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Unkrautvertilger«Glyphosat ist krebserregend»

In der Schweiz werden jährlich mehrere hundert Tonnen Glyphosat auf Äcker und Felder sowie Gleisanlagen versprüht. Bild: Getty Images

Experte Christopher Portier wehrt sich dagegen, dass der weltweit eingesetzte Unkrautvertilger verharmlost wird. Dafür wird der in Thun lebende Amerikaner heftig attackiert.

von Denise Battagliaaktualisiert am 2017 M08 14

Es begann ganz harmlos. Die Internationale Agentur für Krebsforschung wollte prüfen, wie sich das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat auf die Gesundheit auswirkt. Es fragte Christopher Portier für eine Beurteilung an. Das war nicht ungewöhnlich. Der US-Chemikalienexperte war schon mehrfach als Experte für die Behörde der Weltgesundheitsorganisation WHO tätig gewesen.

Es wurde ein Kampf David gegen Goliath

Die Rolle des Goliath übernahmen die global tätigen Konzerne, die das Unkrautvernichtungsmittel herstellen. Und mit ihnen die EU-Behörden, deren Aufgabe es wäre, die Bürger vor schädlichen Umwelteinflüssen zu schützen.

Portier würde sich nie als David bezeichnen. Der Mathematiker und Biostatistiker ist Vollblutwissenschaftler. Er argumentiert mit Zahlen und Fakten. «Ich habe nur getan, was ich als Wissenschaftler als meine Aufgabe erachte», sagt er. «Ich habe über die tatsächlichen Krebsbefunde informiert.» Doch beim Kampf um Glyphosat geht es um mehr als blosse Wissenschaft.

«Wenn ein wissenschaftlicher Bericht nicht angreifbar ist, zielt man halt auf die Person.»

 

Christopher Portier, Glyphosat-Experte

300 Tonnen jährlich allein in der Schweiz

Im März 2015 teilte die WHO-Behörde mit: Das Herbizid sei «wahrscheinlich krebserregend». Das ist die zweithöchste Risikokategorie. Die Einschätzung schlug hohe Wellen. Denn Glyphosat ist das weltweit am häufigsten gespritzte Unkrautvernichtungsmittel. Auch in der Schweiz werden jährlich 280 bis 300 Tonnen ausgebracht – auf Äcker und Felder, in Obstanlagen und Gärten, auf den Gleisanlagen von SBB und Privatbahnen.

Der US-Agrochemiekonzern Monsanto etwa verkauft Glyphosat seit über 40 Jahren als «Roundup» und macht damit Milliardenumsätze. Wird das Mittel als krebserregend eingestuft, könnten einzelne Länder die weitere Zulassung verweigern. Für Hersteller wie Monsanto geht es um viel Geld – und für Bauern um einen effizienten und günstigen Unkrautvernichter.

Portier hatte mit dem Pflanzengift nichts zu tun

Bis Portier von der WHO den Auftrag erhielt, war er noch nie mit Glyphosat zu tun. Seither arbeitet er fast ausschliesslich zum Thema und hat sich zu einem führenden Experten entwickelt.

Nach dem Urteil der Internationalen Agentur für Krebsforschung begann die grosse Studienschlacht. Zuerst gab das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung Entwarnung und sprach Glyphosat vom Krebsverdacht frei. Es folgten zwei weitere EU-Behörden.

Portier aber wurde zunehmend skeptisch: «Das ergab überhaupt keinen Sinn. Die Bewertung der Krebsagentur war nicht einmal umstritten, so eindeutig war die Studienlage.» Er und mehr als 90 Forscherinnen und Forscher aus der ganzen Welt schrieben einen offenen Brief an den EU-Gesundheitskommissar, in dem sie «ihre tiefe Sorge» über die «fehlerhafte» Bewertung bekundeten.

Plötzlich ein «Pseudo-Wissenschaftler»

Von da an war nichts mehr harmlos. Der Amerikaner, der seit vier Jahren in Thun lebt, wurde plötzlich als «Pseudo-Wissenschaftler» und «Facebook-Wissenschaftler» betitelt, als «NGO-Aktivist», man unterstellte ihm Interessenkonflikte, mangelndes toxikologisches Wissen. Seine akademischen Titel liess man oft weg, wenn man ihn erwähnte. Als wolle man den mehrfach ausgezeichneten Chemikalienexperten diskreditieren und mundtot machen. «Wenn ein wissenschaftlicher Bericht unangreifbar ist, zielt man halt auf die Person», resümiert Portier achselzuckend.

Er ist scharfe Kritik gewohnt. Über 30 Jahre lang war er Vorsteher verschiedener Abteilungen des Nationalen Instituts für Umweltgesundheit der USA. Er befasste sich mit den Auswirkungen verschiedener Umwelteinflüsse auf die Gesundheit und erlebte zahlreiche harte, aber sachliche Auseinandersetzungen. «Das gehört zu einer guten Wissenschaft.»

Doch solche Diffamierungen wie beim Glyphosat habe er noch nie erlebt. Weil er so massiv angefeindet wird, nimmt Christopher Portier keine Funktion bei der Internationalen Agentur für Krebsforschung mehr wahr – «um ihre Arbeit vor weiteren Angriffen zu schützen». Mehr mag er dazu nicht sagen. Lieber will er wissenschaftliche Fakten sprechen lassen: «Die EU-Behörden haben mehrere Krebsbefunde in Tierstudien nicht in ihre Beurteilung aufgenommen.»

Christopher Portier
Christopher Portier, Glyphosat-Experte
Quelle: Daniel Rihs

Portier sichtete verschiedene Industriestudien, die den EU-Behörden als Basis für ihre Einschätzung dienten. Er las aber nicht nur die Zusammenfassungen.

Als Biostatistiker analysierte er die Rohdaten und stellte fest: Die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit hatte «in den Tierstudien, die sie angeblich begutachtet hatte, acht Krebsvorkommen nicht in ihre Beurteilung aufgenommen». Zudem habe das deutsche Bundesamt für Risikobewertung nur jede fünfte der Studien berücksichtigt, die bei Mäusen und Ratten unter Glyphosateinwirkung Krebs nachwiesen.

«Diese Nachlässigkeit der Behörden hat mich sehr enttäuscht.»

 

Christopher Portier

Dabei gelte doch in Europa – anders als in den USA – das Vorsorgeprinzip. Hersteller müssen unabhängige Nachweise dafür erbringen, dass ihre Produkte unschädlich sind. Die Studienschlacht um Glyphosat dreht sich um die Frage der richtigen Methoden und Quellen. Für Portier geht es auch um Transparenz und Redlichkeit. Die Behörden stützen sich auf Studien der Hersteller, die sie unter Verschluss halten.

Inzwischen gelangten aber Dokumente und E-Mails an die Öffentlichkeit, die zeigen, dass der Herbizidhersteller Monsanto Studien an ausgewählte Forscher in Auftrag gab, die die Beurteilung der Krebsforschungsagentur widerlegen sollten. Manche Unterlagen deuten gemäss «New York Times» darauf hin, dass Monsanto Studien zur Schädlichkeit des Herbizids selbst angefertigt hat. Christopher Portier schrieb Ende Mai 2017 einen sechsseitigen offenen Brief an EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Darin kritisiert er die «wissenschaftliche Qualität» und die «Intransparenz» der Arbeit der EU-Behörden, die es versäumt hätten, alle Krebsbefunde zu identifizieren. Portier forderte, dass die Behörden alle Studien offenlegen, damit eine echte Bewertung möglich werde. Eine Antwort erhielt er nicht. Stattdessen schlug die EU-Kommission den Mitgliedsländern vor, Glyphosat für weitere zehn Jahre zu bewilligen.

«Ich konnte nicht schweigen»

Portier arbeitet noch beratend für Regierungsbehörden verschiedener Länder und für den US-Umweltverteidigungsfonds. Dafür ist er rund vier Monate im Jahr unterwegs. «Ich bin halb pensioniert», sagt er. Die meiste Zeit verbringe er in Thun, «hier geniesse ich die Ruhe und die Bergsicht».

Für ihn ist Glyphosat nach seiner Analyse der ihm zur Verfügung gestellten Studien «krebserregend». Diesen Befund könne man nicht wegdiskutieren, «auch nicht, indem man jene Wissenschaftler diffamiert, die die schlechte Nachricht überbracht haben».

Portier argumentiert stets wissenschaftlich, äussert nicht einmal seine persönliche Meinung zur Frage, ob Glyphosat verboten werden sollte. «Das ist ein politischer Entscheid. Ich bin Wissenschaftler und fühle mich dafür verantwortlich, dass die Entscheidungsträger alle nötigen wissenschaftlichen Informationen für eine gute Entscheidung bekommen.»

Das sei der Grund, warum er nicht habe schweigen können. «Wenn Politiker auf der Basis von unseriösen wissenschaftlichen Einschätzungen entscheiden, kann das schwere Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung haben.»

Glyphosat: Zulassung in der EU unsicher

Die EU-Mitgliedsländer entscheiden voraussichtlich im Herbst, ob der Herbizid-Wirkstoff Glyphosat für weitere zehn Jahre bewilligt wird. Die EU-Kommission empfiehlt die Verlängerung. Doch es gibt Widerstand. Für die österreichische Gesundheitsministerin ist ein Nein notwendig, «wenn auch nur der geringste Verdacht besteht, dass das Mittel krebserregend ist». Auch das deutsche Bundesumweltministerium ist gegen eine Zulassung, und der französische Umweltminister liess ebenfalls verlauten, dass Frankreich gegen eine Verlängerung eintreten werde. Wenn Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien dagegen stimmen, kommt keine qualifizierte Mehrheit für eine Verlängerung zustande. Der EU-Entscheid dürfte auch in der Schweiz für Diskussionen sorgen, zumal jener von 2002 massgebend war für die erneute Zulassung in der Schweiz. Derzeit sammelt eine Gruppe von Bürgern, die sich Future 3.0 nennt, Stimmen für eine Volksinitiative, mit der sie in der Schweiz synthetische Pestizide verbieten will.