Das Timing ist nicht ideal: Mitte März 2020 hat Valeria Felder, 34, ihren letzten Arbeitstag, drei Tage später ruft der Bundesrat die «ausserordentliche Lage» aus.

Erster Gedanke: ups. Auch Anna Durisch, 33, ist seit wenigen Wochen ohne Job. Gemeinsam wollten die beiden Zürcherinnen Events planen, wie sie es als Arbeitskolleginnen für das Landesmuseum getan hatten. Nun würde es keine Events mehr geben – eine ganze Weile nicht.

Zweiter Gedanke: jetzt erst recht. Vielleicht ist das Timing ja genau richtig. Für ein eigenes Projekt, für Neugier und Mut. In den nächsten Wochen entsteht Sooderso.design, ein Label für Bienenwachstücher mit Designprints.

Zwei Eventplanerinnen im Bienenwachstuch-Business? Grund dafür ist die viele Zeit zu Hause. In den ersten Coronawochen backt, joggt, puzzelt oder bastelt die Schweiz – genau wie Anna Durisch. Auf einem Streifzug durch Youtube stösst sie auf Bienenwachstücher. Alles, was man für die Herstellung braucht, sind Stoff, Wachs und Öl.

«Ich kannte die Tücher bereits, war aber nicht auf die Idee gekommen, sie selber zu machen», so Durisch. Sie ist sofort «angefressen», ihre Küche bald in Farbe getunkt: Schöne Stoffe schliessen Schüsseln, verpacken Reste, umhüllen Käse.

So funktionieren Bienenwachstücher

Nur rohes Fleisch, Fisch und warme Lebensmittel haben in Bienenwachstüchern nichts zu suchen. Alles andere bleibt lange frisch, da Harz und Wachs antibakteriell wirken. Vor allem aber sind Bienenwachstücher eine nachhaltige Alternative zu Klarsicht- und Alufolie. Man kann sie mit kaltem Wasser und milder Seife waschen und wieder brauchen. So fällt weniger Abfall an, und für die Produktion werden weniger Ressourcen verbraucht.

«Wenn man sein Essen in Bienenwachstücher packt, rettet man natürlich nicht die Welt», relativiert Anna Durisch. «Aber auch viele kleinere Schritte können etwas bewirken.»

Wer Bienenwachstücher für eine Idee der jüngsten Nachhaltigkeitsbewegung hält, liegt falsch. Schon die Ägypter und Römer sollen die antibakterielle Wirkung der Tücher gekannt haben. Und auch Jahrhunderte später wurden sie genutzt: Unsere Grossmütter packten darin Lebensmittel ein. Dann gerieten sie für eine Weile in Vergessenheit. Nun sind sie wieder zurück.

Verspielte Designs statt «Ökotouch»

Inzwischen kann man Bienenwachstücher in vielen Läden kaufen. «Leider sind die Farben und Muster oft etwas brav. Sie haben einen gewissen ‹Ökotouch›. Das ist schade, denn viele Menschen verbinden Nachhaltigkeit sowieso schon mit Verzicht», sagt Valeria Felder. Auch sie ist vom neuen Hobby ihrer Freundin begeistert. Zusammen machen sich die beiden auf die Suche nach speziellen Stoffen – und haben eine Idee: Wieso nicht einfach selber machen? Nachhaltigkeit und Design kombinieren, ein Projekt auf die Beine stellen, von der Planung bis hin zum Verkauf. «Das Risiko war überschaubar. Wir hatten viel Zeit und sahen es locker: Wenns klappt, dann klappts, sonst haben wir wenigstens Spass – und Weihnachtsgeschenke bis 2025.» 

Im Sommer sitzen die Geschäftspartnerinnen fast täglich zusammen. Entwerfen Konzepte, sammeln Ideen und holen drei Textildesignerinnen an Bord. «Die sind weniger bekannt als Modedesigner. Wir wollen ihnen eine Plattform geben. Das ist für Selbständige enorm wichtig.» Die drei Künstlerinnen stellen Designs für die Tücher zur Verfügung, die später nach ihnen benannt werden. In jedem bestellten «Päckli» liegt ein Flyer mit Infos zu ihren Arbeiten. 

Die Designs sind knallig, verspielt, modern. «Alle haben uns gefallen, sind aber gleichzeitig sehr unterschiedlich. In unserem Freundeskreis hat kaum jemand denselben Favoriten, das ist doch ein gutes Zeichen», sagt Valeria Felder. Annina Arter, die schon Prints für die Modelabels Chanel oder Louis Vuitton entwarf, kombiniert kräftige Farbkleckse, die ineinander verschwimmen. Julia Sagers grafische Linien treffen gelb-pink-blau auf verschiedenen Ebenen zusammen. Lara Bulla erinnert mit verspielten Palmen und Pfirsichen an den Sommer. 

Aber muss ein Bienenwachstuch schön aussehen? «Wieso nicht? Man braucht es täglich, zu Hause und unterwegs, oft mehrere Jahre», finden Anna Durisch und Valeria Felder. 

Valeria Felder und Anna Durisch

Valeria Felder und Anna Durisch. 

Quelle: Gerry Nitsch

Gedruckt werden die Designs auf nachhaltige, schadstofffreie Baumwolle. Das ist wichtig, damit sich keine Farbstoffe oder andere Chemikalien auf die verpackten Lebensmittel übertragen. Bei gekauften oder selbstgebastelten Tüchern rät der Konsumentenschutz zu möglichst wenigen Inhaltsstoffen. Gut geeignet sind Stoffe mit Oeko-Tex-100-Standard oder GOTS-Zertifikat. «Es war ein krasser Moment, als die erste Stoffrolle bei uns ankam. Da wurde das Projekt real! Wir waren so aufgeregt, dass wir den ganzen Stoff auf dem Boden ausrollten – völlig unsinnig», erinnert sich Durisch.

Vernetzte Kreative

Das Bewachsen übernimmt ein Berner Unternehmen, das mit sozialen Werkstätten zusammenarbeitet und lebensmittelzertifizierte Inhaltsstoffe verwendet. «Wir sahen uns nie als Produzentinnen. Beim Mischen und Pinseln in unseren Küchen hätten wir keine durchgehend hohe Qualität garantieren können.» Bald werden neben den Bienenwachstüchern auch Taschen für unterwegs produziert. 

Im Herbst entstehen dann eine Website und Social-Media-Profile, kurz darauf folgen Kooperationen mit Onlineshops, darunter «Support Your Local Artist». Die Plattform ist ebenfalls in der Coronazeit entstanden und vernetzt Schweizer Illustratoren, Grafikerinnen, Fotografinnen und Designer. «Für den Anfang bestellten wir 150 Tücher und Taschen. Bevor wir auf einem Lager voller Bienenwachs sitzenbleiben, wollten wir herausfinden, ob die Produkte überhaupt jemanden interessieren.» Das tun sie: Die erste Kollektion ist in Kürze ausverkauft. 

Ins Jahr 2021 starten die Unternehmerinnen mit einem neuen Ziel: nachhaltige Läden und neue Designerinnen angehen. Vielleicht etwas langsamer, inzwischen sind beide wieder angestellt. Anna Durisch kuratiert einen nachhaltigen Onlineshop, Valeria Felder ist in der betrieblichen Leitung von zwei Festivals. Vier Tage pro Woche, einer bleibt für Sooderso.design reserviert – und vielleicht bald für weitere Projekte. «Ein Traum von uns ist, Nachhaltigkeit auch in die Kulturbranche zu bringen. Ideen haben wir haufenweise.»

Bienenwachstuch selber machen

Schritt 1: Bienenwachstuch anzeichnen

Bienenwachstuch anzeichnen

Wählen Sie einen dünnen Stoff, am besten schadstofffreie Baumwolle oder Leinen in Bioqualität. Was möchten Sie mit dem Tuch einwickeln? Schüsseln oder andere Vorlagen können Ihnen beim Anzeichnen helfen.

Quelle: Anne Seeger

Schritt 2: Bienenwachstuch ausschneiden

Bienenwachstuch ausschneiden

Schneiden Sie die Formen aus. Wenn Sie dafür eine Zickzack-Schere verwenden, franst der Stoff weniger.

Quelle: Anne Seeger

Schritt 3: Bienenwachstuch bestreuen

Bienenwachstuch bestreuen

Decken Sie Ihre Arbeitsfläche mit alten Zeitungen ab und legen Sie den Stoff auf ein Backpapier. Mischen Sie Bienenwachs in einer Schüssel mit ein paar Tropfen Kokosöl und verteilen Sie die Masse auf dem Tuch. 

Quelle: Anne Seeger

Schritt 4: Bienenwachstuch bügeln

Bienenwachstuch bügeln

Bedecken Sie den Stoff mit einem zweiten Backpapier und bringen Sie das Wachs mit dem Bügeleisen zum Schmelzen. Es sollte gleichmässig verteilt sein. Überschüssiges Wachs können Sie fürs nächste Tuch verwenden.

Quelle: Anne Seeger

Schritt 5: Bienenwachstuch einwickeln

Bienenwachstuch einwickeln

Nach dem Abkühlen ist das Bienenwachstuch sofort einsatzbereit. Einfach mit den warmen Händen an Lebensmittel oder Schüsseln andrücken. Aber Vorsicht: Fisch, Fleisch und warmes Essen sollten Sie nicht verpacken.

Quelle: Anne Seeger

Bienenwachstuch selber machen - so gehts

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Bienenwachstücher waren lange die gängigste Art, Lebensmittel zu verpacken. Höchste Zeit für eine Wiederentdeckung.

Quelle: Beobachter Bewegtbild

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Jasmine Helbling, Redaktorin

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