Bis 2030 soll die Schweizer Bevölkerung nur noch halb so viele Lebensmittel wegwerfen wie heute. Das ist der Plan des Bundes. Denn ein Drittel landet heute im Abfall (der Beobachter berichtete ).

Um das ambitionierte Ziel zu erreichen, wurde ein Aktionsplan ins Leben gerufen. Vor kurzem wurde er öffentlich gemacht. Claudio Beretta, führender Kopf der Schweizer Bewegung gegen Foodwaste, sagt, was er davon hält.

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Beobachter: Claudio Beretta, ist der Aktionsplan des Bundes gut genug?
Claudio Beretta: Ziel und Inhalte des Plans finde ich fundiert. Er bezieht viele Akteure mit ein. Leider nicht alle. Konsumentinnen und Konsumenten sowie der Bauernverband sind wohl die grössten Akteure, die noch fehlen. Das ist besonders schade, da es unter ihnen viele Leute gibt, die unbedingt mitmachen wollen. Denen sollten wir den Rücken stärken.


Wer kommt im Plan zu schlank weg?
Das kann man so nicht beantworten, weil im Moment alle Massnahmen freiwillig sind. Entscheidend wird sein, welche Firmen in den nächsten Monaten Massnahmen ergreifen, um Foodwaste zu messen und Vermeidungsmassnahmen umzusetzen. Was aber jetzt schon klar ist: Solange die Konsumenten nicht miteinbezogen werden, fehlt dem Aktionsplan ein Standbein.


Dabei wären die Haushalte besonders wichtig. Der grösste Teil von Foodwaste fällt dort an.
Genau. Die Konsumenten sind Schlüsselakteure, denn die ganze Produktion und der ganze Handel richten sich darauf aus, deren Bedürfnisse zum Beispiel durch möglichst «schöne» Produkte zu befriedigen. Ausgerechnet diese Akteure nicht miteinzubeziehen, ist ein grosser Fehler. Es geht aber nicht um Schuldzuweisung, im Gegenteil. Sich auf dem heutigen Markt zu orientieren und seine Bedürfnisse mit nachhaltigen Produkten zu erfüllen, ist eine anspruchsvolle Lebensaufgabe. Wir alle lernen. Sensibilisierung soll uns die Augen öffnen, wie viel Arbeit und Ressourcen hinter Lebensmitteln stecken. Und sie soll uns einfache Möglichkeiten aufzeigen, um weniger wegzuwerfen.

«Die verschwendeten Lebensmittel kosten unsere Wirtschaft jährlich mehrere Milliarden Franken. Davon müssten wir nur einen Bruchteil investieren.»

Claudio Beretta, Foodwaste-Experte

Wo klemmts sonst noch?
Die Massnahmen im Aktionsplan sollen «mit bestehenden Mitteln» umgesetzt werden. Die Erfahrungen aus anderen Ländern und aus der Vergangenheit zeigen aber, dass das Halbierungsziel so nicht erreicht werden kann. Vor allem nicht auf der Stufe Haushalt. Grossbritannien hat sich eine Aufklärungskampagne Millionen kosten lassen. Und auch damit wurde nur eine Reduktion von Foodwaste um 20 Prozent erreicht. Bei uns sind die Mittel für die Umsetzung schlicht zu knapp.


Wie viel müsste investiert werden?
Die verschwendeten Lebensmittel kosten unsere Wirtschaft jährlich mehrere Milliarden Franken. Davon müssten wir nur einen Bruchteil investieren. Es gibt kaum eine andere Klimaschutzmassnahme mit einem so guten Kosten-Nutzen-Verhältnis.


Ist es realistisch, das Halbierungsziel bis 2030 zu erreichen?
Wenn wir alle uns ernsthaft dafür entscheiden, dann ja. Solange aber alle Massnahmen freiwillig sind und der Bund für Monitoring, Sensibilisierung und Anstossfinanzierungen kein substanzielles Budget zur Verfügung stellt, kommen wir nicht auf Zielkurs. Ich hoffe nun, dass der Bund den vom Parlament abgesegneten Auftrag des Postulats Chevalley erfüllt und bis 2025 ein seriöses Monitoringsystem aufbaut.

Zur Person

Claudio Beretta ist Präsident des Vereins Foodwaste.ch und forscht an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zum Thema.

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