Update vom 4. April 2019

Bäumle gibt der ehemaligen Geschäftsführerin die Schuld

Die ehemalige Geschäftsführerin von Green Cross Schweiz habe Bilanz und Erfolgsrechnung gefälscht. Das erklärte Green Cross Stiftungsratspräsident Martin Bäumle an einer kurzfristig einberufenen Medienkonferenz in Zürich.

Bei Green Cross Schweiz lag über Jahre alle Macht bei der Geschäftsführerin, und diese nutzte das aus und fälschte Bilanz und Erfolgsrechnung. So jedenfalls stellt Martin Bäumle die Gründe für das Chaos dar, das die Umweltorganisation in eine tiefe Krise stürzte.

Aufgeschreckt durch die Berichte von Beobachter und «Tages-Anzeiger», nahm Bäumle am Donnerstag zu den Missständen Stellung. Die ehemalige Geschäftsführerin von Green Cross Schweiz habe ein Regime geführt, in dem sie die alleinige Kontrolle über Buchhaltung und Verträge mit Lieferanten und Partnern gehabt habe, sagte der grünliberale Nationalrat an einer Medienkonferenz. Der Stiftungsrat sei dafür gar nicht zuständig gewesen, und in der dreiköpfigen Geschäftsleitung hätten die beiden anderen Mitglieder vermutlich nicht immer gewusst, was sie unterschrieben hätten.

Die Zusammenarbeit zwischen Geschäftsführerin und Stiftungsrat habe sich im Verlauf des Jahres 2017 immer mehr verschlechtert. Der Stiftungsrat habe dazu lange Verständnis gezeigt für Verzögerungen. Gegen Ende 2017 habe man der Geschäftsführerin eine Assistentin zur Seite gestellt. Trotzdem hätten sich die interne Kommunikation und die Transparenz nicht verbessert. «Trotz klarer Vorgaben an die Geschäftsführerin besserte sich die Situation nicht, und viele Aufgaben wurde nicht oder mit grosser Verspätung erledigt», so Bäumle. Der Geschäftsführerin wurde im Juni 2018 ein externer Interimsmanager zur Seite gestellt, um die internen Abläufe zu analysieren und verbessern.

Noch im 2018 habe es bei der Abnahme der Jahresrechnung 2017 keinerlei Anzeichen gegeben für finanzielle Probleme. Die Geschäftsführerin habe jedoch jegliche Zusammenarbeit mit dem Interimsmanager und dem Stiftungsrat verweigert. Deshalb habe man sich letztlich von ihr getrennt.

Das böse Erwachen kam Ende August 2018. Bäumle realisierte, dass die Liquidität der Stiftung weitaus geringer war, als von der Geschäftsführerin kommuniziert. Er habe sich sehr tief in die Buchhaltung einarbeiten müssen, um feststellen zu können, dass es in Bilanz und Erfolgsrechnung «Ungereimtheiten» gab. Dabei habe er «massiv falsche Abgrenzungen» bei den transitorischen Aktiven nachweisen können. Offensichtlich seien diese Rechnungsabgrenzungen über Jahre falsch dargestellt und «extrem geschickt getarnt» worden. Es gebe keine Hinweise, dass die Geschäftsführerin Gelder veruntreut habe. Wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung habe man gegen sie eine Strafanzeige eingereicht.

In der nun von Bäumle vorgestellten Jahresrechnung 2018 von Green Cross Schweiz wurden die Zahlen korrigiert. Das Organisationskapital, 2017 noch mit über fünf Millionen Franken in den Büchern, schrumpfte aufgrund der Korrekturen auf 270 000 Franken. Dafür ist die Liquidität – laut Jahresrechnung 2017 knapp eine Million – mit 1,7 Millionen Franken relativ gut.

Auf die Frage, weshalb man angesichts der Überschuldung im Herbst 2018 die Bilanz nicht deponiert habe, erklärte der grünliberale Nationalrat, das sei «eine sehr schwierige Güterabwägung» gewesen. «Bei einem Konkurs hätten wir alles verloren. Es zeichnete sich jedoch ab, dass wir Green Cross retten können, wenn wir alles richtig machen.» Das sei jetzt gelungen, «auch wenn wir immer noch nicht zu 100 Prozent durchblicken». 2019 werde ein Jahr der Konsolidierung sein, danach könne man «auf einem wesentlich tieferen Niveau» weiterfahren.

Green Cross verschweigt massive Probleme – Artikel vom 2. April:

Es wird still am andern Ende der Leitung. Schliesslich überwindet sich Martin Bäumle doch noch zu einer Antwort: «Ich kann das aktuell weder bestätigen noch dementieren.» Bäumle, seit knapp 16 Jahren Nationalrat, ist Politiker genug, um sich in heiklen Situationen nicht auf die Äste hinaus zu lassen. Als Gründer und ehemaliger Präsident der Grünliberalen hat er einige Stürme überstanden. In seinem vermutlich heftigsten steckt er jedoch immer noch mittendrin: in demjenigen bei Green Cross.

Die Umweltorganisation, die sich für Abrüstung von atomaren und chemischen Waffen, für die Opfer von nuklearer Verseuchung und für sauberes Trinkwasser einsetzt, durchlebt gerade eine massive Krise. Und Martin Bäumle muss gleich an zwei Orten Nothelfer spielen: In Genf, bei der Dachorganisation Green Cross International (GCI), und in Zürich bei Green Cross Schweiz (GC CH). Beide haben existenzbedrohende finanzielle Probleme, und bei beiden ist Bäumle in der Verantwortung. Heikle Interna, die Journalisten zugespielt werden, kommen ihm deshalb gerade sehr ungelegen.

Naive Sorglosigkeit

Bäumle ist seit Februar 2017 Interimspräsident von Green Cross International. Damals traten der damalige Präsident, sein Vize und Green-Cross-Gründer Michail Gorbatschow nach einem Streit über die Beiträge der Schweizer Sektion zurück. Bäumle übernahm und versprach, das Amt spätestens im Herbst 2017 wieder abzugeben – was er bis heute nicht getan hat.

Hintergrund des Eklats war die desolate finanzielle Situation von Green Cross International. Unterlagen, die dem Beobachter vorliegen, zeichnen ein Bild von geradezu naiver Sorglosigkeit. Man residierte in grosszügigen Büros an bester Lage in Genf, koordinierte von dort aus internationale Hilfsprogramme, organisierte grosszügig Tagungen und Ausstellungen und nahm an Konferenzen teil. Das hatte seinen Preis: Zwischen 2009 und 2016 schrieb GCI Jahr für Jahr höhere Verluste. Bis 2014 deckte der polnische GCI-Präsident und Milliardär Jan Kulczyk die Defizite mit rund einer Million Franken pro Jahr. Es war eine Win-win-Situation, die Green Cross aber nicht an die grosse Glocke hängte. Kulczyk investierte mit seinem Unternehmen in alle möglichen Projekte in den Bereichen Verkehr, Immobilien und Energie und konnte ein grünes Mäntelchen durchaus gebrauchen. Seine Pläne für ein riesiges Kohlekraftwerk in Pommern wurden zwar letztlich nicht realisiert, sorgten aber bei Green Cross International für einige Kontroversen. Kohlekraftwerke gehören zu den Klimakillern Klimakiller Flugzeug Wieso es keine Kerosinsteuer gibt schlechthin.

Viel Geld von Green Cross Schweiz

Im Juli 2015 starb Kulczyk überraschend, und seine Tochter war als Erbin nicht mehr bereit, die Umweltorganisation weiter zu unterstützen. Damit fehlte bei GCI plötzlich rund ein Drittel des Jahresetats. Aber nicht nur das: Zahlreiche Ländervertretungen von Green Cross blieben ihre obligatorischen Mitgliederbeiträge ebenfalls schuldig. Schon 2014 hatte man deshalb am Hauptsitz in Genf Personal entlassen und versucht, die Kosten zu reduzieren.

Nach Kulczyks Tod brach bei GCI jedoch endgültig die Krise aus. Das Budget 2016/17 sah noch immer Ausgaben von rund 1.5 Millionen Franken vor, davon rund zwei Drittel administrative und Personalkosten. Eine Million hoffte man immer noch über Kulczyks Erben einnehmen zu können. Den Rest sollten grösstenteils die Länderorganisationen beitragen, sprich: vor allem Green Cross Schweiz. Von dort kamen Jahr für Jahr sechsstellige Beträge, während die Vertretungen in anderen Ländern ein paar tausend Dollar überwiesen – oder gar nichts.

Rechnung stimmt nicht

In Zürich jedoch stieg man auf die Barrikaden und weigerte sich erst einmal, fällige Raten zu überweisen. Damit drohte dem internationalen Dachverband der Konkurs. Organisationskapital und flüssige Mittel lagen unter Null, theoretisch hätte GCI in Genf die Bilanz deponieren müssen. Warum dies nicht geschah, will Bäumle heute nicht sagen: «Wir sind jedenfalls noch da.»

Tatsache ist: Green Cross Schweiz überwies 2017 rund 308 000 Franken nach Genf, laut interner Zusammenstellung einer der höchsten Beträge seit Bestehen der Umweltorganisation. Dass die Schweizer Sektion so mit Beiträgen von Schweizer Mitgliedern faktisch den internationalen Dachverband gerettet haben dürfte, der jahrelang massiv über seinen Verhältnissen lebte, erfuhren die Schweizer Spender nicht.
 

«Wir wollen jegliche negative Exponierung verhindern, insbesondere in den Medien, da dies zu einer Abnahme von Spenden und Gönnerbeiträgen führen würde.»

Vertrauliche Mail von Martin Bäumle an die Mitglieder von Green Cross International


Green Cross Schweiz konnte sich diese Grosszügigkeit scheinbar leisten. 2017 erhielt die Stiftung Spenden in der Höhe von rund 14.4 Millionen und wies ein Organisationskapital von fünf Millionen und flüssige Mittel von knapp einer Million Franken auf. So jedenfalls steht es in der Jahresrechnung 2017, die auf der Website von Green Cross Schweiz aufgeschaltet ist.

Dokumente, die dem Beobachter vorliegen, zeigen jedoch: Diese Rechnung stimmt nicht.

«Kreative Buchhaltung»

Ende August 2018 trennt sich Green Cross Schweiz Knall auf Fall von der langjährigen Geschäftsführerin – «im gegenseitigen Einvernehmen», wie es in einem Communiqué heisst. Über die Gründe dringt nichts an die Öffentlichkeit. Am 6. September schreibt Martin Bäumle ein Mail an die übrigen Mitglieder von Green Cross International. Betreff: «Absolutely confidential information – situation GC Switzerland», und weiter: «Wir wollen jegliche negative Exponierung verhindern, insbesondere in den Medien, da dies zu einer Abnahme von Spenden und Gönnerbeiträgen führen würde.» Es ist Feuer im Dach bei Green Cross Schweiz – und die Mitglieder und Gönner sollen es keinesfalls erfahren.

Bäumles Mail liegt dem Beobachter vor, und Insider bestätigen dessen Echtheit, ebenso diejenige eines weiteren Mails von Anfang Oktober 2018. In diesem spricht der Nationalrat, der unterdessen neben dem interimistischen Präsidium von Green Cross International, dem Präsidium von Green Cross Schweiz auch die interimistische Geschäftsführung der Schweizer Sektion übernommen hat, von einer «kreativen Buchhaltung» der abgesetzten Geschäftsführerin, die für den Beobachter für eine Stellungnahme nicht erreichbar war. Vor allem aber zeigt Bäumles Mail auf, wie dramatisch die finanzielle Situation von Green Cross Schweiz ist: «Das Organisationskapital war Ende 2017 negativ statt der rapportierten fünf Millionen, und Green Cross Schweiz war nicht mehr in der Lage, seine kurzfristigen Verbindlichkeiten zu decken.» Es ist diese Information, die Bäumle gegenüber dem Beobachter «aktuell weder bestätigen noch dementieren» will.

Bei der Funkstille gegenüber der Öffentlichkeit soll es nach dem Willen von Bäumle auch bleiben, bis in ein paar Wochen die Jahresrechnung 2018 vorliegt. Auf der Website von Green Cross Schweiz jedenfalls finden sich seit dem letzten Herbst keinerlei neue Informationen mehr, weder zu Aktivitäten noch zur finanziellen Lage der Umweltorganisation. Den Spendern hingegen wird Courant normal vorgegaukelt: Green Cross Schweiz verschickt nach wie vor Einzahlungsscheine mit Spendenaufrufen: «Es wäre schön, wenn wir unseren Kontakt im Jahr 2019 erneuern dürften.»