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Prix Courage«Man sollte jeden Tag aussergewöhnliche Menschen auszeichnen»

Susanne Hochuli ist die neue Jurypräsidentin des Prix Courage. Mit Mut – und auch Tollkühnheit – kennt sich die grüne Politikerin aus.

«Ich brauche jeden Tag Mut, mein Leben neu zu erfinden» – Susanne Hochuli, Jurypräsidentin Prix Courage.
von aktualisiert am 10. Mai 2018

Beobachter: Wann waren Sie das letzte Mal mutig?
Susanne Hochuli: Seit ich das Amt als Regierungsrätin aufgegeben habe, brauche ich jeden Tag Mut, mein Leben neu zu erfinden. Vorher waren meine Tage durchstrukturiert und fremdbestimmt, jetzt kann und muss ich sowohl Alltägliches wie auch ganz neue Herausforderungen selber anpacken. Ich denke, ich habe viel Zivilcourage Zivilcourage Warum Dazwischengehen so schwer fällt und spreche es beispielsweise an, wenn mich etwas an jemandem stört.

Beobachter: Braucht es Mut, die Jury des Prix Courage zu präsidieren?
Hochuli: Nein, ich bin es gewohnt, Sitzungen zu leiten und in der Öffentlichkeit aufzutreten. Es ist aber eine sehr spannende Aufgabe und eine Chance, unterschiedlichste Menschen kennenzulernen.

Beobachter: Welches Signal wollen Sie als neue Jurypräsidentin aussenden?
Hochuli: Zivilcourage ist ganz wichtig für das Zusammenleben in der Gesellschaft Prix Courage 2017 «Mit Egoismus allein kommt man nicht weit» – das geht leider oft etwas unter. Man sollte jeden Tag Menschen auszeichnen, die etwas Aussergewöhnliches gemacht haben. Alle sollten zum Beispiel im Zug Mitreisende ansprechen, die sich unflätig benehmen, statt sich nur innerlich aufzuregen. Nur so kann sich etwas ändern.

Beobachter: Was für Kandidaten erhoffen Sie sich?
Hochuli: Ich möchte nicht werten, welche Art von Mut wichtiger ist als andere. Manchmal ist man in der Lage, spontan helfen zu können – eine grossartige Sache. Anderen bietet sich die Gelegenheit, etwas Wichtiges zu verändern – aber das hängt immer auch von äusseren Umständen ab. So kann nicht jeder seinen Job hinschmeissen, um Flüchtlingen zu helfen, wie es der Preisträger 2016 gemacht hat. Von dieser Art von Mut kann man dafür auch selber profitieren, in Form von wertvollen Erfahrungen.

Beobachter: Sie haben als 23-Jährige den elterlichen Bauernhof übernommen. War das eher mutig oder leichtsinnig?
Hochuli: Es war tollkühn! Ich hatte gezögert mit dieser Entscheidung, weil ich damals als Journalistin eine riesige Karrierechance hatte. Mein Chef sagte: «Manchmal muss man Ja sagen, weil man sich sonst das ganze restliche Leben fragt, wie es herausgekommen wäre.» Es wurde eine ganz harte Zeit, ich war körperlich überfordert und hatte, obwohl auf einem Bauernhof aufgewachsen, keine Ahnung vom Bauern. Aber ich habe meinen Lehrblätz gemacht.

Beobachter: Als Regierungsrätin, zuständig für das Militär, sprachen Sie sich an einem Schützenfest in einer Rede für die Waffengewalt-Initiative aus.
Hochuli: Danach gabs massive Anfeindungen, einige wollten mir sogar das Militär wegnehmen. Ich schiesse selber gerne – aber ich finde, dass Waffen nicht in Privathaushalte gehören. Selbstkritisch muss ich aber einräumen, dass meine Rede viel zu komplex und zu lange war für ein lautes Festzelt – ein klassischer Anfängerfehler.

Beobachter: Sie waren acht Jahre verantwortlich für die Aargauer Spitalpolitik. Nach Ihrem Rücktritt sagten Sie, es gebe zu viele Spitäler im Kanton. Fehlte Ihnen vorher der Mut, das anzupacken?
Hochuli: Ich habe es versucht, aber es ist nicht so einfach im bestehenden System. Ich wollte etwa die Kantonsspitäler Aarau und Baden zusammenlegen, die nur 25 Kilometer voneinander entfernt sind. Die vorberatende Kommission unterstützte dies mit 12 zu 0 Stimmen, das Kantonsparlament aber versenkte den Plan, weil zu viele Regionalpolitiker und Lobbyisten dagegen waren. Ich wollte auch über die Spitalliste Einfluss nehmen. Das ist gescheitert, weil Kantonsspitäler gegen ihren Eigentümer – den Kanton – Beschwerde führen können, wenn man ihnen etwas wegnehmen will. Besser wäre es, wenn statt 26 Kantone nur fünf oder sechs Regionen für die Spitalplanung zuständig wären.

Beobachter: Nach einer Eritrea-Reise sagten Sie, das sei «nicht das Nordkorea Afrikas» – und beherbergen eine eritreische Flüchtlingsfamilie Tessin Das Dilemma an der Grenze in Ihrem Haus.
Hochuli: Mir ist klar, dass ich mir auf der zweiwöchigen Reise durch Eritrea kein vollständiges Bild machen konnte. Ich behaupte auch nicht, dass dort nichts Schlimmes passiert. Doch Äthiopien ist wohl eine ebenso schlimme Diktatur wie Eritrea, und die wirtschaftliche Lage und die Gesundheitsversorgung sind desolat. Auf meinem Bauernhof hat es Platz, und ich habe die Familie nicht ausgesucht, weil sie Eritreer sind. Es ist nicht an mir zu entscheiden, ob diese Leute hier bleiben dürfen. Aber sie sind nun mal zumindest vorläufig hier und brauchen einen Platz. Auch wenn man die Eritrea-Politik der Schweiz nicht gutheisst – die Betroffenen können nichts dafür.

Beobachter: Als Kind wehrten Sie sich mit Beissen und Schlagen gegen Arztbesuche. Jetzt sind Sie Präsidentin der Stiftung Patientenschutz (SPO). Brauchen die Ärzte jetzt eine schusssichere Weste?
Hochuli: Natürlich nicht. Jeder Arztbesuch war für mich ein Angriff auf meine Integrität, weil ich mich ausgeliefert fühlte. Als SPO-Präsidentin ist es mein Ziel, die Patienten so zu befähigen, dass man sie nicht beschützen muss. Wir alle, ob gesund oder krank, sind zunächst einmal Prämien- und Steuerzahlende. Und als Auftraggeber sollten wir mehr Einfluss nehmen aufs Gesundheitswesen. Mit unserem Geld finanzieren wir zum Beispiel jedes Jahr 16'000 unnötige Knieoperationen. Wer Patient wird, soll selbstbestimmt und kompetent entscheiden können, welche Behandlungen er braucht und will – dafür will ich mich als SPO-Präsidentin vorrangig einsetzen. Daneben wird die SPO natürlich weiterhin bei Beschwerden von Patientinnen und Patienten den medizinischen Sachverhalt klären.

Zur Person

Susanne Hochuli, 52-jährig, ist ehemalige Kindergärtnerin, Journalistin und Bio-Bäuerin. Von 2009 bis 2016 war die Grüne Aargauer Regierungsrätin, Vorsteherin des Departements für Gesundheit und Soziales. Derzeit gründet sie ein ökosoziales Projekt, das asylsuchenden Frauen eine Arbeitsstelle schaffen soll im Anbau und Vertrieb von Gemüse, Beeren und Kräutern. Zudem übernimmt sie in diesem Jahr das Präsidium der Stiftung Patientenschutz SPO (von Margrit Kessler), der Umweltorganisation Greenpeace (von Cécile Bühlmann), und den Vorsitz der Prix-Courage-Jury des Beobachters (von Pascale Bruderer). Sie ist Mutter einer erwachsenen Tochter und wohnt auf dem elterlichen Bauernhof in Reitnau AG, zusammen mit ihrer Mutter und zwei Asyl-Familien aus Eritrea und Angola.

Wer hat den Prix Courage verdient?

Der Beobachter und Jurypräsidentin Susanne Hochuli suchen erneut Menschen, die sich selbstlos für ein höheres Ziel eingesetzt haben, anderen direkt halfen oder dazu beitrugen, wichtige gesellschaftliche Werte wie Fairness in der Arbeitswelt hochzuhalten. Kurz: Menschen, die mit ihrem Engagement die Welt ein bisschen besser machen.

Melden Sie uns Ihren Kandidaten oder Ihre Kandidatin: Wer hat im letzten Jahr Zivilcourage gezeigt? 

Vorschläge schicken Sie bitte per E-Mail an kandidaten@beobachter.ch oder per Brief an Redaktion Beobachter, Kandidaten Prix Courage, Postfach, 8021 Zürich.

Einsendeschluss ist der 8. Juni 2018.

Der Beobachter wird die besten Kandidaturen im Herbst der Leserschaft vorstellen. Die Jury unter der Leitung von Susanne Hochuli und Sie, liebe Leserinnen und Leser, entscheiden dann, wer am 2. November 2018 mit dem Prix Courage des Beobachters ausgezeichnet wird.

Weitere Infos finden Sie auf www.beobachter.ch/prix-courage.