Wer durch die Stadt flaniert, stösst unweigerlich auf den Götterbaum. Auch wenn er im Winter seine charakteristischen grossen und gefiederten Blätter verliert und aufgrund seiner Rinde leicht mit der Esche zu verwechseln ist, findet man ihn auf Schritt und Tritt. Die wärmeliebende Pflanze wächst in Hinterhöfen und entlang von Strassen, in Vorgärten oder auf Brachen. So ist es kein Zufall, dass am Rand eines ungeteerten Parkplatzes in der Nähe des Bahnhofs ­Zürich-Hardbrücke ein Götterbaum zehn Meter in die Höhe ragt. Täglich marschieren hier zahlreiche Menschen auf dem Weg zur Arbeit an dem schönen Baum vorbei, dem Vertreter einer Art, die in den vergangenen Jahrzehnten die Städte der Nordschweiz erobert hat.

Städte sind keine grauen Wüsten, sondern regelrechte Hotspots der Pflanzenvielfalt. Der ­Botaniker und emeritierte ETH-Professor Elias Landolt hat in Zürich 1210 Pflanzenarten dokumentiert, in Basel zählt man 850 und in Freiburg 720. In diesen Städten ist die Vielfalt grösser als im ländlichen Umfeld. Ins­gesamt unterscheiden Botaniker in der Schweiz rund 3000 verschiedene Pflanzenarten.

Bei vielen Pflanzen in den Städten handelt es sich um Neophyten. Der Begriff ­bezeichnet ursprünglich ortsfremde Pflanzen, die «eingewandert» sind oder vom Menschen eingeschleppt wurden. 50 Prozent aller Pflanzenarten in Zürich sind laut Landolt Neophyten. Auch der Götterbaum gehört zu diesen Immigranten.

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Tolerant gegenüber Abgasen

Seinen klingenden Namen verdankt der Baum seiner Grösse. Er wächst schnell in die Höhe und auch im Umfang. Stutzt man ihn nicht zurück, erreicht er Höhen von über 30 Metern. «Aylanto» oder «Baum des Himmels» nennt man ihn deshalb in Indonesien, was ihm den lateinischen ­Namen Ailanthus altissima eingetragen hat. Ursprünglich stammt der Baum aus China, wo er in weiten Teilen des Landes vorkommt. Chinesische Gelehrte beschrieben die auch als Bitteresche bezeichnete Pflanze bereits vor 2000 Jahren. Extrakte aus Rinde und Blüten werden in der traditionellen chinesischen Medizin gegen Muskelkrämpfe eingesetzt.

Erst als ein französischer Missionar im 18. Jahrhundert Samen des Götterbaums nach Paris brachte, begann dessen Siegeszug in Teilen Europas. Zunächst wurde der Laubbaum als Zierpflanze in städtischen Gärten gehalten, von denen aus er verwilderte. Reisende brachten seine Samen auch über den Atlantik nach Amerika. Heute kommt der Baum mit Ausnahme der Antarktis auf allen Kontinenten vor.

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Weil er Wärme liebt und Frost schlecht erträgt, verbreitete er sich in Europa zunächst nur im Mittelmeergebiet. Auf ihrem Weg nordwärts setzte sich die Art in den Städten fest, wo es im Vergleich mit dem Umland immer etwas wärmer ist. Die Klima­erwärmung der letzten Jahre beschleunigte die Ausbreitung des Götterbaums in Richtung Norden.

Seit 1980 hat seine Verbreitung in Schweizer Städten deutlich zugenommen, wie Elias Landolt beobachtet hat. Dass sich der Baum gern im urbanen Raum niederlässt, liegt aber nicht nur an den höheren Temperaturen: Der Götterbaum ist eine der wenigen Pflanzen, die hohe Konzentrationen von Luftschadstoffen tolerieren. Die Abgase entlang der Strassen machen ihm wenig aus. Da er auf sandigen wie auch lehmigen Böden wächst und Salz erträgt, ist er ein idealer Stadtbewohner.

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Sowohl die weiblichen als auch die männlichen Götterbäume tragen Blüten. Vor allem die männlichen verbreiten einen intensiven, unangenehmen Geruch. Insekten, darunter auch Honigbienen, befruchten die Blüten. Es bilden sich Fruchtkörper – sogenannte Samaras –, die den Samen enthalten. Ein einziger reifer Götterbaum kann mehrere hunderttausend Samaras produzieren. Mit seinen Samen, aber auch vegetativ über Ableger, erobert er rasch neue Standorte.

Grosse Vielfalt an Standorten

Der Götterbaum hat in den Städten Mittel- und Nordeuropas einen idealen Lebensraum gefunden. So wie zahlreiche andere Pflanzenarten, die vom Mikroklima und den besonderen Bedingungen profitieren. Schattige und besonnte Mauern, Dächer, Pflasterritzen, See- oder Flussufer, aber auch unbenutzte Bahnareale oder Industrieflächen bieten eine grosse Vielfalt an Standorten.

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Besonders wohl fühlen sich in den Städten unscheinbare Arten, die niederwüchsig sind und auch an vielbegangenen Orten bestehen können. Sie wachsen aus Ritzen im Asphalt, im sandigen Zwischenraum der Pflastersteine oder aus einem Mauerspalt. Dazu gehört zum Beispiel das Niederliegende Mastkraut (Sagina procumbens), das gerne in kleinen Ritzen und Spalten, etwa bei Treppen, wächst. Oder das Kleine Liebesgras (Eragrostis minor), das in Städten besonders gut gedeiht. Das unscheinbare, zähe Gras erträgt es auch, wenn es einmal unter vorbeieilende Füsse gerät.

Den Stadtraum begrünende Neophyten wie der Götterbaum werden aber nicht von allen begrüsst. Der schnell wachsende Baum ­bedränge die heimische Artenvielfalt, sagen manche Naturschützer. Dabei macht gerade die Stadtflora deutlich, dass es eine heimische Flora eigentlich gar nicht gibt. Denn wie es die rasante Verbreitung des Götterbaums, ein Produkt der Globalisierung, demonstriert: Konstant ist nur der Wechsel.

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