Bei Tageslicht zum Dorfladen fahren, wenn die Augen nachts keine Fahrten mehr erlauben. Oder einen Ausflug über Land machen, wenn die Reak­tionsfähigkeit für Autobahnfahrten nicht mehr ausreicht. Das möchte das Bundesamt für Strassen (Astra) älteren Auto­fahrerinnen und -fahrern ermöglichen. «Die motorisierte Mobilität der Senioren soll möglichst lange erhalten bleiben», sagt ­Astra-Sprecher Thomas Rohrbach.

Führerschein mit Beschränkung heisst das Mittel zum Zweck. Erfüllen Senioren die medizinischen Anforderungen nicht, kann eine Zulassungsstelle das Fahren auf Autobahnen oder nachts verbieten oder auf ein bestimmtes Rayon oder auf eine Strecke beschränken.

Die Pläne des Astra haben die Strassenopfervereinigung Roadcross aufgeschreckt. «Wenn der Bund seine Pläne umsetzt, sinkt die Sicherheit auf Schweizer Strassen», sagt Roadcross-Sprecher Stefan Krähenbühl.

Auch Verkehrsmediziner Rolf Seeger hat Vorbehalte. «Wenn jemand an einer Hirnleistungsstörung leidet, ist seine Fahrfähigkeit schwer beeinträchtigt. In diesen Fällen ist ein Ausweisentzug zwingend.» Es bestehe die Gefahr, dass die neue Regelung Begehrlichkeiten wecke, gerade auch bei Senioren mit eindeutig fehlender Fahreignung. «Demente Personen sind oft nicht mehr fähig, ihr Fehlverhalten einzusehen.»

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Trügerische Unfallstatistik: Senioren sind verletzlicher

Ab 65 steigt für Autofahrer die Gefahr, im Verkehr schwer verletzt oder getötet zu werden. Gründe: Senioren sind verletzlicher und vor allem innerorts und auf Landstras­sen unterwegs, wo es häufiger zu Unfällen kommt. 

Lesebeispiel: 80-Jährige haben ein 7,5-mal höheres Risiko, getötet zu werden, als 50- bis 54-Jährige. (Quelle: Astra, BFU; Infografik: BEO/as)

Quelle: Thinkstock Kollektion

Senioren sind meist innerorts unterwegs

Heute müssen Senioren ab 70 alle zwei Jahre ihre Fahrtauglichkeit testen lassen – in der Regel vom Hausarzt. Der Nutzen der Tests ist umstritten: Es sei nicht gelungen, einen konkreten Sicherheitsgewinn durch solche flächendeckende Untersuchungen aufzuzeigen, schreibt die Europäische ­Föderation der Psychologenverbände. Das gelte gleichermassen für die älteren Fahrer wie die übrigen Verkehrsteilnehmer.

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Neuere Erhebungen zeigen zudem, dass das Unfallrisiko mit steigendem Alter nicht grösser wird. Auf den ersten Blick stützt die Schweizer Unfallstatistik diesen Befund jedoch nicht. Ab 65 steigt die Rate der im Verkehr Getöteten und Schwerverletzten; ältere Fahrer scheinen tatsächlich ein Sicherheitsrisiko zu sein (siehe «Trü­gerische Unfallstatistik»). Was die Zahlen nicht zeigen: Ältere Menschen haben bei gleicher Unfallwirkung ein höheres Risiko, schwer verletzt oder gar getötet zu werden. Entsprechend häufiger sind sie in der Statistik vertreten. Auch die Fahrgewohnheiten der Senioren sorgen dafür, dass die ­Unfallraten zu ihren Ungunsten ausfallen. Ältere sind selten auf Autobahnen, sondern meist innerorts und auf Landstrassen unterwegs. Dort ist die Unfallwahrscheinlichkeit aber für alle Verkehrsteilnehmer höher. Mit anderen Worten: Würden Fahrer anderer Altersgruppen das gleiche Fahrverhalten an den Tag legen, resultierte auch bei ihnen eine höhere Unfallrate. Berücksichtigt man alle Faktoren, zeigt sich, dass Senioren praktisch genauso unfallfrei fahren wie der Grossteil der übrigen Verkehrsteilnehmer. Überdurchschnittlich oft verunfallen nur junge Erwachsene bis 24.

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Trotzdem wird das Thema «autofahrende Senioren» meist unter dem Aspekt der Verkehrssicherheit betrachtet. Für Uwe Ewert von der Beratungsstelle für Unfallverhütung ist das zu einseitig: «Dabei geht vergessen, dass Zu-Fuss-Gehen für Senioren die ­gefährlichste Fortbewegungsart ist, Autofahren jedoch eine der sichersten.» Ältere Leute, die nicht mehr Auto fahren dürfen, blieben Verkehrsteilnehmer – bloss mit unsichereren Fortbewegungsarten. Da­her sei der Führerausweis mit Beschränkung eine gute Sache. Ob der Bundesrat die entsprechenden Pläne des Astra absegnen wird, ist noch nicht entschieden.

Autofahren im Alter ist ein grosses Bedürfnis

Die Berner Fachhochschule befragte Im Auftrag des Fonds für Verkehrssicherheit Fahrerinnen und Fahrer ab ­55 Jahren. Dabei hat sich gezeigt, dass ­motorisierte Mobilität ­einem grossen Bedürfnis entspricht: 6 Prozent der ­Befragten gaben an, bis 95 fahren ­zu wollen, die Hälfte möchte das bis 85, und ein Drittel immerhin bis zum Alter von 75 Jahren. 90 Prozent der Befragten fahren gerne bis sehr gerne. ­Frauen wünschen sich eher Fahrstunden, um ihre Fahr­fähigkeit beibehalten zu können, Männer, um Grenzbereiche des Fahrens zu trainieren.

Infos für Senioren, die sich für fahre­rische Weiterbildung interessieren:
www.acs.ch
www.fahrberater-sfv.ch
www.fahrlehrerverband.ch
www.pro-senectute.ch
www.tcs.ch/de/kurse

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