Rund 300 Pferde schlachten die Iren wöchentlich und werfen sie den Miteuropäern zum Frass vor. Sie expor­tieren das Fleisch in die Schweiz, nach Italien, Belgien, Frankreich und Deutschland. Sie bedienen mit willkommenem Profit eine Nachfrage, der sie selbst kopfschüttelnd gegen­über­stehen. Iren essen Pferdefleisch höchs­tens aus Versehen. Als heimli­che Beimischung in den Tiefkühlhamburgern der Supermarktkette Tes­co. Als unwillkommene Zutat in der Lasagne von Aldi. Sie sind die willigen Zu­lieferer und überraschten Opfer des europaweiten Skandals.

Barbara Bent, Mitte 60, ist von ­einer aparten Härte. Die Direktorin der Tierschutzorganisation ISPCA ist verantwortlich für das Victor-Dowling-Pferdezentrum in Cork, das 2007 ­eingerichtet wurde, um den damals in steigender Zahl misshandelten, ausgesetzten, verhungernden Pferden in Südirland zu helfen. Bent arbeitet seit 45 Jahren im irischen Tierschutz. Sie bekennt, sie habe «ein sehr ein­seitiges Bild von dieser Pferdegesellschaft. Ich sehe nur die vernachlässig­ten, gequälten Pferde.» Allein davon gibt es in Irland zu viele. Barbara Bents Bedauern ist hörbar, wenn sie sagt: «Das alte ­Irland ist mit dem Wirtschaftsaufschwung, dem Celtic Tiger, verlorengegangen.» Die Iren denken nur noch dollarorientiert. In dem Mass, in dem ihr Wohlstand von 1995 bis zum Kollaps Ende 2007 stieg, stieg die Zahl der Pferde auf der Insel. Jeder hatte Geld. Jeder kaufte ein Pferd. Oder kaufte gleich fünf oder sechs und machte mit ihnen zehn neue. «Die Leute hatten diese Idee, dass sich aus Pferden Geld machen lässt», sagt Bent. «Sie züchteten mit jeder Stute, mit jedem Hengst, ohne Qualität.» Ohne Bewusstsein für die Verantwortung auch.

Die Landwirtschaftsschulen boten hastig Schnellkurse für die neu entflammten Pferdefans an. Drei Tage Fütterung, Exterieur-Beurteilung, Stutenmanagement, Fohlenaufzucht. Drei Tage, nach denen Postboten, Bank­leute, Bauunternehmer, Hausfrauen überzeugt waren, alles gelernt zu haben, was es über Pferde zu wissen gibt.

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Ich kannte ein paar solcher Drei-Tage-Experten. Einen Bauunternehmer, der über die Beschaffenheit von Pferdekörpern redete wie ein Profi. Und zu viel Angst vor den eigenen ­Stuten hatte, um an sie heranzutreten. Ich kannte einen Buchhalter, der sich, kurzfris­tig millionenschwer, ein paar exzellente Zuchtstuten und einen Hengst gekauft hatte. Der zeugte zwei neue Hengste. Der Buchhalter gewöhnte die Fohlen nicht an den Umgang mit Menschen. Er sei «einfach nicht dazu gekommen». Als er doch beinahe dazu kam, waren die Fohlen herangewachsen zu Hengsten. Der Buchhalter hatte dem Unwillen der jungen Rüpel nichts entgegenzusetzen. Als sie vier und fünf Jahre alt und lebensgefährlich waren, trieb er sie die Strasse hoch. Das Schlachthaus ist gleich gegenüber.

Irland war schnell überschwemmt mit Pferden, für die kein Markt und kein Nutzen bestand. Und für die ­heute keiner das Geld hat. Die Besitzer setzten ihre Tiere in Wäldern oder an Strassenrändern aus. Sie liessen sie winters auf kahlen Weiden verhungern. Fast brachen die Tierschutzorganisationen unter der Last zusammen.

Und plötzlich war der Spuk vorbei. Ausgesetzte Pferde gibt es kaum mehr. Und viel weniger als noch vor zwei Jahren verhungern. Die Besitzer haben verstanden: Ein dürres Pferd bringt nicht viel Geld. Ein totes bringt nichts. «Für uns Tierschützer ist das eine zwiespältige Situation. Am Ende ist es doch besser, wenn das Pferd im Schlachthaus getötet wird, als dass es im Wald verhungert.» Barbara Bent gibt sich keine Mühe, ihre Zerrissenheit zu kaschieren. Seit dem letzten Anstieg der Viehpreise sieht sie ­einen neuen Trend. Die Farmer beginnen, Pferde als Schlachtvieh zu züchten. Pferde sind billig. «Die Farmer sehen da Potential.»

Pat Hayes ist Inhaber der Fleisch­fabrik Ossory Meats in Banagher, in der Grafschaft Offaly. Wann immer ich an dem Bau hinter dem Hochsicherheitszaun vorbeifuhr, sah ich Viehtransporter vor seinen Toren. Rostige, fahrbare Container, aus deren Lüftungsschlitzen zwischen Wänden und Dach sich Pferdenasen schoben. Manchmal sah ich Pferde im Hof ­stehen. Sah sie warten. Ich wusste, ­worauf, und fragte mich: Wissen sie es auch? Nie fuhr ich an dem Zaun vorbei, ohne dass ich versuchte, einen Blick auf die Wartenden zu ­erhaschen. Sah ich nichts, spürte ich einen Hauch von Enttäuschung. Ich konnte mir das Gefühl nicht erklären.

Pat Hayes will nicht über sein ­Geschäft sprechen. «Journalisten verdrehen meine Worte, reissen sie aus dem Zusammenhang. Und das Wichtigste lassen sie immer unerwähnt.» Was ist das Wichtigste, Pat? «Schicken Sie mir Ihre Fragen per E-Mail. Ich ­sehe sie mir an.»

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Er weiss nicht, dass ich einmal in seiner Fabrik gewesen bin. Dass ich es eines Abends hinter die zweimann­hohen Metallstreben des Sicherheitszauns schaffte. Ein Schlachthausarbeiter hatte einen Bekannten an­gerufen. Jenen furchtsamen Bauunternehmer mit der Drei-Tages-Reife. Im Schlachthaus hatten sie eben einen jungen Connemarahengst geliefert bekommen. Sein Schicksal sollte in der Hand meines Bekannten liegen. Wollte er das Pferd nur ansehen? Es kaufen? «Schönes Tier», lockte der Mann. «Billig!»

Die Schlachthausarbeiter waren nach Hause gegangen. Der Anrufer hatte das Pferd allein entgegengenommen. Hatte dem Lieferanten aus eigener Tasche eine wahrscheinlich winzige Summe gezahlt. Möglicherweise nichts. Ein Handschlaggeschäft. Zeugenlos. Ich verstand, dass das Angebot des Mannes, sich das Pferd anzusehen und es aus dem Warteraum zum Tod auszulösen, kein Ausdruck plötzlichen Mitgefühls für das Tier war. Was immer einer bereit wäre, auszugeben, es flösse nicht in die Kasse des «Bluthauses», wie der Mann es nannte.

Der Weg zu den Pferchen führte durch einen fensterlosen Gang. Dahinter ein hoher, gekachelter Raum. Hellgelb. Makellos. Von der Decke zur Rechten hingen zwei Ketten mit Karabinern. Zur Linken stand ein Metalltisch mit grobem Werkzeug. Unsere Schritte hallten in der Leere. Nirgendwo Blut, keine Leichenteile. Und der Tod in allen Ecken.

Ich rang um Desinteresse. Zwang mich, nicht zu starren auf das, was nicht zu sehen war. Durcheilte das Nichts mit geschäftsmässig kalkulierten Schritten. Ich durfte hier niemanden aus der Fassung bringen. Am wenigsten mich selbst. Im Hinterhof wartete mit rollenden Augen der ­kleine Hengst. «Wie alt?», fragte mein ­Bekannter. «Etwa zwei Jahre.» – «Papiere?» – «Besorge ich.» – «Wie viel?» Der Schlachthausmann präsentierte eine Zahl. Der Bekannte halbierte sie. Ein 50-Euro-Schein wechselte die Hosentaschen. Der Hengst stieg in den Pferdeanhänger. Was der Bekannte mit ihm anfangen sollte, wusste er nicht.

«Isst man in der Schweiz Pferdefleisch?», fragt Barbara Bent. Ich sage: «Ja. Das ist nichts Spezielles.» – «Oh», sagt Frau Bent. «Sehen Sie, wenn das Pferd hier keinen Nutzen mehr hat, muss es weg.» Ein Pferd einschläfern lassen kostet 100 Euro. Die Abholung noch einmal das Doppelte. «Die Leute denken: ‹Statt 300 zu zahlen, stecke ich lieber 300 vom Metzger ein.›» Frau Bent fragt müde: «Kann man ihnen das verdenken?» Sie hat selbst ein Pferd. Einen Methusalem, 39 Jahre alt.

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Pat Hayes frage ich per Mail: Wie lange warten die Pferde, bis sie getötet werden? Begreift ein Pferd im Schlachthaus – eher als eine Kuh oder ein Schaf –, dass es sterben wird? Ist es empfindlicher für die Gerüche, Geräusche, die Atmosphäre? Haben Sie Pferdefleisch probiert? Und vor allem: Was ist «das Wichtigste», das die Journalisten auslassen? Hayes schwieg.

Zwei Monate nachdem der Bau­unternehmer den kleinen Hengst dem Tod abgekauft hatte, verkaufte er ihn weiter. Er will nicht sagen, an wen. Der Buchhalter hat einen neuen Hengst, zwei Jahre alt. Er läuft unberührt auf der Weide. Der Buchhalter lacht: «Was kann ich machen? Ich liebe einfach Pferde.» Als wäre das genug.