Kunst und Kommerz – die Hassliebe ist so alt wie die Kunst selber. Viele sehen in kommerzieller Kunst einen Verrat, andere sehen in einem grossen Publikum die einzige Daseinsberechtigung der Kunst.

Um einen genauen Vergleich über Absatzzahlen zu ermöglichen, erfand die amerikanische Literaturzeitschrift «The Bookman» ­1895 die Bestsellerliste. Der nordamerikanische Buchhandel im 19. Jahrhundert legte damit den Grundstein zu all den Rankings und Listen, die uns heute als Wegweiser durch den Angebots­dschungel dienen.

Kritiker monierten schon damals, die Bestsellerliste rücke die Qualität eines Buches in den Hintergrund und fokussiere nur auf die Quan­tität des Verkaufs. Sind Bestseller wirklich schlechtere Bücher? Der emeritierte Germanis­tikprofessor Peter von Matt, selber Träger unzähliger Literaturpreise, widerspricht: «Die Bestsellerliste ist eine sachliche Beurteilung von Auflage und damit von Erfolg. Ein guter Autor möchte keinen Bestseller schreiben, sondern ein möglichst gutes Buch. Da Menschen, die Bücher lesen, in der Regel nicht dumm sind, ­lassen sie sich auch nicht von Marketingmassnahmen bestechen. Für mich hat so eine Liste durchaus eine gewisse Gültigkeit.»

Auch Profis treffen Fehlurteile

Jeder, der schreibt, hofft auf den Bestseller. Planen allerdings lasse er sich nicht, meint Peter von Matt. Nicht einmal Lektoren, die sich professionell mit Literatur befassen und einen ­grossen Erfahrungsschatz haben, erkennen immer, wann sie das Manuskript für einen Kassenschlager auf dem Tisch haben. Die Geschichte von Joanne K. Rowling, die mit dem ersten «Harry Potter»-Manuskript bei unzähligen Verlagen abblitzte und der man schliesslich riet, einen «normalen» Job zu suchen, ist nur eines von unzähligen Beispielen.

Es gibt auch das Gegenteil: Seinen Welterfolg «Das Parfum» verdankt Patrick Süskind dem Instinkt des Diogenes-Verlegers Daniel Keel, der schon Dürrenmatt und Loriot «entdeckte». Keels Sekretärin erzählte ihrem Chef von einem Theaterstück, das ihr sehr gut gefallen hatte. Auch Keel sah sich daraufhin den «Kontrabass» an, war begeistert und fragte nach, ob der Autor, damals noch unbekannt, denn auch Prosa schreibe. Der Rest ist Literaturgeschichte: «Das Parfum» wurde in 49 Sprachen übersetzt und über 20 Millionen Mal verkauft. Allein die deutsche Auflage beträgt 5,5 Mil­lionen. Auch im Hinblick auf Bernhard Schlinks «Vorleser» ahnte man bei ­Diogenes, dass etwas Grosses auf dem Tisch lag. Harte Fakten kann man hier jedoch kaum zitieren; Intuition und Erfahrung machen den Hauptteil aus. Marketing kann helfen, aber nur bei Büchern, die die geweckten Erwartungen auch erfüllen. Ist dies der Fall, setzt das «Empfehlungsmarketing» ein, das mehr bewirkt als der grösste Pos­ten im Werbebudget.

Wenn ein Autor oder eine Autorin es an die Spitze der Bestsellerliste schafft, ruft das Nachahmer auf den Plan. Andreas Fasel, der in der Stauffacher-Buchhandlung in Bern arbeitet, erinnert sich: «Nach dem Erfolg von ‹Fifty Shades of Grey› kamen unzählige Bücher auf den Markt, die schon in ihrer optischen Aufmachung sehr an den Bestseller erinnerten.»

Wo sich Leser schlau machen

Woher weiss man, was man als Nächstes lesen soll? Freunde, Buchhändler, Bestsellerlisten, Blogs und Kritiken helfen weiter. Aber auch Algorithmen und die Leser-Communitys grosser Internetportale.

Eingespielt sind die Buchempfehlungen von Amazon: Wer dort ein Buch anklickt, bekommt angezeigt, was andere Käufer sonst noch bestellt ­haben. Wer sich für den Kauf entscheidet, bekommt personifizierte Vorschläge. Zumindest sagt das Amazon, denn wie die Formel dahinter genau funktioniert, ist nicht bekannt. Sie hat den Nachteil, dass ein Nutzer sich immer auf den Pfaden seiner Lieblingswerke bewegen muss, wenn er ähnliche Vorschläge bekommen will: einmal den Kitschroman fürs Geburtstagsgeschenk oder den Jus-Wälzer fürs Studium gekauft, und schon scheint der Amazon-Algorithmus heillos überfordert. Aber es geht auch anders. Wer die englische Sprache beherrscht, kann aus einer ­Vielzahl an Möglichkeiten schöpfen.

Besonders beliebt ist etwa Good­reads.com. Das grosse soziale Netzwerk für Bücherwürmer ist zwar von Amazon übernommen worden, aber weit­gehend ­offen und selb­ständig geblieben. Wer sich ­die Mühe macht, mindestens 20 gelesene Bücher ­zu bewerten, bekommt von Good­reads alle möglichen Vorschläge, praktisch sortiert nach Genre. Es gibt die Möglichkeit, an ­Diskussionen mit ­Lesern und Autoren teilzunehmen, Wunsch­-listen anzulegen oder sich ­Herausforderungen zu stellen (zum Beispiel über ein Jahr hinweg ein Buch pro Woche ­lesen).

Eine weitere Möglichkeit ist Whichbook.net. Die Seite beschränkt die Büchersuche nicht nur auf ein paar Genres, sondern erlaubt dem Leser, allerlei Wünsche anzubringen: Darf es etwas Seichtes sein oder lieber etwas Anspruchsvolles? Vielleicht etwas dazwischen? Soll Gewalt eine Rolle spielen oder besser nicht? Soll die Handlung viele Wendungen nehmen oder vorausschaubar bleiben? Der Leser kann seine Präferenzen fest­legen und bekommt eine Auswahl. Er kann ein Profil ­anlegen, muss das aber nicht tun. Schade an Whichbook ist, dass Bewertungen fehlen. Die müssen ­jeweils andernorts eingeholt werden.

Wer es kurz und schmerzlos mag, wählt die Plattform Whatshould­ireadnext.com als Ratgeber: einfach den Lieblingsautor oder das Lieblingsbuch eintippen und durch ­60 Vorschläge schmökern.

Wenn es ein deutschsprachiger Ratgeber sein soll, wird es schwieriger. Grosse oder ­raffinierte Plattformen fehlen, man muss auf deutschsprachige Händler wie Amazon oder Ex Libris, auf Blogs und kleine Rezen­sionssammlungen ­zurückgreifen. Eine Übersicht über die Auswahl bietet Was-soll-ich-lesen.de.

Übrigens: Wer in einem Ort mit einem «offenen Bücherschrank» wohnt, hat Glück: Die in Quartieren oder ­Badis aufgestellten Bücherregale stehen allen zur Verfügung, die ein Buch abgeben oder zur Lektüre mitnehmen möchten. Kostenlos – und deshalb ideal, um einfach draufloszuprobieren. Viel Spass!

Michael Küng

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