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ParfümEine Nase voll Natur

Eine Nase voll Natur
Ätherische Öle aus natürlichen Essenzen sind gefragt, gehören aber noch zu den Produktnischen auf dem Markt. Bild: Thinkstock Kollektion

Die Arbeit mit natürlichen Essenzen ist für Parfümeure eine Herausforderung. Doch Konsumentinnen schätzen die Düfte aus ätherischen Ölen.

von Katrin Roth

Marokko, in der Rosenstadt El-Kelâa M’Gouna: Jean-Claude Richard besucht das traditionelle Rosenfestival und feiert mit 10'000 Berbern den Abschluss der jährlichen Rosenernte. Er ist überwältigt von der Farbenpracht, von den Emotionen – vor allem aber vom Geruch der vielen Menschen, von denen sich die meisten in Ermangelung eines eigenen Bades nur alle paar Wochen in einem öffentlichen Hamam waschen können. «Noch nie nahm ich eine so grosse Menschenmenge so intensiv mit der Nase wahr», sagt der Mitbegründer der Schweizer Naturkosmetikfirma Farfalla. Umso grösser sei der Schock gewesen, als er wenige Tage später während einer Tramfahrt in Zürich plötzlich realisiert habe, «dass ich keinen einzigen Menschen roch, sondern nur Parfums, den Duft von Reinigungsmitteln oder Seifen». Das war der Tag, an dem Richard den konventionellen Düften abschwor. «Ich wollte meine Sinne nicht länger mit synthetischen Gerüchen vernebeln.»

Eine wachsende Zahl von Konsumentinnen entscheidet sich für natürliche Düfte. «Immer mehr Kunden wollen Produkte ohne Zusatzstoffe, auch im Bereich der Parfums», sagt Axel Meyer, Gründer und Geschäftsführer der Naturduftmanufaktur Taoasis. Er kann die Aussage mit einer Umsatzsteigerung seiner Firma von 60 Prozent im vergangenen Jahr belegen. Der Anteil von Naturparfums im Duftmarkt sei aber verschwindend klein: «Von rund 1100 Düften im Handel fallen knapp zwei Prozent unter die Kategorie ‹Naturparfum›», sagt Meyer. «Und das wird trotz starkem Trend zu Naturkosmetik wohl erst mal so bleiben.»

Die Gründe dafür liegen vor allem in der Beschaffenheit der natürlichen Riechstoffe. Jedes Parfum setzt sich aus Alkohol, Wasser und Duftöl zusammen. Letzteres besteht im Fall von Naturparfums ausschliesslich aus natürlichen Substanzen. Die standardisierte Produktion von Naturparfum ist um einiges anspruchsvoller als die von konventionellen Düften. Die Ernte der Ausgangspflanzen kann sowohl quantitativ als auch qualitativ von Jahr zu Jahr schwanken. Zudem ist die Auswahl an Riechstoffen für Naturparfums begrenzt. «Gewisse Duftnoten wie etwa die Essenz von Veilchen oder Maiglöckchen kommen schlicht nicht vor in Naturparfums, weil sich ihr Geruch nicht auf natürlichem Weg gewinnen lässt», sagt Meyer. Er betont aber, dass auch mit natürlichen Rohstoffen eine enor­me Bandbreite von Duftkomposi­tionen möglich sei.

Chemische Konservierungsstoffe sind tabu

Doch nicht alle Konsumentinnen sind bereit, Einschränkungen im Dufterlebnis hinzunehmen. Zudem verfliegen Naturdüfte schneller als konventionelle, da nicht alle Inhaltsstoffe zulässig sind. Aldehyde zum Beispiel, die erstmals im legendären Duft Chanel N° 5 eingesetzt wurden und noch heute zur Fixierung leicht flüchtiger Fruchtnoten zum Einsatz kommen, sind bei Naturparfums ganz klar tabu. Eine Herausforderung, der die Produzenten natürlicher Düfte mit handwerklichem Können begegnen – und mit Kreativität: «Wir füllen unsere Düfte bewusst in kleine Flakons ab. Die haben in jeder Handtasche Platz, so dass man tags­über das Parfum auffrischen kann», sagt Meyer. Die eingeschränkte Haltbarkeit von Naturparfums verlange Kompromisse. Nur nicht beim Duft selbst.

Kein Problem damit hat Jean-Claude Richard: «Obwohl ich manche konventionelle Düfte als olfaktorische Meisterwerke schätze, sind sie für mich keine Alternative zu Naturparfums.» Denn nur mit natürlichen Essenzen auf der Haut, die sich mit dem individuellen Eigengeruch vermengen, rieche ein Mensch nach Mensch. «Und genau das macht den Reiz eines Duftes für mich aus.»

Interview mit Jean-Claude Richard

«Unser teuerstes Öl kostet 50'000 Franken pro Kilo»

BeobachterNatur: Jean-Claude Richard, was verstehen ­Experten unter einem Naturparfum?
Jean-Claude Richard: Naturparfums bestehen ausschliesslich aus natürlichen Substanzen, die in Pflanzen vorkommen und eine «lebendige» Funktion haben, also Insekten anlocken oder den Stoffwechsel steuern. Diese natürlichen ätherischen Öle sind sehr komplex in ihrer Zusammensetzung. Sie bestehen aus Hunderten von Inhaltsstoffen. Beim Jasmin sind es über 500, beim Lavendel rund 300. Synthetische Duftstoffe ­bestehen aus ganz wenigen Molekülen. Das erklärt auch den Preisunterschied.

BeobachterNatur: Nennen Sie ein Beispiel!
Richard:  Ein Kilogramm synthetisches Rosenöl ­kostet 40 bis 100 Franken. Echtes Rosenöl dagegen 4000 bis 7000 Franken.

BeobachterNatur: Synthetische Duftstoffe können ­Allergien auslösen. Wie sieht das bei Naturparfums aus?
Richard: Grundsätzlich kann jeder Stoff allergen wirken. Aber ich orte das Problem künstlicher Duftstoffe an einem anderen Ort.

BeobachterNatur: Wo denn?
Richard: Ich möchte das an einem Beispiel erklären: Wenn Sie eine Banane in den Kompost werfen, hat sie sich drei Monate später in wertvollen Humus verwandelt. Was aber nicht verschwindet, ist die kleine Kunststoffetikette auf der Schale, die von der Natur nicht verwertet werden kann.

BeobachterNatur: Ist das schlimm?
Richard: Wie mit der Etikette verhält es sich auch mit synthetischen Duftstoffen, die in der Nahrung, in Reinigungsmitteln oder in Kosmetika vorkommen. Sie gelangen in den Wasserkreislauf und landen früher oder später auf unserer Haut, wo sie sich im Unterhautgewebe ablagern. Zu viel solcher Duftmoleküle können zum Ausbruch von Allergien oder anderen Beschwerden führen. Die Frage ist, ob der Stoff an sich oder die Menge davon die Ursache ist.

BeobachterNatur: Wie viele Duftstoffe stehen für die Produktion von Naturparfums zur ­Verfügung?
Richard: Wir komponieren unsere Parfums aus ­einer Palette von etwa 250 Duftstoffen. Bei den synthetischen Duftstoffen sind keine Grenzen gesetzt. Ich denke, es werden mehrere tausend sein.

BeobachterNatur: Welches ist der teuerste Duftstoff, den Sie verwenden?
Richard: Unser teuerstes Öl ist Irisöl für rund 50'000 Franken pro Kilo. Davon setzen wir viel in Parfums und Naturkosmetik ein.

BeobachterNatur: Naturkosmetik boomt. Gilt dasselbe für Naturparfums?
Richard: Dazu gibt es keine Zahlen, weil Natur­parfums immer noch eine absolute Nische darstellen. Für uns bei Farfalla spielen ­Naturparfums zwar eine immer wichtigere Rolle, aber im allgemeinen Duftmarkt sind sie praktisch ohne Bedeutung.

BeobachterNatur: Warum ist das so?
Richard: Ich denke, die Konsumentinnen haben sich an konventionelle Parfums gewöhnt, und eine Umstellung braucht immer Zeit. Natur­parfums werden vor allem von ­Menschen ­gekauft, die generell eine ­Affinität zu Naturkosmetika haben. Wir ­erwarten hier eine langsame Veränderung der Nachfrage.

BeobachterNatur: Was sind die beliebtesten Düfte Ihrer Firma?
Richard: Unsere Top Five sind: Lavendel, Zitrone, süsse Orange, Teebaum und Bergamotte – natürlich alles in Bioqualität.

BeobachterNatur: Welchen Duftstoff tragen Sie selbst am liebsten?
Richard: Ich mag Tuberose, man nennt sie auch Nacht­hyazinthe, und Zitrusdüfte.

Mit Freunden gründete Jean-Claude Richard 1985 die Naturkosmetikfirma Farfalla. Am Anfang stand die Produktion ätherischer Öle. Heute beschäftigt das Unternehmen über 70 Angestellte. (Bild: Farfalla)

www.farfalla.ch

Veröffentlicht am 2014 M05 07