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KraftEnergieräuber erkennen und loswerden

Wie wehrt man sich gegen Menschen, die einem jegliche Energie zu rauben scheinen?

Von aktualisiert am 13. Oktober 2016

Frage von Ignaz T.: «Ich bin seit mehr als 30 Jahren verheiratet. Nun habe ich ein Buch über Energieräuber in der Beziehung gelesen – und mich endlich verstanden gefühlt.»

Antwort von Koni Rohner, Psychotherapeut FSP:

Ob es so etwas wie eine psychische Energie gibt, die jemand rauben kann, ist wissenschaftlich umstritten. Messen kann man sie mit Sicherheit nicht. Aber wir kennen tatsächlich alle das Phänomen, dass uns gewisse zwischenmenschliche Beziehungen bereichern und uns Kraft geben, also gewissermassen Energie spenden. Anderseits haben wir manchmal mit Menschen zu tun, mit denen eine Begegnung anstrengend ist, was uns eher Kraft zu rauben scheint. Wenn wir mit ihnen eine längere Beziehung ein­gehen, fühlen wir uns je länger, je mehr ausgelaugt, enttäuscht und emotional erschöpft.

Die schwedische Psychotherapeutin Ingalill Roos hat das Phänomen analysiert, indem sie zwei Beziehungstypen unterscheidet: den Energieräuber oder Nehmertyp (der natürlich auch weiblich sein kann) und den Energiespender oder Gebertyp.

Als Kind sind sie zu kurz gekommen

Ein klassisches Beispiel für ein solch ungesundes Verhältnis ist die einseitige Liebe. Der eine Partner verschenkt sein Herz und will den andern glücklich machen, der andere nimmt und ist doch nie zufrieden und kann auch keine Wärme zurückgeben.

Der Nehmertyp ist aber nicht einfach ein berechnender Mensch, sondern handelt unbewusst. Psychotherapeutin Roos dia­gnostiziert, dass es sich oft um Leute handelt, die als Kind zu kurz gekommen sind und deshalb einen unstillbaren Hunger nach Liebe und Zuwendung haben – und oft auch nach materiellen Gütern. Sie sind von ihrer eigenen Bedürftigkeit so gefangen, dass sie sich kaum in andere einfühlen und deren Perspektive verstehen können.

 

«Abgrenzung ist das Wichtigste. Es braucht das Nein in der Liebe.»

 

Koni Rohner, Psychotherapeut FSP

Gebertypen sind das Gegenteil. Sie haben ein grosses Einfühlungsvermögen, spüren, wie es anderen geht, und möchten nahestehende Menschen glücklich machen oder ihnen Leid ersparen. Sie sind freundlich und grosszügig und sagen lieber Ja als Nein. Damit werden sie zum idealen Opfer von Nehmertypen. Sie sind manipulierbar, weil sie schlecht Nein sagen können. Um der Harmonie willen versuchen sie sich an die Wünsche, Forderungen und Vorstellungen des Partners anzupassen – und erwarten, dass ihnen der andere in derselben Weise entgegenkommt.

Es ist aber immer falsch, von sich auf andere zu schliessen. Im Umgang mit Nehmertypen ist Abgrenzung das Wichtigste. Es braucht das Nein in der Liebe. Der Gebertyp muss sich bewusst werden, dass er die Defi­zite des Partners nie wird kompensieren können. Er muss also zu sich selbst Sorge tragen und darf nur so viel in die Beziehung investieren, wie auch zurückkommt. Er darf nicht so selbstlos sein, dass er sein Selbst verliert.

Es wäre aber falsch, den Energieräuber als schlechten Menschen und den -geber als guten Menschen zu etikettieren. Der Energie­räuber ist aus seiner Geschichte heraus zu sehr auf sich selbst bezogen und eigentlich noch nicht reif für eine partnerschaftliche Beziehung. Idealerweise müsste er seine Defizite in einer Psychotherapie aufarbeiten.

Aber auch der Gebertyp hat seine Schwächen. Weil er geliebt werden möchte, neigt er zu Überanpassung und nimmt seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu wenig ernst. Er muss lernen, auch zu einem geliebten Menschen manchmal klar Nein zu sagen. Und er muss wagen, andere auch einmal zu enttäuschen – selbst wenn das zu Konflikten führt.
 

 

  • Buchtipp: Ingalill Roos: «Energieräuber in Familie, Beziehung und Job erkennen und abwehren»; Verlag Kreuz, 2014. 

Tipps für «Energiespender»

  • Achten Sie darauf, ob Sie eine Beziehung auf die Dauer bereichert und belebt oder ermüdet und stresst.
  • Wenn Sie eine Beziehung ermüdet: Überprüfen Sie, ob Geben und Nehmen ausgeglichen sind.
  • Wenn Sie mehr geben, als Sie bekommen, haben Sie es mit einem Energieräuber zu tun.
  • Jetzt hilft nur klare Abgrenzung: Distanzieren Sie sich von den Forderungen, Wünschen und Problemen des Energieräubers. Er oder sie muss sich selber helfen.
  • Sagen Sie öfter Nein als Ja. Der Energieräuber erträgt das besser, als Sie denken.
  • Achten Sie auf Ihre Gefühle des Ausgelaugtseins, der Ermüdung, und teilen Sie diese Ihrem Partner deutlich, aber sachlich und ohne Vorwurf mit.

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5 Kommentare

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Sofie
Was wenn der Energieräuber in der eigenen Familie ist? Das kann der Bruder oder die Schwester sein, die in der Kindheit und Jugend zu kurz gekommen ist, wie das bei meiner Schwester (obwohl verheiratet und Kinder hat) der Fall ist. Ich als zwei Jahre ältere Schwester bekam eine sehr schwere chronische Krankheit und aus lauter Sorge und Angst um mich, haben die Eltern meine Schwester total vernachlässigt und vergessen. Dass lässt sie mich spüren und beschuldigt mich indirekt dafür bis heute. Wegen mir (+ der Krankheit) hat sie nichts bekommen! Ich habe ihr, ohne es zu wollen alles (Liebe, Zuwendung, Aufmerksamkeit, Zeit) geraubt und ich bin für sie ein rotes Tuch! Sie fühlt sich als Opfer meines Schicksals, klagt das Schicksal an und ich ging mehrmals weinend nach Hause.

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Greg B
Prinzipiell eine gute Analyse, nur eine Sache ist für mich als (noch) "Opfer"-Prototyp des Nehmers verdreht: Meiner Erfahrung nach ist das Problem beim Nehmertyp, dass er praktisch nie zu kurz gekommen ist und deshalb nie gelernt hat, mit Mangel um zu gehen und darauf zu vertrauen, dass sich ein Verzicht lohnen kann. Umgekehrt ist der Gebertyp derjenige, der zu kurz gekommen ist und deshalb nicht gelernt hat, seine Bedürfnisse ein zu fordern und mit dem Geben die Hoffnung aufrecht erhält, mal was zu kriegen. Das geht natürlich viel tiefer, aber im Grundsatz ist diese verkehrte Wahrnehmung (von Profis, wie auch für sich selbst) die Blockade, um daraus heraus zu kommen.

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Maria N
Danke für diesen klaren Bericht! Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass man manchmal schmerzhaft lernen muss des wahren Ausgleich zu finden. Doch eben so wichtig finde ich die Tatsache, dass nicht Einer lieb und der Andere böse ist, doch dass es wichtig ist eine gesunde Beziehungen aufzubauen und das nimmt Zeit

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Angela B.
Grenzen ziehen. Immer wieder. Und notfalls, wenn die Person sie nicht respektiert, sich gänzlich verabschieden. Meine Erfahrung.

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