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KommentarWarum es Tempo 30 braucht

Es gibt nur einen Grund, der gegen Tempo 30 spricht. Und der ist ziemlich faul – schreibt der stellvertretende Chefredaktor Martin Vetterli in seinem Kommentar im aktuellen Beobachter.

Es gibt zwei Möglichkeiten zur Lärmbekämpfung: Geschwindigkeit herabsetzen oder Verkehrsmenge reduzieren.
von aktualisiert am 28. März 2018

Wer Ruhe sucht, muss dann halt mal aufs Land. Sagt SVP-Nationalrat Gregor Rutz. Er macht so Stimmung gegen Tempo 30 auf Hauptstrassen. Es ist nicht der Inhalt seines Vorstosses, der irritiert. Es ist die lapidare Gehässigkeit seines Satzes. Aber so verlaufen Verkehrsdiskussionen nun mal. Man poltert, polarisiert und punktet damit. Hauptsache, man heult wie ein Ferrari, walzt wie ein Brummi jedes Gegenargument nieder und stellt am Schluss die Gretchenfrage: Auto – ja oder nein?

Dass das noch immer funktioniert, ist schon eigenartig. Denn ehrlich: Wer von uns ist nur Velofahrer, wer bloss mit Bahn und Bus unterwegs, wer geht stets zu Fuss, wer fährt ausschliesslich Auto? 

Klar, Autos gehören zur Stadt. Aber die Stadt gehört nicht den Autos. Städte sind mehr als Strassenschluchten, sie sind Lebensraum. Wir wohnen hier, lernen hier, arbeiten hier, vergnügen uns hier, schlafen hier. Man ahnt: Bei der Frage um Tempo 30 geht es nicht um Geschwindigkeit, es geht um das Miteinander. Um Rücksichtnahme. Um Respekt.

Lärm und miese Luft

Autos haben ungezählte Vorteile, sonst gäbe es nicht so viele. Doch sie hinterlassen Lärm und miese Luft. Das weiss auch Gregor Rutz. Deshalb teilt er so leidenschaftlich aus. Für Tempo 30 spreche nur etwas: Sicherheit. Einwände dagegen gebe es viele. Der Verkehrsfluss werde «verunmöglicht», der Verkehr ergiesse sich in die ruhigen Wohnquartiere. Rutz stört sich vor allem an jenen Kräften, die «aus rein politischen Gründen» Tempo 30 generell einführen wollten und dabei – «mangels anderer gesetzlicher Grundlagen» – die Lärmschutzverordnung als Kampfinstrument verwendeten.

Diese Verordnung hat es tatsächlich in sich. Besonders ihr Artikel 17. Er besagt: Bis zum 31. März müssen Kantone und Gemeinden die Bevölkerung vor Strassenlärm schützen – oder wenigstens Sanierungsprojekte in der Schublade haben. Wenn nicht, können betroffene Hausbesitzer klagen.

Millionenkosten

Man ahnt, das geht ganz schön ins Geld. Aber die Kosten, die der Strassenlärm verursacht, sind auch nicht ohne. Wertverluste an Immobilien: 800 Millionen Franken pro Jahr; Gesundheitskosten: 600 Millionen pro Jahr. So hat es das Bundesamt für Umwelt ausgerechnet. Jeder Fünfte ist an seinem Wohnort tagsüber von Strassenlärm betroffen – 1,6 Millionen Menschen; jeder Sechste nachts – 1,4 Millionen. Allein in Zürich leben über 130'000 Leute an Orten mit zu hohem Strassenlärm. Bei 11'000 Menschen übersteigt der Lärm den Alarmwert.

Portrait Martin Vetterli

«Klar, Autos gehören zur Stadt. Aber die Stadt gehört nicht den Autos.»

Martin Vetterli ist stellvertretender Chefredaktor beim Beobachter.

Nun ist die öffentliche Hand ja angehalten, mit ihren Mitteln haushälterisch umzugehen. Aber: Flüsterbeläge kosten ein Mehrfaches normaler Strassenbeläge und müssen nach kurzer Zeit ersetzt werden. Lärmschutzfenster gibt es auch nicht gratis. Und Lärmschutzwände sind teuer, brauchen Platz und passen nie ins Ortsbild.

Und Tempo 30? Kostet ein paar Verkehrstafeln und ein paar bauliche Anpassungen. Alles spricht dafür. Wenn da nicht der Umstand wäre, dass es die Autofahrer zu Langsamkeit zwingt. Nun aber besagen alle verfügbaren Untersuchungen: Die Reisezeiten werden höchstens unwesentlich länger, oft sogar kürzer. Es gibt im Schnitt drei Dezibel weniger Lärm – das hört sich an wie halb so viele Autos. Und es ergiesst sich kein Mehrverkehr in die Quartiere.

Die Lärmschutzverordnung verlangt, dass man den Lärm an der Quelle bekämpfen muss. Den Gemeinden bleiben deshalb nur zwei Wege offen: die Geschwindigkeit herabsetzen oder die Verkehrsmenge reduzieren. Ob Rutz mit seinem Kampf gegen Tempo 30 am Ende weniger Auto will? 

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4 Kommentare

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rentschi
als berufschauffeur und somit täglich auf unseren strassen unterwegs muss ich zu diesem Artikel Stellung nehmen. ich bin nicht dagegen dass man in quartierstrassen tempo 30 einführt,für mich soweit ok,wobei ich erwähnen muss dass diese massnahme null lärmemission verringert, da ich einen gang zurückschalten muss und somit eher lauter unterwegs bin als sonst. Unfall Risiko ist klar reduziert, logisch bei geringerem tempo. aber wenn man dieses temporegime auf Hauptstrassen ausweiten will ,muss ich stark oponieren. da geht es dann weder um lärm Emissionen,fahre dann statt zb.im 2. im 3.gang,leiser und gefährde niemanden weil ich nicht im wohnquartier fahre sondern auf einem hauptstrassennetz,das normalerweise gut ausgebaut ist und mit fussgängerstreifen versehen ist. da geht es dann wirklich nur noch um die rot grüne Ideologie, autos sind des Teufels und mittels Salamitaktik kontinuierlich zu verbannen.sie wollen das rad der zeit zum Höhlenbewohner zurückdrehen, wo man einmal in der Woche ein Mammut gejagt hat und den rest der zeit den garten bewirtschaftet und das einzige vergnügen der beischlaf mit seiner liebsten gewesen ist. politisch bin ich in der mitte anzusiedeln und stimme sachbezogen mal mehr links oder rechts der mitte ab. aber diese extrem forderungen der linken muss ich da vehement ablehnen. da geht es nicht um Politik mit gesundem Menschenverstand, sondern um ihre Ideologie gegen alles was vergnügen macht oder 4 räder aufweist. ich habe fertig....mit freunlichem gruss r.gandossi ein sehr langjähriger kritischer beobachterleser und abonnent....
silas89
Da stimmt einiges nicht. 30 ist leiser als 50. Das mit dem Mammuts ist nur ein Verunglimpfen. Ich kann auch sagen, dass auch Leute wie Sie keinen Deut für das Leid anderer Menschen interessieren. Das wäre dasselbe Niveau, aber sogar wahr. Schlussendlich geht es hier mit der Reduktion der Geschwindigkeit darum, dass sich der Staat vor Klagen schützt. Wenn Sie etwas gegen die Temporeduktion haben, sind sie schlussendlich dagegen, dass man sich gegen Lärm in der eigenen Wohnung wehren kann.
ramses42
Es gibt im Strassenverkehrsgesetz eine allgemeine Regel, dass die Geschwindigkeit den Verhältnissen anzupassen ist. Bei starkem Verkehr reduziert sich das Geschwindigkeitsniveau automatisch. Erwachsenen Menschen auf Innerorts-Hauptstrassen unabhängig vom Verkehrsaufkommen ein Schleichtempo von 30 km/h zu diktieren, bedeutet eine Entmündigung erwachsener Menschen!
r.clemi
Ich bin mit Ihnen einverstanden mit Tempo 30. Was ist aber mit den Boliden die dann im 1. Gang Vollgas fahren mit offenem Auspuff!!!! Diese unnötigen Krachmaschinen müssten abgestellt werden sonst nützt alles nichts. Dort schläft die Gesetzgebung und die Autolobby ist immer noch stärker als die Bedenken für die Gesundheit der Bevölkerung. Was mit Tempo 30 gemacht wird ist wieder einmal typisch schweizerische Pflästerlipolitikn die uns Bürger nichts nützt wie vieles das in der Politik heute durchgedrückt wird.