Christian streicht sich durch seine prächtige Afrofrisur. Er beugt sich übers Arbeitsblatt, er soll niederschreiben, wo er sich in fünf Jahren sieht. ­Dabei ist er erst seit neun Monaten hier. Er stammt aus der Dominikanischen Repu­blik, sein Vater ist Schweizer.

Doch Christian hat schon klare Vorstellungen von seiner Zukunft: Er will Zeichner EFZ lernen, also Pläne, Skizzen und Modelle für Bauprojekte zeichnen und konstruieren. «In fünf Jahren habe ich die Lehre abgeschlossen. Am liebsten möchte ich aber Basketballprofi werden. Ich werde sparen, um Geld für Ferien zu haben, und allein wohnen.»

Er glaubt, seine Chancen stünden gut, das zu schaffen.

«Ich möchte Basketball-Profi werden.»

Christian

16 Schülerinnen und Schüler aus elf Na­tionen sitzen in der Integrationsklasse 2a. Lehrer Alexander Fretz will ihnen das Wichtigste zur Berufswahl nahebringen. Der 45-Jährige wohnt im deutschen Freiburg und unterrichtet seit 14 Jahren hier am Zentrum für Brückenangebote Basel in Riehen. «Seine» Jugendlichen stammen aus Syrien, Vietnam, Eritrea, Spanien oder Brasilien. Sie sind alle noch nicht lange in der Schweiz und mit 16 bis 20 Jahren zu alt für die Volksschule – und zu jung, um gänzlich wie Erwachsene behandelt zu werden.

Im ersten Jahr des Integrationskurses haben sie vor allem Deutsch gelernt. Im zweiten Jahr, das bis nächsten Juli dauert, geht es um die Berufswahl. Die Jugend­lichen, die leistungsmässig Stärksten des Jahrgangs, lernen, Lebensläufe und Bewerbungen zu schreiben, sollen Arbeitsluft schnuppern gehen und möglichst ­eine Lehrstelle finden. So können sie sich in die Gesellschaft integrieren und sich eine Zukunft aufbauen. 

«In meiner letzten Klasse haben 10 von 16 eine Lehrstelle gefunden», sagt Lehrer Fretz stolz. Das deckt sich mit der Abgangsstatistik der ganzen Schule (16 Klassen an vier Standorten in Basel und Umgebung). Gut 60 Prozent – keine schlechte Quote für Jugendliche, die kaum Deutsch konnten, teilweise mit harten Schicksalen kämpfen und sich erst in der neuen Kultur zurechtfinden müssen.

Christian, 17, ist seit neun Monaten in der Schweiz. Er stammt aus der Dominikanischen Republik, sein Vater ist Schweizer. Christian kam im Rahmen des Familiennachzugs hierher. Er will eine Lehre als Bauzeichner machen – 
oder eine Sportlerkarriere.

Quelle: Tanja Demarmels

Schreie der Gefolterten

Rund 43'000 Personen befanden sich im Jahr 2013 in der Schweiz im Asylprozess – die meisten Jugendlichen der Klasse 2a zählen dazu. Viel weiss die Öffentlichkeit nicht von ihnen, man liest von geplanten Asylzentren, die auf Widerstand stossen, oder von Bootsflüchtlingen, die via Italien in die Schweiz reisen. Auch von Tätlichkeiten einzelner Asylsuchender. Aber was tun die jugend­lichen Flüchtlinge? Wie leben sie? Was für Träume haben sie? Schaffen sie es, sich hier einzuleben und für sich selbst zu sorgen? Der Weg in die Integrationsschule ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Die Jugendlichen sind freiwillig hier, haben sich also alle selber das Ziel gesetzt, ­etwas aus ihrem Leben zu machen.

«Ich vermisse meine Familie, mein Dorf und das Essen.»

Znarin

Zum Beispiel Znarin aus Syrien. Die 21-jährige Kurdin wohnt mit Mann und zweijährigem Sohn in einer kleinen Wohnung bei Basel. Sie ist vor drei Jahren in die Schweiz ­geflüchtet, weil sie die Schreie der Gefolterten aus der nahen Kaserne nicht mehr ertrug. «Oft konnte ich wegen des Krieges das Haus nicht verlassen, es war einfach zu gefährlich», sagt Znarin.

Sie wuchs mit sieben Geschwistern in einem Dorf im Norden Syriens auf. Ihr Vater arbeitete als Chauffeur für eine Bau­firma. Die Kurden sind die grösste ethnische Minderheit in Syrien, ihr Anteil wird auf neun Prozent geschätzt. Sie dürfen in Syrien weder Kurdisch sprechen noch ihren Kindern kurdische Namen geben, sagt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Der zweijährige Pel, kur­disch für «Welle», dürfte seinen Namen also nicht tragen.

Znarin will eine Lehre als Praxis­assistentin in einer Zahnklinik machen. Sie erzählt nicht gern von ihrer Flucht, dafür schwärmt sie von der kürzlichen Beschneidung des kleinen Pel, die im Spital stattfand und ihm «überhaupt nicht weh getan hat». Ganz anders als daheim, dort sei es manchmal schlimm gewesen für die Buben. Sie zeigt Fotos von ihm, er trägt eine auffällig gestylte Frisur. «Mein Mann ist Coiffeur», erklärt sie. Znarin lacht, ihr dunkler Rossschwanz wippt.

Znarin, 21, floh vor drei Jahren in die Schweiz. Die junge Mutter will eine Lehre als Zahnarzt-Praxis­assis­ten­tin machen – und nach Syrien zurück, wenn der Krieg vorbei ist und die Kurden wieder ihre Rechte haben.

Quelle: Tanja Demarmels

Ein Diktat? Kein Problem!

Wenn die Kurdinnen und Kurden in Syrien wieder ihre Rechte erhalten und der Krieg vorbei ist, will sie zurück. «Ich vermisse meine Familie, die Freun­dinnen, mein Dorf und das Essen.»

«Ich will Informatiker werden.»

Aurelio

Lehrer Fretz hält eine Postkarte in die Höhe, darauf der Spruch: «Hauptsache, du findest einen Job, der zu dir passt.» Er fragt nach dem Sinn dieses Satzes. Aurelio meldet sich. Der 19-jährige Italiener, dessen Hauptsprachen Spanisch und Galicisch sind, ist gewählter Klassensprecher.

Er versprüht natürliche Autorität. Selbstbewusst sagt er, dass Banker überhaupt nicht zu ihm passt. «Ich will Infor­matiker werden.» Aurelio flüstert auf Spanisch mit seinem Tischnachbarn Christian. Die beiden sind Freunde, lernen gemeinsam und verbringen die Pausen zusammen.

Aurelio spricht auffallend gut Deutsch, er hat einen Teil der obligatorischen Schulzeit in Basel verbracht, dazwischen aber immer wieder in Italien oder Spanien gelebt. Er ist ein sogenannter Familiennachzügler. Wie die meisten in der Klasse spricht er nicht gern über seinen familiären Hintergrund.

Am Schluss müssen die Jugendlichen ein Diktat schreiben. Es geht um die Gross- und Kleinschreibung. Lehrer Fretz diktiert Sätze, die wohl auch manch einer mit Muttersprache Deutsch nicht korrekt wiedergeben könnte. Aurelio steht an der Wandtafel und muss «Das schnelle Fahren in Basel ist nicht erlaubt» schreiben. Wieso schreibt man hier «Fahren» gross? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: «Weil es ein substantivierter Infinitiv mit Artikel ist.»

Alexander Fretz ist zufrieden mit seinen 2alern. Er kennt sich auch privat mit den Sorgen und Nöten fremdländischer Jugendlicher aus. Er ist in zweiter Ehe mit einer Brasilianerin verheiratet, und die jüngste Stieftochter, die 16-jährige ­Rebeca, lebt seit eineinhalb Jahren bei ihnen in Freiburg im Breisgau. «Sie wollte unbedingt zu uns nach Europa und hat es jetzt aufs Gymnasium geschafft», freut sich Fretz.

Aurelio, 19, hat seine Schulzeit in Italien, Spanien und Basel verbracht und ist nun im Rahmen 
des Familiennachzugs hier. Er spricht schon sehr gut Deutsch, seine Mitschüler haben ihn zum Klassen­sprecher gewählt.

Quelle: Tanja Demarmels

Beobachter Serie

Wie geht es weiter mit Aurelio, Christian und Znarin? Der Beobachter berichtet in loser Folge über ihr Leben, ihre Lehrstellensuche, Schwierigkeiten und Erfolge.