Himbeerfarbene Wände, bunte Fenster. Schnüre, an denen Plexiglasfiguren befestigt sind, baumeln von der Decke, Lampen blinken. Das Klingen der Bierflaschen und Gläser, wenn die feiernden Menschen anstossen, geht in den hämmernden Bässen aus den Lautsprecherboxen unter. Ein DJ legt im Zürcher Trendclub Hive auf, doch als Corina Gredig ihr Sektglas hebt und der ausgelassenen Menge zuprostet, verstummt die Musik.

«Es ist ein wahnsinniges Resultat, dank jedem einzelnen von euch!» Unter Co-Präsidentin Gredig haben die kantonalen Grünliberalen an diesem Sonntag im Oktober 2019 soeben ihre Nationalratssitze verdoppelt. Einer der sechs Sitze ging an sie, die 32-Jährige. Ihr Blick ist fassungslos freudig.

Von ihrer Wahl hat sie vor laufender Fernsehkamera erfahren, von einer Journalistin. Sie war derart auf die Resultate ihrer Kantonalpartei konzentriert, dass sie den Moment ihres persönlichen Triumphes verpasste. Auf der Clubbühne an der grossen Wahlfeier wirkt sie wie eine Königin, die noch nicht erfasst hat, dass sie soeben gekrönt worden ist.

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«Ich war richtig ‹im Züüg›, als ich realisierte, wie viele Menschen mir ihr Vertrauen schenken und denken, ich könne sie gut vertreten – obwohl ich noch so jung bin», erinnert sich Corina Gredig ein halbes Jahr später. Sie sitzt in der Stube ihrer kleinen Altbaumietwohnung in Zürich. Die achtjährige Tochter und der fünfjährige Sohn spielen mit Gspänli im Zimmer nebenan.

Bei Corina Gredig geht vieles schneller als bei den meisten anderen. In der Politik: Innert knapp drei Jahren hat sie die klassische politische Ochsentour absolviert, für welche die meisten anderen mindestens ein Jahrzehnt brauchen:

  • Zürcher Stadtparlamentarierin,
  • Zürcher Kantonsparlamentarierin,
  • Co-Präsidentin der Kantonalpartei,
  • Nationalrätin.

Im Privatleben:

  • Familiengründung als Studentin,
  • Heirat,
  • Trennung,
  • neue Beziehung.

Der Zug ihres Lebens ist rasant unterwegs. Streckenweise fährt er wie eine Achterbahn. Steil hinauf. Steil hinunter.

Buchtipp

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Am Wahlabend hatte Gredig nicht lange gefeiert, denn am nächsten Tag um acht Uhr musste sie schon wieder im Kantonsrat sitzen. Doch mit ihrem Vater hatte sie noch getanzt. Zum Glück. Es war der letzte gemeinsame Tanz. Wenig später erlitt der Vater einen Schlaganfall. Eine Weile noch lag er in der Klinik gleich neben Corina Gredigs Wohnblock. Vom Küchenfenster aus winkte sie ihm mit den Kindern zu. Schliesslich starb er.

Corina Gredig verlor mit ihm einen Vater, mit dem sie viel verband. Mehr als seine regelmässigen «Hüeti»-Einsätze. Der ehemalige kantonale Steuerverwaltungsangestellte hatte historische Bücher und Zeitungen gelesen, sich stets über das Weltgeschehen informiert und darüber mit Corina und ihren zwei Brüdern gesprochen.

Damit hatte er in Corina ein erstes politisches Interesse geweckt. Sie marschierte an den Schülerdemonstrationen gegen den Irakkrieg 2003 mit, hängte in ihrem Zimmer eine regenbogenfarbige Friedensfahne auf und trug «Peace»-Ansteckknöpfe. «Ich fand es so ungerecht, ein Land kaputt zu machen und einen Krieg anzuzetteln, einzig aus wirtschaftlichen Interessen.»

Corina Gredig mit ihrem Vater

Corina Gredig mit ihrem Vater.

Quelle: Corina Gredig

Gerechtigkeit, Freiheit, Selbstbestimmung: Zu einer Partei führten Corina Gredig diese Ideale aber erst später, an der Uni, während des Politologie- und Wirtschaftsstudiums. Theoretisch hätte es auch die SP sein können, «dazu fehlte mir aber der Stallgeruch, ich kam ja aus einem bürgerlichen Haus. Und die Überwindung des Kapitalismus finde ich realitätsfremd.»

Oder auch die FDP – dort politisiert ein Bruder. Doch nachdem Corina den langen Fragebogen der Online-Wahlhilfe «Smartvote» ausgefüllt hatte, spuckte diese eine andere Partei aus: die noch junge GLP. Kaum beigetreten, leitete sie als 23-Jährige schon das kantonale Parteibüro. Dieses war noch klein, Gredig kaufte als Erstes einen Tisch.

Die Wahlen 2011 standen bevor, sie wurde Co-Wahlkampfleiterin. «Das war uh streng», erinnert sie sich. «Dazu war ich schwanger.» Aber es gelang: Sie fuhr mit ihrer Partei nach der Atomkatastrophe in Fukushima einen grossen Sieg ein.

Kinderfrage als Karrierefrage

Ihr erstes Kind kam zur Welt, als sie 24 war. «Für mich war immer klar, dass ich Familie wollte, und zwar noch jung», erklärt Corina Gredig. Der Grund: Als Kind erlebte sie mit, wie zwei Frauen aus der nahen Verwandtschaft noch vor 30 an Krebs erkrankten. Sie durfte mit den Perücken spielen.

«Gleichzeitig stand stets im Raum, dass das Leben jederzeit auch enden kann», erinnert sich Gredig. «Das hat mich stark geprägt. Ich will das, was mir wichtig ist, machen, bevor es zu spät oder nicht mehr möglich ist.»

«Vorher war ich naiv, ich dachte ich sei gleichberechtigt. Zur Feministin wurde ich durch die Mutterschaft.»

Corina Gredig, GLP-Nationalrätin

Als Gredig nach der Berufsmaturität bei der UBS Geld für die Passerelle zur Universität und das anschliessende Studium verdiente, werweisste sie mit Kolleginnen, ob es auch für die Karriere besser sei, zuerst Kinder zu bekommen. Und erst wenn diese schon grösser seien, beruflich aufzusteigen.

Heute ist für sie klar: Die Frage der Vereinbarkeit kann frau mit diesem Modell nicht umschiffen. «Der Druck ist sogar eher grösser», sagt sie. Sie jedenfalls bekam während ihrer Laufbahn die vorwurfsvolle Frage zu hören, ob sie denn noch nicht genug habe. Studium, Job und Kinder – und dann auch noch Politik? «Vorher war ich naiv, ich dachte ich sei gleichberechtigt», sagt Corina Gredig. «Zur Feministin wurde ich durch die Mutterschaft.»

Prägende Erfahrungen

Gredig kämpft heute nicht nur für eine Besserstellung der Frauen. Beide Geschlechter sollen die Chance haben, ihr Talent zu entfalten. Das heutige System mache viele unfrei, findet sie. Sie fordert ausgedehnte Elternzeit statt nur Vaterschaftsurlaub, eine individuelle Besteuerung unabhängig vom Zivilstand statt nur Kinderbetreuungsabzüge.

Aber auch gleiches Rentenalter für beide Geschlechter und einen Militär- oder Bürgerdienst für Mann und Frau. Kontrollen für Lohngleichheit sowieso. Und bei Sexismus schaut sie genau hin. Genauer als früher, als sie nach ihrem Börsenhändlerinnendiplom neben dem Studium am Nightdesk der UBS Börsenaufträge abwickelte: ein Job mit viel Verantwortung, eine Arbeit in einer Männerwelt .

Als die gut 20-Jährige dort anzügliche Bemerkungen kassierte, kleidete sie sich als Reaktion bewusst bieder. Sie versuchte, ihre Schönheit durch Leistung zu kompensieren. Heute würde sie ein Vieraugengespräch verlangen, sagt sie, nötigenfalls eine Ebene höher intervenieren.

Entscheidend findet sie jedoch, ob Anzüglichkeiten Teil einer Betriebskultur sind. So erzählte man sich in der Bank, abends gingen einige Banker jeweils noch zusammen ins Dancing. «Dagegen ist an und für sich nichts einzuwenden», sagt Gredig. «Doch wenn es zur Kultur gehört, dass dort eine Art Kumpanei entsteht, die über Karrieren und Boni entscheidet, dann ist das ein Problem.»

«Es ging um alles oder nichts»

Politisch erlebte Corina Gredig, wie schnell aus einem grossen Sieg eine grosse Niederlage werden kann. Der Siegeszug der GLP an den eidgenössischen Wahlen 2011 hatte die Partei im Bundeshaus so stark gemacht, dass sie eine eigene Fraktion stellen konnte.

Gredig war wieder nah dabei: Sie wurde Fraktionssekretärin, lernte den Parlamentsbetrieb von innen kennen. Und war geschockt, als die GLP-Volksinitiative für ein neues Energiesteuer-System an der Urne krachend scheiterte: 92 Prozent Nein! Kurz darauf die nächsten eidgenössischen Wahlen, auch sie für die GLP eine Katastrophe: Die Partei verlor gut die Hälfte ihrer Sitze in den eidgenössischen Räten.

War die GLP doch nur eine politische Eintagsfliege, die schon bald verschwinden würde? «Es ging um alles oder nichts», erinnert sich Corina Gredig. In einer solchen Situation müsse man sich überlegen, ob die eigenen Werte wirklich mit jenen der Partei übereinstimmen. Falls ja: erst recht Gas geben! Das tat sie.

Im Dampfbad Projekte lancieren

Sie investierte «die wenigen Tausend Franken, die ich hatte», in eine neue Idee. Konkretisiert wurde diese Idee im Dampf: im Hammam mit GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy. Die beiden Frauen überlegten sich, wie neue Generationen für Politik zu begeistern wären. Denn nicht allen sage das heutige System zu.

«Man muss in eine Partei eintreten und dann schon bald in einem hässlichen T-Shirt Flyer verteilen, statt politische Ideen zu wälzen», sagt Corina Gredig und lacht. «Als ich das machen musste, fühlte ich mich wie eine Staubsaugerverkäuferin.»

Ideen aus dem Labor

Die beiden Frauen wollten auch Menschen ansprechen, die nicht an einen Ort und an eine Partei gebunden sind, sich jedoch an der Lösungssuche für ein politisches Problem beteiligen wollen. Projektweise. Ohne dabei ein Amt anzustreben. Etwas Ähnliches gab es in Österreich bereits. So entstand das GLP-Lab. Es sollte zum Ideenlabor werden für die Partei, zum Magnet für Interessierte mit oder ohne Parteibuch.

Die Geschäftsführerin: die 29-jährige Corina Gredig. Ein Knochen- und zugleich ein Herzensjob für Gredig. Sie liebt Projekte – und steckt an damit. «Immer wenn ich Projekte hatte, konnte ich auch andere mitreissen.» An Interessierten mangelte es nicht.

Einige der gemeinsam entwickelten Ideen flossen tatsächlich in den kantonalen oder eidgenössischen Politprozess ein: Die damalige Bundesrätin Doris Leuthard nahm zum Beispiel den Vorschlag grüner Parkzonen für Elektromobile auf. Schwieriger gestaltete sich über die Jahre die Suche nach Sponsorinnen und Sponsoren. Vielen war das Lab zu politnah.

Corina Gredig bei der Gründungsfeier des GLP-Labs

Corina Gredig bei der Gründungsfeier des GLP-Labs 2016.

Quelle: Corina Gredig

Monate später sitzt Corina Gredig vor einem kalten Plättli in einer Berner Gartenbeiz. Pickt Käse und Oliven, trinkt dazu Cappuccino. Sommersession. Im Zug hat sie zufällig einen SP-Ständerat getroffen und sich zu ihm hingesetzt. Während andere Neulinge anfänglich Scheu zeigen, auf Politiker und Politikerinnen anderer Parteien zuzugehen, findet sie das besonders spannend.

In dieser Woche hat sie das GLP-Lab in neue Hände übergeben, nun konzentriert sie sich neben der Familie vorerst ganz auf die Politik. Die Aufgaben als Nationalrätin und als kantonale Co-Präsidentin entsprechen einem Pensum von 70 bis 80 Prozent, schätzt sie. Sie sitzt in zwei Kommissionen, will sich zuerst in die neuen Themen vertiefen.

«Nur» Parlamentarierin von Beruf

Wenn sie nach ihrer Arbeit gefragt wird, antwortet sie «Parlamentarierin». Sie ärgert sich sehr über Reaktionen, die sie als Schmarotzerin dastehen lassen, als eine, die den Milizgedanken verrate, indem sie aktuell «nur» Politik mache.

«Gute politische Arbeit ist doch enorm wichtig! Und familiäres Engagement neben dem Parlamentsmandat ist doch weder schlechter noch besser als ein berufliches», sagt sie energisch. Überhaupt, was heisse schon Beruf – es gebe ja sowieso nicht mehr viele Politikerinnen und Politiker, die unternehmerisch tätig seien oder etwa als Ärztin oder Lehrerin mitten im Leben ständen.

Viele Männer und Frauen im Parlament bewegten sich beruflich in sehr politiknahen Bereichen: im beratenden Gremium einer Krankenkasse zum Beispiel oder bei einer Gewerkschaft oder in Verwaltungsräten, in denen vor allem ihre politische Kompetenz gefragt sei.

«Wenn der Milizgedanke bedeutet, dass Politikerinnen und Politiker einen realen Bezug zum Alltagsleben haben sollen, dann bin ich als junge Mutter doch näher am Leben der meisten Familien als jene, die ausschliesslich in Verwaltungsräten sitzen!» Natürlich könnte sie weniger Zeit in die Vorbereitung der Geschäfte stecken «und dann einfach so stimmen, wie Economiesuisse oder der Gewerkschaftsbund es vorgeben. Aber das ist doch nicht seriös!» Diese Diskussion will Politologin Gredig in den nächsten Jahren führen.

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