Kennen Sie das Gefühl, am Arbeitsplatz willkommen zu sein? Haben Sie auch schon erlebt, dass Sie beim Betreten des Büros mit einem warmen Händedruck und einem freudig erleichterten Blick begrüsst werden? Und freuen Sie sich auch jedes Mal, wenn der Kollege, der immer so laut telefoniert, und die Kollegin, die immer in der Rauchpause ist, wenn man sie braucht, kurz: wenn alle wohlbehalten im Büro sind?

Ich kann Ihnen versichern: Beim Beobachter ist es so. Zu verdanken haben wir das der Stadt Zürich. Diese baut nämlich zurzeit auf der Kreuzung vor unserem Büro eine neue Tramlinie. Und wenn die Stadt Zürich baut, dann tut sie das ohne Rücksicht auf Verluste. Vor allem ohne Rücksicht auf Velofahrer. Und von denen gibt es beim Beobachter einige.

So spielt sich denn Werktag für Werktag die gleiche Szene ab: Gegen 18 Uhr besammelt sich ein Grüppchen von besorgt dreinblickenden Beobachter-Redaktoren im Büro beim grossen Fenster. Man schaut mit ernstem Blick auf die Baustelle und diskutiert den gerade gültigen, am wenigsten lebensgefährlichen Weg: Soll man den Velostreifen in die falsche Richtung befahren, dann im letzten Moment kühn nach rechts schwenken, unter der Bauabschrankung durch, und zum Schluss über die dreispurige Ausfallstrasse sprinten? Ist der Weg über die mittlere Spur mit einem anschliessenden scharfen Schwenk nach links vor den hupenden Autos durch sicherer? Oder soll man gleich mit geschultertem Velo durch die matschige Baugrube waten und hoffen, dass die Baggerschaufel nicht in die falsche Richtung schwingt?

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Kommt die Zeit, aufzubrechen, umarmen wir uns, als ob es das letzte Mal wäre. Dann fährt jeder los, seinem Schicksal zu trotzen. Jeder allein. Auch einen Lawinenhang durchquert man schliesslich nie in der Gruppe.

Irgendwann hilft nur noch umziehen

Am nächsten Morgen fährt dann wiederum jeder den gleichen Weg in die andere Richtung. Wer im Büro eingetroffen ist, steht am Fenster, schaut sorgenvoll hinaus und hofft, dass auch bei den Kollegen alles gut läuft. Gespannt verfolgen dann die nach und nach Eintreffenden die Routenwahl: Schafft es Kollege M. ohne Unfall zwischen den beiden bedrohlich schwenkenden Baggerschaufeln hindurch? Wie tief versinkt Kollege G. im Matsch der Baustelle? Und auf wie viele Hupkonzerte bringt es B. von der Kreuzung bis zum rettenden Veloständer?

Bei jedem Überlebenden, der nach langem Bangen und Hoffen das Büro betritt, gibt es ein grosses Hallo. Und wenn schliesslich auch der oder die Letzte eingetroffen ist, herrscht nur noch pure, aufrichtige Freude, dass wir immer noch alle zusammen sind. Kein Feuerlauf-Abseil-Riverrafting-Kurs wird je so viel Teamgeist und Mitgefühl hervorbringen wie diese eine lebensgefährliche Tramlinienbaustelle.

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Nun sind seit ein paar Tagen die ersten Schienen verlegt, die ersten Baugruben zugeschüttet. Prompt hat heute morgen Kollege D. nur noch kurz vom Computer aufgeblickt, als ich das Büro betrat.

Wir werden wohl umziehen müssen. Zürich hat derzeit ja noch genug Kreuzungen mit viel Verkehr und ein paar Baugruben.