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VerdingkinderEndlich Anerkennung

Endlich Anerkennung
Nach Jahrzehnten der Ausgrenzung hat das Parlament ein Einsehen: Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen mit historischen Bildern auf dem Bundesplatz. (Bild: wiedergutmachung.ch)

Es ist ein Tag der Erleichterung: Tausende von Verdingkinder sollen nach Jahrzehnten für ihr Leid finanziell entschädigt werden. Das hat der Nationalrat am Mittwoch entschieden.

von Otto Hostettler

Für Tausende von Verdingkindern, ohne Gerichtsurteil «administrativ» Weggesperrte, Zwangsadoptierte und Zwangssterilisierte ist es so etwas wie ein Wendepunkt. Der Nationalrat stellte sich hinter den indirekten Gegenvorschlag des Bundesrats zur Wiedergutmachungsinitiatiave und will jedem, der unter den oft willkürlichen staatlichen Massnahmen leiden musste, 20'000 bis 25'000 Franken auszahlen.

Langer Kampf für Gerechtigkeit

Genau vor zwei Jahren griff der Beobachter zu einem ungewöhnlichen Mittel: Statt sich als journalistische Publikation aus der politischen Diskussion herauszuhalten, mischten wir uns in die Diskussion ein. Die Überzeugung dahinter: Journalismus heisst manchmal auch, für eine Grundhaltung einstehen und sich für das Unrecht stark machen. Im April 2014 wurde deshalb jeder Zeitschrift ein Unterschriftenbogen der Wiedergutmachungsinitiative beigelegt. Zudem nahm Beobachter-Verlagsgeschäftsführer Roland Wahrenberger im Initiativkomitee Einsitz. Tausende unserer Leser unterschrieben in der Folge die Volksinitiative, wonach der Staat das Unrecht der Opfer solcher fürsorgerischen Zwangsmassnahmen endlich anerkennen und diesen für das erlittene Unrecht eine Entschädigung auszahlen soll. 

Zuvor beschrieben Generationen von Journalisten im Beobachter die erschütternden Lebensgeschichten. Wer im Archiv blättert, findet die tragischen Lebensläufe schon in den Siebzigerjahren. Die Politik schaute weg. Alle paar Jahre wurden wieder neue Schicksale publik. Betroffene beschrieben, wie sie bis in die frühen Achtzigerjahre im Kinderheim mit Schlägen traktiert wurden, im Kloster missbraucht wurden, wie man ihnen die Kinder wegnahm, weil sie unehelich zur Welt kamen, und wie sie wegen Bagatellen in Anstalten versorgt wurden.

«Eines Nachts bin ich aufgewacht»

2004 lehnte es das Parlament unter Justizminister Christoph Blocher ab, Menschen zu entschädigen, die auf Beschluss von Behörden ihre Ungeborenen abtreiben mussten und die gegen ihren Willen sterilisiert wurden. Kurz darauf weigerte sich das Parlament sogar, die Geschichte der Verdingkinder aufzuarbeiten. Es bestehe «aus heutiger Sicht weder ein Bedarf noch eine hohe Dringlichkeit» und es seien auch «kaum Ergebnisse zu erwarten, die für die heutige Praxis nutzbar wären», hiess es damals. Ein Umdenken setzte erst ab 2008 ein, als der Beobachter gezielt über Opfer dieser Behördenwillkür berichtete und ihnen damit eine Stimme gab.

Treibende Kraft hinter der Wiedergutmachungsinitiative ist der Zuger Unternehmer Guido Fluri, selber im Kinderheim und bei Pflegeeltern aufgewachsen. Mit seiner Stiftung engagierte er sich bereits länger für Betroffene, die ihre Akten einsehen wollten und von Behörden behindert wurden. Oder er half Opfern in einer finanziellen Notlage aus. Eines Nachts sei er schweissgebadet aufgewacht und habe sich entschieden, eine Volksinitiative zu lancieren, berichtete er später. 

Jetzt liegt das Dossier beim Ständerat

Nun hat Fluri in monatelanger Arbeit reihenweise Parlamentarier im persönlichen Gespräch von der Notwendigkeit überzeugt, dass die Schweiz das Leid der Betroffenen endlich anerkennen müsse und dazu Geldzahlungen nötig seien. Mit 143 gegen 26 Stimmen (bei 13 Enthaltungen) sagte nun der Nationalrat Ja zum Gegenvorschlag des Bundesrats. Dieser sieht zwar statt 500 Millionen Franken nur 300 Millionen Franken vor. Die tatsächliche Entschädigung soll aber – wie es die Initiative vorsieht – 20'000 bis 25'000 Franken pro Person betragen. Guido Fluri signalisierte bereits, die Initiative zurückzuziehen, sollte sich auch der Ständerat hinter den Vorschlag des Bundesrats stellen. Damit könnte ein langwieriger Gesetzgebungsprozess verhindert werden, und es könnten wohl schon 2018 erste Gelder ausbezahlt werden. 

Endlich. Die Leidtragenden haben auf diese Anerkennung gewartet. In vielen Fällen jahrzehntelang.

Darum hat sich der Beobachter engagiert

Eine Erklärung von Beobachter-Chefredaktor Andres Büchi aus dem März 2014:

Veröffentlicht am 2016 M04 27

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3 Kommentare

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Elisabeth Meier
pah....aber jetzt sind ja die meisten bereits tot...hat der Bund wohl solange gewartet damit es nicht mehr so teuer wird!!!!....hätte man ja schon vor 20 Jahren machen können....das ging viel zu lange!
Anita Zerk
Passend zum Artikel; "Aus dem Leben einer Schweizer Sklavin" http://agenda2010leaks.blogspot.ch/2016/04/ch-aus-dem-leben-einer-schweizer-sklavin.html
Peter Stich
Wirklich höchste Zeit, dass in dieser unrühmlichen Geschichte endlich Nägel mit Köpfen gemacht und die mehr als berechtigten Ansprüche all dieser staatlich Gequälten halbwegs erfüllt werden. Eine Affenschande war dabei einmal mehr die bekannte Haltung der SVP, welche nur ihre reiche Klientel und die Bauern mit Steuergeschenken ködern will, während ALLES andere stets "zu teuer ist" :'-( ! Ein anderer massiver Kritikpunkt liegt nun aber darin, dass wenn nun auch der Ständerat in der Herbstsession ächzend und knapp zustimmen wird, dass dann schon heute von "ersten Auszahlungen im Jahre 2018" gesprochen wird! Viele traumatisierte Beschädigter sind heute meist zwischen 80 und 90 Jahre alt sodass KEINERLEI VERZÖGERUNGEN mehr hinnehmbar, erste Zahlungen daher bereits per 2017 zwingend sind!