Es ist ein rätselhaftes Phänomen, das wellenartig ganze Ställe heimsucht: Die Hühner fressen sich gegenseitig die Federn vom Leib. Die bepickten Tiere wehren sich meist nicht und können an den Folgen sogar sterben – dann nämlich, wenn Federpicken in Kannibalismus übergeht. Weshalb die Tiere das tun, ist bis heute nicht ganz geklärt. Nun suchen Tierforscher der Universität Hohenheim (Deutschland) den Grund für den rätselhaften Heisshunger in den Genen, wie sie in einer Medienmitteilung schreiben.

«Die Annahme, dass Hühner nichts anderes als Körner fressen, ist ebenso falsch wie weitverbreitet», urteilt Prof. Werner Bessei, Leiter des Fachgebiets Nutztierethologie und Kleintierzucht. Insbesondere Küken bräuchten mehr Eiweiss als ihnen pflanzliches Futter allein liefern könne. «Wenn sie im Freiland gehalten werden, machen sie Jagd auf Regenwürmer, Fliegen, Maikäfer und andere Insekten.»

Die rastlose Suche nach Eiweissquellen treibt einige Hühner offenbar auch dazu, ihren Artgenossen die Federn vom Leib zu picken. Für Werner Bessei steht aber fest: «Am Eiweiss allein kann es nicht liegen. Denn nur 20 Prozent des Proteins in den Federn kann der Verdauungstrakt eines Huhns verwerten.» Versuche hätten ausserdem gezeigt, dass einzelne Hühner auch dann noch zum Federpicken neigen, wenn der Trog mit proteinreichem Futter gefüllt sei.

Sind es die Gene?

Werner Bessei geht heute davon aus, dass das Federpicken teilweise genetisch vorprogrammiert ist. Der Meinung ist auch Prof. Jörn Bennewitz von der Universität Hohenheim. Denn Versuche haben gezeigt: Federpicken ist offenbar schnell lernbar und verbreitet sich rasch in der Herde. Andere Forscher gehen davon aus, dass Federpicken durch eine genetische Veranlagung zur Hyperaktivität zusammenhängt. Denn Hühner, die zum Federpicken neigen, sind aktiver als andere.

Sicher sei das Federpicken auch eine Vorstufe des Kannibalismus, erklärt Werner Bessei. «Häufig belassen es die Hühner nicht dabei, ihre Artgenossen zu rupfen. Sie hören auch nicht auf, wenn Blut fliesst.» Die Sterberate durch Federpicken steigt deswegen in grossen Ställen um bis zu 20 Prozent. Somit stellt sich hier auch ein grosses Tierschutzproblem.

Werner Bessei und Jörn Bennewitz versuchen nun, genetische Marker fürs Federpicken in den Hühnern zu finden. Mit einem Bluttest könnten Hühnerzüchter dann erkennen, welche ihrer Tiere genetisch fürs Federpicken prädestiniert sind und diese dann aus der Zucht nehmen.

Anzeige