BeobachterNatur: Patricia Holm, immer wieder liest man, dass Aquarienfische in Seen und Bächen gesichtet werden.
Patricia Holm: Das ist in der Tat zunehmend ein Problem. Manche Fische entkommen unbeabsichtigt, etwa bei der Aquarienreinigung. Auch falsch verstandene Tierliebe oder Unkenntnis über artgerechte Tötungsmethoden führt häufig dazu, dass Fische aus dem Hobbyaquarium in die Gewässer entlassen werden.

BeobachterNatur: Manchen Fischbesitzern fällt in der Not nur eine Lösung ein: Sie setzen über­zählige Fische aus.
Patricia Holm: Das ist aus gutem Grund verboten. Eine sehr gute Idee hingegen ist die ­Fischauffangstation.

BeobachterNatur: Wie ergeht es Aquarienfischen in der vermeintlichen Freiheit?
Patricia Holm: Viele haben keine Überlebenschance und verenden früher oder später. Daneben gibt es aber immer wieder Berichte über warme Industrie- und Kraftwerksab­wässer, in denen sogar tropische Fische über­leben. Der Punkt ist jedoch ein ­anderer: Überleben die Fische, können sie Krankheiten in die Natur verschleppen. Und vor allem können sich Aquarienfische zu einer bedrohlichen Konkurrenz für die einheimischen Fische entwickeln.

BeobachterNatur: Was bedeutet das für unsere ­Ökosysteme?
Patricia Holm: Aquarienfische besetzen beispielsweise die Nischen, die die einheimischen Arten zum Laichen brauchen, sie fressen ihnen die Nahrung weg oder ernähren sich von den einheimischen Fischen, ihren Eiern oder ihren Larven. Es besteht ein beträchtliches Risiko, dass die neuen Arten sich festsetzen und stabile Populationen bilden. Fische, die besonders anspruchslos sind, sogenannte Opportunisten, haben da gute Chancen. Das Problem ist heute­ ­grösser als noch vor zehn Jahren.

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BeobachterNatur: Können Sie das Problem anhand eines ­Beispiels ­beschreiben?
Patricia Holm: Die Schwarzmeergrundeln stammen ­ursprünglich aus dem Gebiet des ­Schwarzen Meers und aus dem Donauraum. Sie haben sich innerhalb weniger Jahre in Deutschland und Österreich ­ausgebreitet. Seit zwei Jahren haben wir zwei Arten, die Kesslergrundel und die Schwarzmundgrundel, auch im Rhein bei Basel. Wo es ihnen gelingt, sich zu ­etablieren, werden sie in kurzer Zeit ­bestandsbildend.

BeobachterNatur: Welchen Schaden richten die Grundeln an?
Patricia Holm: Sie sind arge Laichräuber und fressen Jungfische, ausserdem konkurrieren sie mit ­kleinen Egli um die Nahrung der ­einheimischen Fische. Für unser Forschungsprojekt ­untersuchen wir die Entwicklung dieser beiden Arten sehr genau. Wir konnten ­beispielsweise feststellen, dass die Zahl der Schwarzmundgrundeln, die wir im Hafen von Kleinhüningen bei Basel mit Reusen ­gefangen haben, in nur einem Jahr beinahe um das 30-Fache ­zugenommen hat.

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BeobachterNatur: Werden die Probleme, die die nicht in unseren ­Gewässern heimischen Fisch­arten verursachen, in Zukunft ­weiter ­zunehmen?
Patricia Holm: Die immer stärkere Vernetzung der ­Gewässer durch Kanäle macht den nicht heimischen Fischen die Ausbreitung leicht. Dazu kommt die ­Klimaerwärmung, die dafür sorgt, dass immer mehr Fisch­arten aus ­wärmeren Gebieten hier überhaupt ­Überlebenschancen haben.

Fischexpertin

Die Biologin Patricia Holm ist ­Professorin für Ökologie an der Philosophisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel. Sie ist Leiterin des interdisziplinären Programms «Mensch Gesellschaft Umwelt» (MGU) der Uni Basel und der «Grundel-Taskforce», die die Verbreitung der ­invasiven Fischart im Rhein untersucht.

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Buchtipp

Patricia Holm: «Faszinierende Fische»; Haupt-Verlag, 2010, 208 Seiten, CHF 26