Die Pestizidinitiative ist unbestritten radikal. Die Frage ist: Braucht es das?

Dass wir mit Pestiziden ein Problem haben, ist leider eine Tatsache. Unsere Böden und unser Grundwasser sind belastet, es gibt immer weniger Bienen und Vögel, die Artenvielfalt nimmt generell ab.

Der Lösungsvorschlag der Pestizidinitiative ist einfach: keine Pestizide mehr. Nirgends. Nicht in der Landwirtschaft, nicht im Gartenbau.

Die Initiative zielt aber auch auf die Importe. Läden und Restaurants dürften keine Lebensmitteln mehr anbieten, die mit Pestiziden hergestellt worden sind. Mit der Initiative würde die Schweiz praktisch zum Bioland.

Das ist der grösste Unterschied zur Trinkwasserinitiative: Die Pestizidinitiative fordert nicht nur Veränderungen bei den Schweizer Bauern, sondern auch von uns Konsumentinnen und Konsumenten. Sie verlangt, dass wir innerhalb von zehn Jahren unsere Lebensweise so umstellen, dass wir ohne chemische Pestizide auskommen.

Sehr viel «Wenn» und «Könnte»

Die Gegner sagen: Das ist nicht machbar und nicht notwendig. Wir sollten nicht Pestizide verbieten, sondern dafür sorgen, dass sie weniger Schaden anrichten. Ohne Pestizide könne die Landwirtschaft weniger produzieren und wir würden abhängiger vom Ausland. Lebensmittel würden teurer und unsere Wirtschaft würde leiden, zum Beispiel die Schokoladenindustrie. Umgekehrt sei es unsicher, ob die Schweiz ein Importverbot aller Nichtbioprodukte überhaupt durchsetzen könnte.

Die Befürworter sagen: Wir müssen nur wollen, dann finden wir einen Weg. Zehn Jahre seien lange genug, damit sich alle umstellen können: die Bauern, die Industrie und wir Konsumentinnen und Konsumenten.

Heute landen 37 Prozent der Lebensmittelproduktion im Abfall. Bevor wir mehr importieren, könnte man zum Beispiel da ansetzen, sagen die Befürworter. Die Forschung werde Lösungen finden und die Schweiz nicht allein bleiben. Wie problematisch Pestizidrückstände sind, habe man auch im Ausland gemerkt. Schon heute gebe es Bordeaux-Wein oder Pasta schliesslich auch in der ungespritzten Variante.

Was auffällt: Auf beiden Seiten gibt es viel Wenn, Könnte und Möglicherweise. Das ist logisch bei dieser Ausgangslage. Die Initiative verlangt erstens eine umfassende Umstellung. Zweitens gibt sie dafür ziemlich viel Zeit. Was ein Ja wirklich für Folgen hätte, können wir heute nicht sagen.

Die Bilanz ist schlecht

Die Pestizidinitiative stellt uns deshalb vor eine Grundsatzentscheidung. Wollen wir weiterhin vertrauen, dass das Parlament, die Lebensmittelindustrie und die Landwirtschaftsbranche das Pestizidproblem lösen?

Oder verzichten wir auf Pestizide und schauen, was dabei herauskommt? Weil wir glauben, dass Veränderungen möglich sind. Und weil wir wissen, dass wir eingreifen können, wenn wir sehen: Es funktioniert nicht.

Dass die Initiative am Schluss strenger umgesetzt wird als von der Bevölkerung akzeptiert, ist unwahrscheinlich. Die Pestizidinitiative ist radikal, ja, aber sie ist erst mal eine Initiative. Eine notwendige.

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Raphael Brunner, Redaktor

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