In der Schweiz kann man nach wie vor Hahnenwasser trinken. Aber unser Wasser ist nicht so sauber, wie es sein könnte. Grund dafür sind zu einem grossen Teil synthetische Pestizide, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Diese Pestizide belasten unsere Gewässer.

So zeigt etwa das nationale Grundwasserbeobachtungsprogramm NAQUA, dass in Gebieten, in denen intensiv Ackerbau betrieben wird, an über 90 Prozent der Messstellen Pestizidrückstände nachgewiesen werden können. Auf die ganze Schweiz bezogen, hat man an jeder vierten Messstelle eine Konzentration von Pestizid-Abbauprodukten festgestellt, die über dem Grenzwert von 1 Mikrogramm pro Liter lag.

Mehr Pestizide, das bedeutet aber auch: weniger Insekten, weniger Vögel und ganz generell: weniger Artenvielfalt.

Die Trinkwasserinitiative will dies ändern und schlägt deshalb einschneidende Massnahmen vor.

Bergbauern würde es am härtesten treffen

Heute erhalten Bäuerinnen und Bauern bekanntlich Direktzahlungen für ihre Produkte und ihre Arbeit. Das sind jedes Jahr knapp 3 Milliarden Franken. Dafür dürfen sie nicht zu viel düngen, müssen so genannte ökologische Ausgleichsflächen bereithalten oder den Boden schützen.

Nach dem Willen der Initianten sollen künftig nur noch diejenigen Bäuerinnen und Bauern Direktzahlungen erhalten, die auf ihrem Betrieb keine Pestizide einsetzen, die Tiere nicht vorbeugend mit Antibiotika behandeln und die nur noch so viele Tiere hält, dass sie sie mit dem Futter ernähren können, das auf dem Hof produziert wird.

Das würde nicht alle gleich hart treffen. Grossbauern im Mittelland etwa sind viel weniger auf Direktzahlungen angewiesen als etwa Kleinstbetriebe in Berggebieten. Das heisst: eine Bergbauernfamilie, die nicht auf Pestizide verzichten will, verliert einen wesentlich grösseren Teil des Einkommens, als dies bei einem Grossbetrieb der Fall ist.

Gegner warnen vor Domino-Effekt

Der Bauernverband und andere landwirtschaftliche Organisationen bekämpfen die Initiative schon, seit die Tinte unter der ersten Unterschrift trocken ist. Verbandspräsident Markus Ritter erklärte schon 2019 den Kampf gegen die Initiative zur wichtigsten Aufgabe des Bauernverbands. Mit an Bord war fast alles, was in der schweizerischen Landwirtschaft Rang und Namen hat: die Obstbauern, die Gemüseproduzenten, die Fenaco als grösster landwirtschaftlicher Mischkonzern, und, und, und.

Die Gegnerinnen und Gegner kritisieren an der Initiative, dass bei einer Annahme weniger Lebensmittel in der Schweiz produziert und diese teurer würden. Die Umweltbilanz würde schlechter, weil mehr Lebensmittel importiert werden müssten. Und schliesslich seien dadurch Arbeitsplätze in bäuerlichen Betrieben gefährdet.

Ein «Ja» würde noch nicht viel bedeuten

Tatsächlich haben es die Initiantinnen den Gegner in gewissen Punkten ziemlich leicht gemacht. So ist etwa nur von einem Verbot von Pestiziden die Rede, nicht aber von einem Verbot von synthetischen Pestiziden. Auch in der biologischen Landwirtschaft kommen aber gewisse Pestizide zum Einsatz, und einige Biobauern befürchten nun, dass sie gar keine Schädlingsbekämpfungsmittel mehr einsetzen könnten.

Initiantin Franziska Herren hat zwar in den vergangenen Wochen ihr Möglichstes getan, diese Befürchtung zu zerstreuen, aber in der Initiative steht es nun mal so.

Seien wir ehrlich: So heiss, wie die Landwirte und der Bauernverband behaupten, wird die Suppe nicht gegessen werden. Bei einem Ja haben wir erst einmal nur einen Verfassungsartikel, der dann noch in ein Gesetz gegossen werden müsste. Und da wird der Bauernverband, eine der mächtigsten Lobbys im Parlament auf alle Fälle dafür sorgen, dass die Vorschriften nicht zu streng werden.

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Thomas Angeli, Redaktor

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