Erst merke ich minutenlang nichts. Alles ist wie immer, ich liege im Zelt, eingehüllt in Gänsedaunen und Geborgenheit, die man nur in einem Schlafsack fühlen kann. Das nächste Dorf liegt im Tal, 1000 Meter weiter unten. Über den Schneebergen herrscht eine dumpfe Stille. Die Nacht ist blau und kalt wie im Survival-Western «The Revenant».

Zivilisationsmenschen fürchten sich oft vor Kälte. Ich bin da eine Ausnahme: Als ich im kanadischen Winter zum ersten Mal draussen biwakiert habe, lag ich die halbe Nacht lang wach, weil es viel zu schön zum Schlafen war.

Das ist jetzt sechs Jahre her. Sechs Jahre, in denen all das zu meiner Meditation geworden ist: Wandern, Kajaken, Klettern, Zelten, Feuern, Fischen. Es sind fast philosophische Momente, die man da draussen erlebt. So war auch dieser Ausflug gedacht: im Schnee zelten und aufschreiben, was das mit einem macht. Aber nach einer Stunde im Zelt kann ich der unbequemen Erkenntnis nicht mehr ausweichen, die mich jetzt auf den kalten Boden der Tatsachen ­zurückholt.

Bloss nichts vergessen

Am Vorabend lege ich alle Errungenschaften der Outdoorindustrie im Wohnzimmer aus, die ich für meinen Ausflug brauche. Das mache ich immer so, um draussen nichts dermassen zu vermissen, dass es weh tut. Wie die Frühstücksflocken, die ich und der Mann meines Lebens mal vergessen ­haben, als wir uns für zwei Wochen im Nirgendwo Alaskas aussetzen liessen. Normalerweise gehen wir immer gemeinsam raus.

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Deshalb bringt er auch heute eine ­gewisse Fürsorge zum Ausdruck, obwohl es ja «nur» in die Urner Berge gehen soll: «Hast du die Stirnlampe?», fragt er. «Ja», sage ich. «Und die Thermounterwäsche?» Ja. «Du musst unbedingt eine Liste machen und aufschreiben, was fehlt!» Jahaa. Von allen Sätzen, die von «unbedingt müssen» handeln, fällt dieser am häufigsten: «Du musst unbedingt eine alubeschichtete Unterlage kaufen.»

Für alle, die von dieser Erfindung noch nie etwas gehört haben: Eine alubeschichtete Zeltunterlage schützt vor Nässe und Kälte. Aber ob ich die brauche? Nebst einem Schlafsack, der laut Etikett bei minus zehn Grad warm hält, und einer Daunenmatte? Die Wetterprognose ist gut, kälter als minus drei Grad sollte es nicht werden. Zusammengerollt auf 3,3 Kilo, liegt zudem ein brandneues Zelt bereit, das wir uns von einem ­Outdoorausrüster ausgeliehen haben. Es könne überall aufgestellt werden und halte sogar gros­sen Schneelasten stand, hat mir der Experte versichert. Am nächsten Morgen rufe ich ihn vorsichtshalber noch einmal an. Er sagt mir, eine alubeschichtete Unterlage sei bei diesem Ganzjahreszelt nicht nötig. Na also.

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Schwierige Suche nach dem Lagerplatz

Gegen Mittag fahre ich mit dem Fotografen in Richtung Innerschweiz. Er sieht aus, als würde er an einem norwegischen Fjord wohnen. Seine wikingerhafte Statur lässt auf Kompetenzen als Zeltträger, Schneeschaufler und Holzsammler schliessen. In unserer Redseligkeit fahren wir erst mal an Altdorf vorbei, wo die Gondel zu den Eggbergen hinauffährt, der Urner Sonnenterrasse. Dort kommen wir leicht verspätet an, aber die Stimmung ist gut. Die Sonne streichelt in einem so sanften Blau vom Nachmittags­himmel herab, dass im Schneeglitzern auch der Wind vergessen geht, der von den Hängen hinunterfliesst.

Weiter oben lässt er sich jedoch nicht mehr so leicht wegdenken. Wir ziehen die Schneeschuhe an, schultern die Rucksäcke und gehen ein bisschen. Noch in Sichtweite der Bergstation hätte es einen – meiner Meinung nach – ­idealen Platz am Waldrand. Ich lege all meine Argumente aus, die dafür sprechen, gleich hier das Lager aufzubauen: Wir wären vor Wind geschützt und fänden gutes Holz. Wir hätten Sonne, bis die letzten Strahlen hinter der Bergkette ­verschwinden. Am Hang könnte das Schmelzwasser des Feuers abfliessen. Es ist jetzt schon bald drei, die Sonne wird wohl so gegen sechs untergehen. Dann wird es kalt. Ein gutes Lager einzurichten ist aber aufwendiger, als man denkt: Zelt aufbauen, Feuerstelle ausschaufeln, Holz sammeln, feuern, kochen.

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Im Vergleich zu dem, was nachher kam, war der Aufstieg ein Spaziergang. Bild: Frank Lüling

Quelle: Frank Lüling


Frank möchte trotzdem weiterwandern, in der Hoffnung auf bessere Fotosujets und einen idyllischeren Lagerplatz. Ich gebe zu bedenken, dass wir uns aufs Campen konzentrieren sollten. So geht das hin und her. Irgendwann stapfen wir wortlos den Berg hinauf, während ich darüber nachdenke, wie wichtig Harmonie gerade draussen ist. Weil die Bedingungen härter sind und man schneller an Grenzen kommt. In der Serie «Naked Survival» müssen zwei Fremde drei Wochen miteinander in der Wildnis klarkommen. In der Regel droht schon nach wenigen Tagen ein zwischenmenschliches Desaster.

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Die Waldlichtung, die wir irgendwann als Standort wählen, ist perfekt, windgeschützt, malerisch. Routiniert ­suchen wir eine flache Stelle, stampfen den Schnee und legen das Innenzelt aus. Wäre alles wie immer, könnten wir fünf Minuten später anfangen, die Feuer­stelle auszuschaufeln oder Holz zu suchen. Heute aber ist nichts wie immer.

Rätselraten beim Zeltaufbau

Das Zelt ist zwar fast wie mein eigenes. Aber eben nur fast. Es hebt sich durch ­einen klitzekleinen, aber fundamentalen Konstruktionsunterschied ab, der uns wie die Idioten rätseln lässt: Wo in aller Welt zieht man beim Innenzelt die ­Stangen durch? Und warum ist keine Anleitung dabei? Verdammt!

Weil Frank ebenfalls nicht durchblickt, versuche ich, den Outdoorausrüster anzurufen. Nur hat die Kälte schon unsere Akkus leer gefressen. Und das ­Solarladegerät habe ich nicht dabei – was ich jetzt ebenso bereue wie all die anderen Dinge, die ich «unbedingt» hätte machen müssen und nicht gemacht habe. Beispiel: das Zelt vorher probehalber aufstellen. Dann hätte mir das Internet gezeigt, dass man bei diesem Zelt die Zeltstangen immer am Aussen- und nicht am Innenzelt befestigt. Später wird mir der Experte sagen, dass die beiden eigentlich permanent verhakt sein sollten und es sogar für ihn eine Herausforderung wäre, die Teile ohne Anleitung zusammenzusetzen. Es ist ein einziges Hightech-Stoff-gewordenes Chaos.

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Das Fondue hebt die Laune – zumindest kurzfristig. Bild: Frank Lüling

Quelle: Frank Lüling


Eine Stunde und viele Schimpftiraden später schaffen wir es trotzdem: Es steht. Und noch zwei Stunden später ­essen wir am Feuer Käsefondue, das ­besser schmeckt als in jeder Hütte. So ist das immer draussen: das kleine, grosse Glück. Am Feuer erzählen wir uns Dinge, die wir uns im «richtigen» Leben nie anvertrauen würden. Obwohl: Es ist ein lausiges Feuer, weil ich nach dem Zelt­debakel zu faul war, die Feuerstelle besser auszuschaufeln, und Frank zu faul, anständiges Holz zu suchen. Die fragilen Flammen bräuchten dickere Prügel, am besten eine Wurzel, die würde gut wärmen. Stattdessen verfeuern wir dünne Bretter eines zerfallenen Schobers.

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Kälte kann die Einsamkeit verstärken

Ich beschliesse, mich in den Schlafsack zu kuscheln. Sonst dauert es 20 Minuten, bis es im Schlafsack gemütlich wird. Jetzt vergehen 20, 30, eine Stunde. Da ist diese Kälte, die von unten kommt. Das kann nicht sein: Ich trage dieselben Kleider, liege im selben Schlafsack und auf derselben Daunenschlafmatte wie am Fusse des Denali, das ist immerhin der höchste Berg Nordamerikas. Nicht einmal dort habe ich gefroren. Ich ziehe die zweite Thermohose über und oben noch zwei Schichten an. Bringt nichts. Was fehlt, ist die Zeltunterlage und ein Mensch, der mir nahesteht. Eine zweite Person kann mehrere Grad ausmachen. Frank und ich kennen uns jedoch erst seit ein paar Stunden und harmonieren eher begrenzt. Ich friere und fühle mich einsam. So, wie man sich nur in der ­Kälte einsam fühlen kann.

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«Regel Nummer 5: Wenn es ums Feuer geht, ist Faulheit keine Option.» Bild: Frank Lüling

Quelle: Frank Lüling


Elf Uhr nachts: Kapitulation. Ich muss mir eingestehen: So geht das nicht. Denn je später es wird, desto tiefer fallen die Temperaturen. Am kältesten ist es in klaren Nächten kurz nach Sonnenaufgang, da die Luft am Boden ständig weiter abkühlt und erst im Sonnenlicht wieder wärmer wird. Das weiss auch Frank, der immer noch am Feuer sitzt und mit einem dünneren Schlafsack zurechtkommen muss. Erstaunlich, wie leicht so ein Unterfangen scheitern kann. Oder wie Reinhold Messner der «Vanity Fair» sagte: «Nature is the only ruler.» Auch so nah an der Zivilisation.

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Frank schlägt vor, beim Berggasthaus 20 Minuten weiter unten anzuklopfen. Die warmen Massenlager-Betten bekommen wir jedoch nie zu Gesicht. Die Beizerin hat Ruhetag und ­keine Lust auf Gutmenschentum, dafür ­einen Ratschlag parat: Um halb zwölf Uhr nachts ins Tal marschieren.

Wir sind wütend. Auf diese Frau, auf uns, auf alles. Es ist der Moment, in dem ich beschliesse, jeden weiteren unnötigen Energieverschleiss zu vermeiden und während der drei Stunden Abstieg nichts mehr zu sagen. Der Weg, der als sicher empfohlen wurde, ist gefroren, voller Schneeklumpen und Löcher. Während ich vorsichtig gehe, schwöre ich mir für alle weiteren Abenteuer: 

 

  1. Ein unbekanntes Zelt kommt erst in meinen Rucksack, wenn ich es probehalber aufgestellt habe.
  2. «Unbedingt»-Ratschläge werden unbedingt befolgt.
  3. Das Solarladegerät ist mit von der Partie.
  4. Die Zeitreserve muss gross genug sein.
  5. Wenn es ums Feuer geht, ist Faulheit keine Option.
  6. Nur noch mit Menschen rausgehen, die einem nahestehen oder Outdoorcracks sind.


Als ich das für mich geklärt habe, tritt er doch noch ein, dieser Zustand, den schon Rousseau beschrieben hat und für den man so manches auf sich nimmt: Der Kopf leert sich, es kehrt Friede ein. Jede Schicht der Landschaft ist im ­Körper präsent. Das Mondlicht zeichnet die Silhouetten der Berge und Tannen. Unter mir knirscht der Schnee, über mir sind Sterne in 3-D. Ich bin ihnen so nah, wie es kein Flugzeug sein kann.

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