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FahrausweisEin «Billett» für einen papierlosen Flüchtling

Kehrtwende des Berner Strassenverkehrsamts: erst stur, dann pragmatisch.

Schweizer Fahrausweis erkämpft: Ursula Kläntschi und Shaher Mahmoud.
von aktualisiert am 21. Dezember 2017

Juli 2017, Ursula Kläntschi regt sich fürchterlich auf. Es geht um ihren Bekannten Shaher Mahmoud, einen Flüchtling aus dem Bürgerkriegsland Syrien. Die Emmentalerin berichtet, Mahmouds Führerausweis sei in hiesigen Amtsstuben verlorengegangen. Und die Behörden verhielten sich stur.

«Als Shaher Mahmoud in die Schweiz kam, besass er als einziges offizielles Personaldokument seinen syrischen Führerausweis», erzählt Kläntschi dem Beobachter. «Er sagte mir, er habe diesen ans Staatssekretariat für Migration geschickt, das Dokument sei aber nie retourniert worden.» Jetzt habe er nur noch eine Kopie davon.

Da ihm eine Emmentaler Firma einen Job als Plattenleger angeboten hat, hat Mahmoud ein Problem. Die Bedingung ist: Er soll einen gültigen Schweizer Führerausweis vorlegen. Doch ohne das syrische Original bekommt er diesen nicht, wie das Strassenverkehrsamt des Kantons Bern mitteilt.

Ursula Kläntschi setzt alle Hebel in Bewegung, um den syrischen Fahrausweis wiederzufinden – vergeblich. Sie wendet sich erneut ans Amt, das «den Einzelfall im Detail prüfen» will. Es schickt die Kopie des syrischen Ausweises an den kriminaltechnischen Dienst. Dieser stellt fest, dass der Kopie sehr wahrscheinlich ein echtes Dokument zugrunde liege. Daraufhin bietet das Strassenverkehrsamt Mahmoud zu einer Testfahrt auf. Danach gibt der Verkehrsexperte grünes Licht: Mahmoud hat sein Schweizer «Billett» im Sack.

«Aufwendige Abklärungen»

«Wir haben im Sinn der Verhältnismässigkeit gehandelt», sagt Martin Bruder vom Berner Strassenverkehrsamt. Das sei im Einzelfall angebracht, etwa bei papierlosen Flüchtlingen aus akuten Kriegsgebieten. «Wir führen mit der Kantonspolizei aufwendige Abklärungen durch. Manchmal ist es nicht möglich, Ersatzdokumente zu beschaffen, weil die amtlichen Strukturen zerstört sind.» Im konkreten Fall habe man angenommen, dass Mahmouds Originalausweis erst in der Schweiz verlorengegangen sei und er nichts dafürkönne.

Ursula Kläntschi freut sich über die unbürokratische Lösung. Den Job als Plattenleger habe durch die Verzögerung zwar ein anderer bekommen. «Aber ich bin sicher: Der Ausweis kann Shaher Mahmoud beruflich neue Türen öffnen.»

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Raphael Brunner, Online-Redaktor

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