Ein paar heruntergekommene Wohncontainer auf einer ehemaligen Mülldeponie bei Landquart, teils umzäunt mit Stacheldraht, so sieht das «Minimalzentrum» Waldau des Bündner Migrationsamts aus. Für Feras Farees ­Abedal Motaleeb, 32, seit 2008 in der Schweiz, Inhaber einer Aufenthaltserlaubnis Kategorie F und damit vorläufig auf­genommen, war es die letzte Station im Leben. Feras Farees ist tot.

Der Iraker wurde in der Nacht auf den 14. März 2013 gegen drei Uhr früh mit schweren Schädelverletzungen von der ­Polizei auf dem «Waldau»-Gelände auf­gefunden. Noch in der Nacht erlag er im Spital seinen Verletzungen. Die zuständige Staatsanwaltschaft in Chur gibt zu den Umständen, die zum Tod des 32-Jährigen führten, keine Auskünfte, ausser dass sich die Ermittlungen auf die zwei Männer konzentrieren, die mit dem Iraker in einem acht Quadratmeter grossen Wohncontainer einquartiert waren.

«Wir müssen nicht für Sicherheit sorgen»

Der Tod sei zwar «tragisch», aber «kaum zu verhindern» gewesen, sagte Marcel ­Suter, Leiter des zuständigen kantonalen Amts für Polizeiwesen und Zivilrecht, auf An­frage der «Südostschweiz». Eine ge­wagte These. Das Massnahmenzentrum Waldau dient dazu, renitente Asylsuchende zu massregeln, meist Männer mit Alkohol- oder Drogenproblemen oder psychischen Störungen.

Wer in einem der regulären Asylzentren des Kantons missliebig auffällt, wird hier unter Quarantäne gestellt – auf engstem Raum und ohne jegliche Betreuung. Die Verhältnisse seien relativ «kommod», findet Amtschef Suter. «Zudem können sie ja ausreisen, wenn ihnen die Zustände in der ‹Waldau› nicht passen.»

«Kommod» oder nicht, auch in Sachen Sicherheit lässt die Anlage zu wünschen übrig. Selbst nachts bleiben das Areal und die Container unverschlossen, zugänglich für jedermann. Eine Aufsicht vor Ort gibt es nicht. Nur einmal täglich kommt der Leiter einer anderen Asyleinrichtung vorbei und übergibt den Anwesenden ihr tägliches Nothilfegeld von Fr. 7.30.

«Das Migrationsamt muss nicht für die Sicherheit der Bewohner besorgt sein», hält Marcel Suter fest. «Aber Hilfe kann man sich im Notfall immer holen, die Telefonnummern von Polizei, Ambulanz und Feuerwehr hängen aus.» Das waldausche Sicherheitsdispositiv hat allerdings eine Lücke. Es gibt weit und breit kein Telefon.

Der Tod des Irakers erstaunt Gustav Ott, Präsident des Vereins Hilfe für Asylsuchende, nicht: «Es war eine Frage der Zeit, bis so etwas passiert.» Tatsächlich kam es immer wieder zu Zwischenfällen auf dem Container-Areal. Zweimal in den letzten Jahren brannte es. Eine Täterschaft konnte nie ermittelt werden. Anfang Jahr trugen drei Asylbewerber einen Streit mit Küchenmessern aus. Und bei einer Messerstecherei Ende 2010 wurden zwei der damals drei Bewohner schwer verletzt. Der eine lag mit Stichverletzungen im Ober­körper drei Tage lang im Koma.

Trotz Anklage wegen schwerer Körperverletzung wurde der Täter nach nur 13 Tagen Untersuchungshaft wieder auf freien Fuss gesetzt, obwohl, wie sich später erwies, sehr wohl Fluchtgefahr und Wiederholungsgefahr bestanden: Der Mann wird wenige Wochen später abtauchen und im Waadtland erneut eine Gewalttat begehen.

Damit nicht genug: Die Behörden wiesen ihn gleich nach der Haft ausgerechnet wieder in denselben Container mit seinen zwei Opfern. Marcel Suter rechtfertigt den fragwürdigen Schritt heute so: «Sie wurden uns zur Unterbringung zugeteilt, wo hätte ich sie sonst hintun sollen?» Nur dank dem Protest engagierter Bürger brachte man die Beteiligten doch noch getrennt unter.

«Die ‹Waldau› ist lediglich ein Minimalzentrum für die Gewährleistung von Nothilfe. Das bedeutet nicht, dass wir den ­Betroffenen Einzelzimmer oder gewisse Rechte geben müssen», sagt Amtsleiter Suter, der nebenamtlich als Dozent an der HTW Chur Verwaltungsrecht und Ethik ­doziert. So gesehen stimmt es: Der Tod von Feras Farees war «kaum zu verhindern».