Das Weibchen liegt in seiner Schneehöhle, irgendwo im arktischen Eis. Die Bärin hat seit zwei Monaten nichts gefressen. Doch Hunger verspürt sie keinen. Ihr Instinkt sagt ihr, dass sie warten muss.

Dann – Ende Dezember – ist es so weit. Das Weibchen bringt zwei Junge zur Welt, beide so gross wie ein Schuh, 500 Gramm schwer, unbehaart und blind. Ungeduldig stupsen sie mit ihrer Schnauze die Mutter an, auf der Suche nach einer Zitze. Sie trinken und krabbeln dann in die warmen Achselhöhlen der Mutter und fallen in einen tiefen Schlaf. Das Jahr des Eisbären hat begonnen.

Draussen vor der Höhle hat sich die eisige Polarnacht über die tiefverschneite Landschaft gelegt. Es herrschen Temperaturen von minus 45 Grad, der Tag lässt sich nur an einem feinen Schimmer am Horizont erahnen. Für die Eisbären sind die Verhältnisse jetzt perfekt, um auf Robbenjagd zu gehen. Auf dem Meer hat sich eine Eisschicht gebildet, auf der sie sich an die fetten Beutetiere heranmachen können.

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Das lassen sich die Bären nicht entgehen. Nur die Mutter kann nicht am grossen Fressen teilhaben. Sie liegt in ihrem Versteck und passt auf die Jungen auf. Die Schneedecke wirkt isolierend, die Temperatur in der Höhle fällt kaum je unter ein Grad Celsius. Der Atem der Eisbärin wärmt ihren Nachwuchs, dem erst um den zehnten Lebenstag herum ein feines Pelzchen wächst. Vier Wochen dauert es, bis die Jungtiere zum ersten Mal die Augen öffnen.

Ende März ist der langersehnte Augenblick da: Die Familie verlässt die Höhle. Die Mutter bricht ein Loch in die Schneedecke und steigt ins Freie. Sie brummt und schnauft, um die Jungen herauszulocken. Un­sicher tapsen diese aus dem weissen Versteck. Jetzt ­sehen sie, dass die Welt nicht nur aus Dunkelheit ­besteht, und dürfen die Umgebung erkunden. Später folgen sie ihrer Mutter auf das Packeis. Sie muss nun dringend jagen. Seit sieben Monaten hat sie nichts gefressen. Jeden Tag hat sie in der Winterkälte ein Kilogramm Körperfett verbrannt. Sie ist fast am Ende ihrer Kräfte.

Nicht nur das Eisbärenweibchen, auch Florian Schulz, 37, hat sehnlichst auf den Frühling gewartet. Der Fotograf aus Deutschland will das Jahr des Eisbären in all seinen Facetten dokumentieren. Rund 20 Monate hat er in den vergangenen sechs Jahren in der Arktis verbracht. Eisbären zu finden ist nicht einfach; die rund 25'000 Tiere verteilen sich auf ein riesiges Gebiet rund um den Nordpol. Florian Schulz hat das Packeis und die Küsten per Schiff, Flugzeug, Schneemobil oder Hundeschlitten abgesucht. Er ist mit den Inuit auf die Jagd gegangen, hat auf dem Packeis gezeltet.

Jetzt ist es endlich so weit. Die Bärenfamilie ist da. Florian Schulz sieht, wie die Mutter nur wenige Meter von ihm entfernt die beiden Jungen säugt. Wie sie dabei in eine Art Trance fällt. Er hört, wie die Jungen schmatzen und schnurren. «Das war einer der schönsten Momente in meiner Karriere», sagt Schulz. Die Begegnung mit der Eisbärenfamilie beschert ihm einige seiner besten Fotos, die er in einem Bildband und in Magazinen veröffentlichen kann – und die er derzeit in einer Vortragsreihe in der Schweiz zeigt.

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Wenige Tage später wird er Zeuge, wie ein riesiger Eisbär sich an die Familie heranpirscht. Das Männchen will sich ein Jungtier krallen, so gross ist sein Hunger. Die Mutter schläft auf dem Packeis, die Jungen balgen sich. Vorsichtig nähert sich das räuberische Männchen, teils im Wasser, wo es fast nicht zu sehen ist. Kurz bevor es sein Ziel erreicht, wacht die Mutter auf. Sofort sieht sie den Angreifer. Mit einem Schnauben warnt sie die Kleinen. Jetzt rennen alle drei um ihr Leben, die Jungen springen von Scholle zu Scholle und schwimmen panisch im Meer, klammern sich immer wieder an den Rücken der Mutter. Nach langen dramatischen Minuten gibt das Männchen auf. Doch die Mutter flieht mit ihren Kindern weiter. «Die Hin­gabe der Eisbärenmütter an ihre Jungen ist riesig», sagt ­Florian Schulz, der die Szene aus nächster Nähe verfolgen konnte.

Der Mensch passt aufgrund seines geringen Fettanteils nicht ins Beuteschema der Raubtiere. Doch Eisbären haben vor nichts und niemandem Angst und können äusserst neugierig sein. So kommt es vor, dass sie direkt auf Einzelpersonen oder auch Gruppen ­zulaufen. Als Mensch fühlt man sich in einer solchen Situation ziemlich klein: Eisbären sind bis zu vier ­Meter hoch, wenn sie sich auf die Hinterbeine stellen. Grosse Männchen erreichen ein Gewicht von bis zu ­einer Tonne. Zudem können sie auf 50 Kilometer pro Stunde beschleunigen. «Fliehen bringt nichts», sagt Florian Schulz.

Was tun also, wenn ein Eisbär kommt? Am besten ist es, ruhig zu bleiben und den Bären nicht zu provozieren. Ist das Tier sehr nah, soll man ihm entschlossen in die Augen blicken und so das «Revier» markieren. Reicht das nicht, müssen Leuchtraketen eingesetzt werden. «Damit konnte ich bisher jeden Eisbären verjagen», sagt Florian Schulz. Als letzte Möglichkeit bleibt der Griff zum Gewehr. Jeder, der in Eisbären­gebiet weitab der Zivilisation unterwegs ist, sollte eines mit sich tragen.

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Der Frühling ist die Zeit der Paarung. Die Männchen finden die Weibchen, indem sie deren Duftspuren folgen. Treffen mehrere Männchen aufeinander, kommt es zu harten Rangkämpfen. Das dominanteste Tier darf das Weibchen begatten – sein einziger Beitrag zum Familienglück. Schon nach einer Woche der Balz finden die Eisbären allerdings die ­Robben wieder deutlich interessanter als das andere Geschlecht.

Die Jagd nach den Meeressäugern konnte Florian Schulz über Wochen dokumentieren. Die Eisbären stromern allein oder mit ihren Jungen über das Packeis, immer auf der Suche nach Robben. Das Angebot ist riesig: Rund 14 Millionen Ringel- und Sattelrobben bevölkern die arktischen Gewässer. Zu finden sind sie am Rand von Wasserstellen, die aufgrund von Strömungen nicht vereisen, sogenannten Polinjes. Noch einfacher ist die Jagd an den Atemlöchern der Robben. Diese schwimmen nämlich auch unter das Eis. Um Luft zu holen, drücken sie von unten gegen den Eisschild, bis er nachgibt. Früher oder später taucht an einem solchen Loch eine Robbe auf. Der Bär tötet das Tier mit einem einzigen Prankenschlag, zieht es aufs Eis und macht sich darüber her. Meist frisst er nur das Fett. Das Muskelfleisch überlässt er den Möwen und Polarfüchsen.

Im Sommer wird das Leben für die Eisbärenfamilie mühselig. Die Tage sind endlos lang, die Temperatur klettert auf Durchschnittswerte von bis zu zehn Grad. Das Eis schmilzt, die Jagdgründe schwinden. Die Mutter lebt jetzt vor allem von ihren in kürzester Zeit angefressenen Fettreserven. Immer häufiger muss die Familie schwimmen, um ihre Ziele zu erreichen. Das ist anstrengend, aber grundsätzlich kein Problem: ­Ursus maritimus, übersetzt der «Seebär», kann mühelos mehrere hundert Kilometer an einem Stück schwimmen. Die längste bisher gemessene Distanz beträgt 687 Kilometer.

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Den Eisbären macht zu schaffen, dass das Packeis sich nahezu jeden Sommer weiter zurückzieht. Im Schnitt ist seine grösste Ausdehnung bereits um ein Viertel kleiner als noch vor 30 Jahren. 2012 war sie ­sogar nur halb so gross. In vielen Regionen nimmt deshalb die Eisbärenpopulation ab. «Der Eisbär ist ein unglaublich mächtiges Tier», sagt Florian Schulz. «Aber ohne Packeis kann er nicht überleben.» Lang­fristig sind die Prognosen für die Spezies düster: Viele Forscher gehen davon aus, dass der Eisbär in den kommenden 100 Jahren aussterben könnte.

Hoffnungsvoll stimmt, dass es auch Populationen gibt, die stabil bleiben oder gar zunehmen. Wissenschaftler haben zudem vor zwei Jahren nördlich von Grönland und Kanada eine Region ausgemacht, in der sich dank den Meeresströmungen Packeis ansammelt. Sie vermuten, dass dort auch in 100 Jahren noch Eis vorhanden sein könnte und dem Eisbären damit ein Refugium bleibt.

Im Sommer sind Eisbären häufig auf dem Festland zu beobachten. Sie jagen Lemminge und Mäuse und suchen nach Vogeleiern. Schwemmt das Meer einmal einen toten Wal an, können sich Dutzende Tiere versammeln, um am tranigen Aas zu nagen.

Bei einem Walskelett gelingen Florian Schulz beeindruckende Bilder. Der Kadaver liegt am Ufer in ­einer Bucht auf Spitzbergen. Noch ist kein Eisbär zu sehen, und das Skelett scheint längst blankgeputzt. Doch dann setzt die Ebbe ein, und immer grössere Teile der 20 Meter langen Wirbelsäule ragen aus dem Wasser. Eine Eisbärenmutter rutscht bäuchlings die verschneite Küste hinab, ihr Junges trollt ihr nach. Die Bärin spaziert über das kolossale Rückgrat, gleitet ins Wasser und macht sich an das Aas, das noch unter der ­Wasseroberfläche liegt. Später tauchen mehr und mehr Bären auf. Eine Woche lang kann Florian Schulz das grosse Fressen fotografieren. Mit der Zeit kann er bis zu 20 Tiere voneinander unterscheiden.

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Naht der Herbst, wird es im Eisbärenland kalt und unwirtlich. Den Tieren macht das nichts aus: Ihr Fell isoliert derart gut, dass man die Bären auf einem Infrarotbild nicht sieht. Die Fettschicht unter dem Fell ist bis zu zehn Zentimeter dick. Die Schwimmhäute zwischen den Zehen dienen jetzt als Schneeschuhe.

Irgendwann ist auch das Hungern zu Ende. Die ­Nanook, die «grossen Jäger», wie die Inuit die Eisbären nennen, können nach der langen sommerlichen Fas­tenzeit endlich wieder Robben jagen. Auch die Mutter geht mit ihren Jungen wieder auf das Packeis. Sie wird, bevor sie weiteren Nachwuchs bekommt, noch länger für ­die beiden sorgen: Erst im Alter von zweieinhalb ­Jahren werden Eisbären selbständig. Wenn sie dann noch ­leben. Von zehn Jungen kommen sechs im ersten Jahr um.

Schliesslich – im Oktober – graben sich die trächtigen Weibchen wieder in den Schnee ein. Irgendwo in den Weiten der Arktis schlummern sie ein und warten auf das Ende des Eisbärenjahrs. Und auf dessen Neubeginn.

Buchtipp

Florian Schulz: «Ein Jahr in der Arktis», National-Geographic-Verlag, 2011, 212 Seiten, 59 CHF

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