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AusschaffungEin Dorf geht auf die Barrikaden

Ausschaffung Kilchberg Protest
«Die tschetschenischen Flüchtlinge sind bestens integriert» – Bürgeraktion «Hier zuhause» auf dem Schulhausplatz in Kilchberg ZH. Bild: Zoe Tempest

Im gutbürgerlichen Kilchberg ZH solidarisieren sich Hunderte mit einer tschetschenischen Flüchtlingsfamilie, die ausgeschafft werden soll. Ein Augenschein vor Ort.

von Markus Föhnaktualisiert am 2016 M06 02

Die Kantonspolizisten kommen morgens um vier, ein gutes Dutzend Beamte. Sie verschaffen sich Einlass in die Wohnung, befehlen den vier Kindern und der Mutter, ihre Habseligkeiten zu packen. Der Ton ist barsch, die Polizisten legen selber Hand an, die Zeit scheint zu drängen. Achtlos stopfen sie in Taschen, was sie in den Schränken finden: Kleider, Lebensmittel, Spielzeug, alles durcheinander. Den Vater, der seit einem Zusammenbruch in der psychia­trischen Klinik liegt, holt eine andere Einheit.

Gegen acht Uhr klingelt in Kilchberg ZH bei Francesca Bürgin das Telefon. Am Draht ist eine Bekannte aus dem Dorf. Unten bei der tschetschenischen Familie sei alles voller Polizeiautos, berichtet sie. Bürgin ruft ihren Mann an, dann Mitstreiterin Isabelle Blümlein, die wiederum ihren Mann kontaktiert. Den beiden Ehepaaren, dem Kern des Komitees «Hier zuhause», schwant: Es geschieht, was sie ­verhindern wollten – die Flüchtlingsfamilie wird ausgeschafft.

Kurz vor Mittag ein dramatischer Moment: Das Komitee berät sich im Wohnzimmer der Bürgins, das Schweizer Fernsehen filmt mit. Da klingelt Isabelle Blümleins Handy. Sie nimmt ab, die Kamera zoomt auf ihr Gesicht. Später wird am Fernsehen zu sehen sein, wie sie stirnrunzelnd ins Telefon spricht – und nach wenigen Sekunden in ein Schluchzen und gleichzeitig ein erleichtertes Lachen ausbricht. Es ist der 17. September 2015, die Zwangsausschaffung der Kilchberger Flüchtlingsfamilie wurde nach deren Widerstand am Flughafen abgebrochen.

«Dass die Familie nach Tschetschenien zurückgeht, ist für uns keine Option.»

Francesca Bürgin, Aktivistin

Das alles hätte sich auch gänzlich unbemerkt abspielen können; die Behörden haben 2014 über 6000 Personen gegen ihren Willen ausgeschafft, ohne dass eine breite Öffentlichkeit daran Anteil genommen hätte. Dass es hier anders ist, liegt an Francesca Bürgin, Isabelle Blümlein und ihren Ehemännern. Sie haben der tschetschenischen Familie einen Anwalt zur Seite gestellt und unter dem Motto «Hier zuhause» Hunderte Gleichgesinnter mobilisiert. Sie haben eine Website aufgeschaltet, eine Facebook-Gruppe gegründet, eine Petition an Bundes­rätin Simonetta Sommaruga lanciert.

Und sie haben dafür gesorgt, dass die Öffentlichkeit von allem erfährt: Gezielt kontaktierten sie Medienleute, damit sie die Geschichte eines Dorfs aufnehmen, das sich schützend vor ­eine Flüchtlingsfamilie stellt.

Isabelle Blümlein sagt: «Wenn man diesen Kindern in die Augen sieht, kann man nicht anders, als ihnen beistehen zu wollen.» Und Francesca Bürgin fügt an: «Dass die Familie nach Tschetschenien zurückgeht, ist für uns keine Option.»

Das sind kämpferische Töne, dabei ist Kilchberg kein Hort von Aufruhr und Revolte. Unten am Zürichsee verströmt die Fabrik von Linth & Sprüngli Schokoladeduft, oben am Hang hat Literaturnobelpreisträger Thomas Mann seine letzte Ruhe gefunden. Dazwischen leben gut 7500 Einwohner ein gutsituiertes Leben. «Pfnüselküste» nennen Zürcher zwar diese Seeseite, weil sie weniger besonnt und weniger gut betucht ist als die «Goldküste» gegenüber, aber dennoch: Arbeitslosen- und Sozialhilfequote liegen in Kilchberg deutlich unter dem kantonalen Durchschnitt, das steuerbare Einkommen massiv darüber. Eine bürgerliche Gemeinde durch und durch – und dennoch unterstützen Hunderte von Einwohnern die Aktion «Hier zuhause». Vielleicht, weil Politik dabei gar nicht mal eine so grosse Rolle spielt: «Wir sind nicht politisch motiviert», sagt Isabelle Blümlein. «Uns geht es um diese bestens integrierte Familie. Wir halten es für unzumutbar, sie in einen Unrechtsstaat zurückzuschaffen.»

Linda (links) und Marha (rechts) mit ihrer Schweizerin Freundin Melanie.
Quelle: Zoe Tempest

Alle Kinder sind eingeschult

Die Familie hat Tschetschenien vor gut vier Jahren verlassen. Ein Mann, eine schwangere Frau und drei Kinder auf der Flucht vor den Spezialein­heiten des despotischen Präsidenten Kadyrow. Die Polizisten, so berichtete Familienvater Timur dem Staatssekretariat für Migration (SEM), hielten ihn für einen Sympathisanten der Rebellen. Sie hätten ihn während zehn ­Tagen in einem Keller gefoltert, um Auskünfte zu mutmasslichen Widerstandskämpfern aus ihm heraus­zupressen. Immer wieder hätten bewaffnete Trupps danach das Haus der Familie aufgesucht, mitten in der Nacht, hätten getobt und gedroht.

In Kilchberg, wo die Behörden sie 2012 für die Dauer des Asylverfahrens unterbringen, lebt sich die Familie gut ein. Der heute 14-jährige Sohn und seine 11- und 10-jährigen Schwestern werden eingeschult, lernen schnell Deutsch. Sie sind beliebt bei Lehrern, Mitschülern und deren Eltern, finden leicht Freunde. Die Mutter kümmert sich um den Jüngsten, der in Horgen zur Welt kommt. Vater Timur geht derweil unaufgefordert dem Asylbeauftragten der Gemeinde zur Hand, hilft mit, Unterkünfte für neue Asylbewerber herzurichten, schleppt Möbel, räumt auf, entsorgt Müll. Eine Umzugs- und Reinigungsfirma will ihn einstellen, sobald das Asylverfahren abgeschlossen ist.

«Die Familie war im Dorf immer sehr sichtbar», erinnert sich Francesca Bürgin. «Man traf sie beim Grümpelturnier, bei den Dorffesten, in der Badi.» An Schulanlässen seien die Eltern stets dabei gewesen, hätten sich inte­ressiert gezeigt, sie seien aufgefallen durch ihre höfliche, hilfsbereite Art. Allen, die sie sahen, sagt Bürgin, sei klar gewesen: «Diese Leute wollen das Beste für ihre Kinder – und sie wollen ernsthaft Teil unserer Gemeinschaft sein.» Als das SEM Ende 2013 das Asylgesuch ablehnt, beginnt diese Gemeinschaft, sich für sie einzusetzen. Lehrer schreiben den Ämtern, Primarschüler sammeln Unterschriften, um sie dem Gemeindepräsidenten zu überreichen. Als Isabelle Blümlein von ihrer Tochter, die mit einem der Flüchtlingsmädchen zur Schule geht, erfährt, wie es um die Familie steht, schreibt sie andere Eltern an.

«Die Familie war im Dorf immer sehr sichtbar. Man traf sie beim Grümpelturnier, bei den Dorffesten, in der Badi.»

Francesca Bürgin, Aktivistin

Francesca Bürgin meldet sich sofort. «Hier zuhause» läuft an: Suche nach einem Anwalt, zweites Asylgesuch, ­Rekurs, Wiedererwägungsgesuch, Gang an die Öffentlichkeit. Dazu aber auch: moralische Unterstützung für die Familie, vor allem, als Vater Timur wegen der drohenden Ausweisung ­einen Zusammenbruch erleidet. So seien die Leute im dörflich strukturierten Kilchberg eben, sagt Bürgin: «Die Menschen schauen zueinander.»

«Eine strube Zeit»

Die Unterstützer in Kilchberg sind emotional stark involviert. Sie sei ständig auf Draht, sagt Isabelle Blümlein. «Es zehrt an den Nerven, vor allem wenn man sieht, wie es der Familie jetzt geht: Der Vater retraumatisiert in der Klinik, die Mutter geht ohne unsere Begleitung nicht mehr aus dem Haus, die Kinder sind ängstlich geworden.» Francesca Bürgin pflichtet bei: «Es ist gerade eine strube Zeit.»

«Hier zuhause» brachte das Schicksal der Flüchtlingsfamilie aufs politische Parkett: Die Kantonsregierung wird Stellung nehmen müssen, auch weil zum Zeitpunkt des Ausschaffungsversuchs beim Bundesverwaltungsgericht eine Beschwerde vorlag. Doch ob das Komitee es schafft, die Familie in Kilchberg zu behalten, ist offen. Gemäss Anwalt ist die Beschwerde hängig, vorläufig gilt ein Vollzugsstopp. Der Gerichtsentscheid kann jeden Moment fallen.

Update vom 02. Juni 2016

Die weitere Zukunft der tschetschenischen Flüchtlingsfamilie in Kilchberg bleibt auch im Sommer 2016 offen. Das Bundesverwaltungsgericht hat den Rekurs gegen die Ausschaffung Anfang März 2016 abgelehnt. Das Unterstützungskomitee von «Hier zuhause» gibt jedoch nicht auf: Gemeinsam mit Anwälten ist es mit einer Beschwerde vor das Komitee gegen Folter der UNO getreten. Die Experten dieses Gremiums haben sich zum Fall noch nicht geäussert.

Wie im Mai bekannt wurde, hat das Amt für Migration erneut versucht, die Familie mit Polizeigewalt auszuschaffen: Zehn Polizeibeamte schlugen morgens um vier Uhr die Wohnungstür der Flüchtlinge ein, Eltern und Kinder waren jedoch anderswo untergebracht. Anfang Mai erhielten sie Kirchenasyl in der Reformierten Kirche Kilchberg. Für die Behörden gilt die Familie als «untergetaucht», sie hat daher keinen Anspruch auf Unterstützung durch Nothilfe – um sich Essen kaufen zu können, ist sie auf Spenden von «Hier Zuhause» angewiesen.

Kein Erfolg in der Stadt Zürich

Fremde werden zu normalen Nachbarn, je besser man sie kennenlernt – bis man sich für ihr Wohl einzusetzen beginnt, wenn man dieses durch den Staat gefährdet sieht. Das passiert nicht nur in Kilchberg, sondern auch andernorts, immer wieder.

In Zürich war bis Anfang Jahr das Komitee «Familie Nikitin bleibt» aktiv. Mit Veranstaltungen und einer Petition an die Kantonsregierung machten sich Hunderte für eine russische Familie stark. Dieser Fall zeigt aber auch den ­begrenzten Einfluss von Solidaritätskomitees: Die Familie – deren Vater 2011 geltend machte, er sei in Russland wegen seines politischen Engagements bedroht – wurde im Februar nach Russland zurückgeschafft, allen Bürgerprotesten zum Trotz.

Plötzlich war die Familie weg

Die Solidaritätsbewegung ging damals von Lehrern aus, die Kinder aus der Familie unterrichteten; sie gewannen die Unterstützung der Schule und der reformierten Kirchgemeinde, dann immer weitere Sympathisanten. Einer dieser Lehrer war Christoph Schneebeli. «Es war eine engagierte Familie», erinnert er sich. Die Eltern hätten Deutsch gelernt und sich für die Schule interessiert, hätten sich integrieren wollen. «Wir mochten sie und wollten, dass sie hierbleiben», sagt er. «Und vor allem spürten wir auch, welche Angst ihnen der Gedanke an eine Ausweisung machte.»

Die Ausweisung erfolgte unangekündigt, die Familie war plötzlich weg, niemand konnte sich von ihr ver­abschieden. Das habe vielen Unterstützern den Boden unter den Füssen weggezogen, sagt Schneebeli. «Es war zwar ein gutes Gefühl, mit den unterschiedlichsten Leuten für diese Familie zu kämpfen und diese grosse Solidarität zu spüren, aber es war auch ­eine belastende Zeit. Man hängt in so etwas emotional stark drin.» Gemerkt habe er das, als er einsehen musste, dass der Kampf verloren war: «Ich fiel in eine Art Schockstarre.»

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4 Kommentare

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Franz
Raus. Ade. Fertig.
Daniel Münger, Zürich
Keiner fragt sich, wieso ausgerechnet immer wieder integrierte Famlien das Land verlassen müssen? Und niemand fragt sich, wieso von den rund 6000 Personen, ausgerechnet immer solche Ausschaffungen prominent in die Medien gelangen? Damit werden wir unbewusst indoktriniert, generell über die pösen Ausschaffungen nachdenken, um sie gegebenenfalls alle stoppen zu können! Ganz im Sinne der linken Sozial- und Asylindustriellen, die sich am Leid vieler armer Menschen bereichern. Wir sollten einfach zuerst mal alle kriminellen Scheinasylanten ausschaffen, aber sicher nicht gut integrierte Familien aus Kriesengebieten!
Bebo Heuberger
Vor lauter Gesetzesparagrafen geht der gesunde Menschenverstand und das bisschen Zivilcourage bei den Behördenmitgliedern verloren. Einfach jämmerlich.
E. Vetsch
Es ist schon ein "Kreuz" mit dem Schweizer Kreuz - Viel Bla-bla um die humatäre Schweiz und (ver)heerende Worte auf dem Rütli, wenn die Nationalhymne ertönt...