtreife der Tiere. Anssi und seine Familie leben vom Verkauf der Felle und des Fleischs, Rentiersafaris führen sie nur im Winter durch. Manchmal spannt er die Tiere auch abends an, um das Nordlicht zu suchen, aber: «Heute wird keines zu sehen sein.» Anssi sagts und blickt in den Himmel, aus dem an diesem Nachmittag feine Flocken rieseln. In seiner Stimme liegt kein Bedauern, er findet das Nordlicht schön, aber auch ein bisschen überschätzt. «Für uns», sagt er, «gehört es einfach zur Natur.»

Seinen Söhnen gibt er die Geschichte, die man ihm selber erzählt hat – dass man die Lichter mit Pfeifen beherrschen kann –, nicht ernsthaft weiter. Es gibt genügend andere, wichtige Dinge, die es zu bewahren gilt. «Mein Grossvater und mein Onkel haben mir alles beigebracht, was ich über Rentierzucht weiss», sagt er. Zum Beispiel, wie man die halbwilden Tiere für den Schlitten trainiert, eine Kunst, die mit dem Aufkommen von Autos und Schneemobilen beinahe in Vergessenheit geraten ist. Heute, schätzt Anssi, beherrschen sie vielleicht noch 100 Menschen in Finnland. «Schau dieses Tier dort», sagt er plötzlich und zeigt auf ein Rentier, das reglos zwischen den Stämmen steht. «Es schaut uns direkt in die Augen, ein Zeichen, dass es sich als Zugtier eignen könnte.» Solch altes Wissen sei viel spannender als alter Aberglaube. Und doch: Fragt man diesen etwas nüchternen jungen Mann, der an die Natur glaubt, weil er von der Natur lebt, fragt man Anssi also, wie viele Tiere seine Familie denn in etwa besitze, blinzelt er vergnügt und sagt, dass kein Rentierzüchter jemals diese Zahl verraten würde: «Das bringt nämlich Unglück.»

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Es ist eine Szene wie aus einem «Bond»-Film: Unendliches Weiss, unendlicher Wald, dann plötzlich ragt ein Antennenschirm mit 32 Metern Durchmesser über die Baumwipfel, und zwischen den Stämmen taucht das hölzerne Hauptgebäude des Observatoriums Sodankylä auf. Vor dem Eingang setzen drei Frauen im schwarzen Overall schwarze Helme auf und starten ihre Schneemobile. «Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen», wird Esa Turunen später erklären. «Unsere Aussenstationen erreicht man im Winter nur mit ungewöhnlichen Verkehrsmitteln.»

Als Esa neun Jahre alt war, liess er kein Polarlicht unbeobachtet und glaubte an keine Legende. Schon früh war er von Naturwissenschaften begeistert, und er wusste längst, dass dieses Leuchten nicht durch Magie entstanden ist, sondern durch Physik. Aber natürlich ahnte Esa damals nicht, dass er sein Leben der Erforschung der Lichter widmen würde.

Esa Turunen ist der Leiter der Abteilung Aeronomie, der Wissenschaft, die sich mit der Physik der oberen Atmosphäre beschäftigt. Schon im Satzbau verrät er seinen Wissensdurst. «Warum?» ist sein liebstes Wort, selbst dann, wenn er die Lösung längst kennt. «Warum gibt es Nordlichter?», fragt er also ­rhetorisch und muss als theoretischer Physiker gleich stark vereinfachen: «Weil elektrisch geladene Teilchen des Sonnenwindes vom magnetischen Feld der Erde angezogen werden und auf die Erdatmosphäre treffen. Dort stossen sie mit den Ionen der Atmos­phäre, hauptsächlich Sauerstoff und Stickstoff zusammen, und Energie wird frei. Aber: Warum gibt es Sonnenwind?»

Mit jeder Antwort wirft Esa Turunen eine neue Frage auf, er tut das schon sein Leben lang. Vor kurzem hat sein Team nachgewiesen, dass sich während eines Polarlichts die Chemie der Ionen verändert, eine kleine Sensation. Man weiss inzwischen auch, dass das Licht grün oder rot leuchtet, je nachdem, ob die Sauerstoffatome in 100 oder 200 Kilometern Höhe angeregt werden; blau-violettes Leuchten hingegen verrät, dass es für einmal nicht Sauerstoff-, sondern Stickstoffatome sind. Und man weiss auch, dass die Aurora borealis, so der wissenschaftliche Name für das Nordlicht, die Satellitenkommunikation, Radiowellen und die Genauigkeit von GPS-Naviga­tionssystemen stören kann. «Aber», sagt Esa Turunen, «es gibt noch viele unbekannte Faktoren. Ob ­Polarlichter zum Beispiel das Wetter beeinflussen? Wir wissen es nicht.»

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Warum aber steht das Observatorium hier? «Weil man das Leuchten in dieser Gegend besonders oft sieht», beantwortet der Physiker seine eigene Frage und stellt gleich die nächste. «Aber warum genau hier?» Und dann erzählt Esa Turunen seine eigene liebste Nordlichtgeschichte, sie ist ein Stück Historie der Wissenschaft: In den 1880er Jahren nämlich kam der Physikprofessor Selim Lemström nach Sodankylä, das damals aus einer Ansammlung von ein paar Hütten bestand. Lemström vermutete, dass die Nordlichter durch eine Art elektrischer Entladung entstünden, und er konstruierte Geräte, um diese zu messen. Mit Rentieren transportierte er die Geräte hinauf auf die umliegenden Tunturit. Es war ein gewaltiges Projekt für die damalige Zeit, elf Nationen nahmen daran teil, es markiert den Beginn der internationalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit. «Lemström aber ist ein beinahe vergessener Pionier der Nordlichtforschung», sagt Esa Turunen, «und eines verbindet unsere Arbeit noch immer mit seiner: Wenn damals neue Mitarbeiter ankamen, mussten sie zuerst lernen, mit Rentieren und Schlitten umzugehen, bevor sie zu etwas nütze waren. Heute muss jeder Wissenschaftler mit dem Schneemobil fahren können, um die Aussenstationen zu erreichen.»

Beim Abschied verrät Esa Turunen noch, wie man die Chancen auf eine Polarlichtsichtung steigern kann. «Das ist ganz einfach und pure Mathematik. Die Aurora borealis ist in bis zu 200 Nächten im Jahr aktiv, aber pro Woche ist der Himmel hier nur an zwei Abenden klar. Wenn man also die Wahrscheinlichkeit, ein Nordlicht zu sehen, erhöhen will, bleibt man einfach zwei Wochen statt nur eine.»

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Das zweite Polarlicht meines Lebens leuchtete dann am selben Abend wie mein erstes. Ich war später am Abend als geplant, aber ohne viel Hoffnung, auf den Kiilopää hinaufgestiegen, und als ich auf halber Höhe angelangt war, gemeinsam mit anderen Polarlichtsuchenden, die sich mit Kamerastativen positioniert hatten, begann der Himmel erneut zu leuchten. Ganz langsam verteilte sich das Licht diesmal über den Horizont, als wäre die Dunkelheit ein Löschpapier, das grünes Wasser aufsaugt. Für Nordländer, so erfuhr ich am nächsten Morgen, war dieses Nordlicht recht unspektakulär: keine pulsierenden Bögen, keine zenitgerichteten Strahlen. Mich aber machte es sprachlos, und es verweilte lang genug, um die Legenden in Erinnerung zu rufen, die ihm über die Jahrtausende gewidmet worden waren. Wäre ich ein Wikinger, dachte ich, würde ich jetzt die Rüs­tungen der Walküren sehen, die nach einer Schlacht über den Himmel reiten.

Wäre ich ein Inuit, erblickte ich die tanzenden Seelen der Verstorbenen. Wäre ich ein Mann und Rus­se, hätte ich Angst, der Feuerdrache werde meine Frau verführen. Wäre ich eine schwangere Isländerin, müsste ich fürchten, mein Kind werde schielen. Wäre ich ein Goldsucher am Klondike, sähe ich die Hauptader, die sich im Himmel spiegelt. Wäre ich ein skandinavischer Fischer, wäre es nicht das Spiegelbild von Gold, sondern jenes von Abermillionen Heringen in der Arktischen See.

Und wäre ich in diesem Moment Nina Helistö und acht Jahre alt, würde ich ganz still sein. Nicht nur aus Furcht, die Lichter könnten mich in den Weltraum reissen. Sondern auch, um ihrem Klang zu lauschen.

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Nina Helistö, heute über 50 Jahre alt, hatte am Abend zuvor mit ihrem Kollegen Pascale eine Schneeschuh­safari auf einen Tunturi bei Luosto geführt. Der Himmel war von Anfang an bedeckt gewesen, die Chance, ein Polarlicht zu sehen, klein, der nächtliche Wald aber nicht weniger zauberhaft. Mit ­jedem Höhenmeter wurde die Schneeschicht um die Bäume und Büsche dichter, und Nina und Pascale ­erzählten Geschichten aus der Natur: dass das Volk der Samen den Raum unter den eingeschneiten Ästen als Iglu nutzt. Dass man den festgefrorenen Schnee auf keinen Fall abschütteln darf, weil die Bäume sonst die Isola­tion verlieren und erfrieren. Dass sich wegen des Klimawandels die Jahreszeiten verschieben, nicht aber der Zeitpunkt, wenn die Schneehasen ihr Fell wechseln und die Schneehühner ihr Federkleid. Sie verlieren ihre Tarnung, leuchten schneeweiss aus den Herbstfarben, vielleicht werden sie deshalb bald gefährdet sein. Und dass die Finnen in ihren unendlichen Wintern vor allem eine Sehnsucht haben: die nach dem Geruch von Sommerbirken, einem Duft, den es in Lappland in jedem noch so kleinen Laden als Kerzen, Duschmittel, Parfüm oder Raumspray gibt.

Vom Klang des Polarlichts sprach Nina Helistö erst beim Abstieg, als niemand sonst zuhörte. Sie könne das Sirren, Knistern und Sausen heute nicht mehr vernehmen, sagte sie, vielleicht, weil ihre Ohren nicht mehr so gut seien, wahrscheinlich aber, weil sie nicht mehr stark genug daran glaube. Sie redet ungern darüber, die meisten Leute würden denken, sie habe sich das nur eingebildet, sei ein Kind mit zu viel Phantasie gewesen. «Aber», flüstert Nina, «ich bin mir absolut sicher, dass ich sie damals hören konnte.»

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Und sie hatte recht, auch wenn wir beide das an diesem eisigen Abend im Februar noch nicht wussten. Im März darauf nämlich verkündeten Polarlichtforscher aus Finnland, es sei ihnen gelungen, Tonaufnahmen von einer Aurora borealis zu analysieren. Natürlich hat auch diese Antwort neue Fragen aufgeworfen, und noch kann niemand genau erklären, wie solche Klänge entstehen; beim dritten Polarlicht meines Lebens werde ich nach ihnen lauschen.

Diese Reportage wurde von Kontiki Reisen unterstützt.

Exklusive Leserreise zum Polarlicht

Polarlicht: Wenn es auf der Sonne rumort, leuchten die Nächte auch bei uns

Polarlichter sind eine direkte Folge der Sonnenaktivität. Aus der Sonnenatmosphäre gelangt ein steter Strom atomarer Teilchen ins All, der sogenannte Sonnenwind. Dieser wird durch die Sonnen­-flecken, ein periodisch auftretendes Phänomen, noch verstärkt und erreicht die Erde. Hier treffen die Teilchen auf das Erdmag­netfeld und dringen in die oberen Schichten der Erdatmo­sphäre ein. Sie laden die Luftgase – vor allem Sauerstoff und Stickstoff – auf und regen sie zum Leuchten an. Das Prinzip ähnelt dem einer gigantischen Leuchtstoffröhre.

Eine Phase von überaus grosser Sonnenaktivität führte am 30. Oktober 2003 zu einem höchst seltenen Schauspiel: Sogar in unseren Breitengraden war damals in der Nacht rotes und grünes Licht zu sehen.
Grünes Polarlicht entsteht aus Sauerstoff in rund 100 Kilometern Höhe; ab etwa 200 Kilometern leuchten dieselben Atome rot.

Das Polarlicht des Nordens heisst Aurora borealis, im Süden wird es als Aurora australis bezeichnet.