Wer Ende Monat die Telefonrechnung in Händen hält, kann präzise nachvollziehen, wie er die Kosten verursacht hat: mit teuren Handyverbindungen, eigentlich günstigen, aber zahlreichen Anrufen auf Festnetzanschlüsse oder mit Auslandsgesprächen.

Ganz anders beim Strom. Hier bezahlen Konsumenten meist übers Jahr verteilt mehrere Akontorechnungen – unabhängig davon, wie viel Strom sie tatsächlich verbrauchen. Einmal jährlich kommt die Schlussrechnung. Warum diese dann aber tief oder hoch ausfällt, ist kaum nachvollziehbar. Mehr noch: Viele Konsumenten können anhand der Rechnung nicht einmal einschätzen, ob sie nun viel oder wenig Strom verbraucht haben.

Das müsste nicht sein. Denn längst gibt es intelligente Stromzähler («Smart Meter»), mit denen Elektrizitätswerke den Stromverbrauch per Fernablesung laufend erfassen und nach dem tatsächlichen Verbrauch verrechnen können. Konsumenten hätten so die Möglichkeit, ihren Stromverbrauch zu analysieren und zu beeinflussen. Denn die neuste Zählergeneration übermittelt nicht nur allgemeine Verbrauchsdaten an die Stromlieferanten, sondern liefert je nach Ausführung auch Details zum aktuellen Verbrauch direkt auf ein Display (Bild unten) im Wohnzimmer der Konsumenten: den momentanen Verbrauch, den Zeitpunkt des Spitzenverbrauchs, aber auch Tages-, Wochen- oder Jahresvergleiche.

Festhalten am Veralteten

Die Versorger wiederum profitieren vom intelligenten Zähler, weil sie eine Vielzahl aktueller Informationen über die Netzauslastung erhalten. Das erlaubt ihnen die Optimierung des gesamten Stromvertriebs («Smart Metering»). Dank einem besseren Vertriebsmanagement können Versorger beim Stromeinkauf Geld sparen.

Obschon die Vorteile der «Smart Meter» auf der Hand liegen, setzen die Energieversorger in der Schweiz weiterhin auf die herkömmlichen mechanischen Stromzähler. Viele der klassischen Zähler laufen bereits 20, 30 und noch mehr Jahre. Ihre Zuverlässigkeit und lange Lebensdauer gibt den Energiewerken keinen Anlass, die technologische Erneuerung voranzutreiben. Dabei liegt mit Landis & Gyr der Weltmarktführer der neuen Technologie (weltweit 25 Millionen installierte «Smart Meter») geradezu vor der Haustür.

Misst man die Investitionen für die neuen Zähler nur an den heutigen Kosten für die Ablesung, rechnen sich «Smart Meter» noch nicht. Wohl auch darum hat sich bisher nur gerade eine Handvoll Stromversorger auf die intelligenten Geräte eingelassen. Die Nase vorn haben einige kleine Gemeindewerke wie dasjenige in Uttwil, das Teil des Elektrizitätswerks des Kantons Thurgau (EKT) ist. Uttwil tauscht gerade sämtliche 1000 Zähler aus. Die Daten werden künftig automatisch an die EKT-Zentrale übermittelt und monatlich so aufbereitet, dass Kunden über eine Internetseite ihren Verbrauch aktuell einsehen können. «Wir erwarten, dass wir mit den intelligenten Zählern den Verteilnetzbetrieb besser organisieren können», sagt EKT-Informatikleiter Peter Walter. Weil die Stromkonsumenten in Uttwil künftig wissen werden, wann und warum sie viel elektrische Energie verbrauchen, dürften sich die neuen Zähler auch auf den Stromkonsum auswirken. «Zehn Prozent Sparpotential liegen schon drin», glaubt Walter.

Dass bessere Kontrollmöglichkeiten zu bewussterem Verbrauch führen, zeigt ein Pilotprojekt im US-Wüstenstaat Arizona: Der Einsatz von 77'000 Smart-Meter-Geräten des Herstellers Landis & Gyr führte zu Stromeinsparungen von über zehn Prozent.

Moderne Zeiten: Am Display kontrolliert der Kunde die aktuellen Verbrauchsdaten.

Quelle: Pressebild Landis & Gyr

Fünf Prozent Einsparung für Private

Für die Schweiz rechnet Matthias Rauh, Smart-Metering-Fachexperte bei der internationalen Unternehmensberatung Horváth & Partners, mit einem Sparpotential von «mindestens fünf Prozent» für Privatkunden. Rauh, der seit mehreren Jahren in- und ausländische Energieversorger berät, ist überzeugt: «‹Smart Metering› wird zu neuen Produktideen wie dynamischen Tarifen und zu einem verbesserten Service für die Kunden führen.»

Im Ausland ist die Erneuerung längst im Gang. So rüsten etwa die Niederlande alle Haushalte mit neuen Zählern aus, ebenso Frankreich und Schweden. In Grossbritannien ist ein ähnliches Programm in Vorbereitung. In Deutschland müssen ab nächstem Jahr in Neubauten intelligente Stromzähler eingebaut werden. Ab 2011 müssen die Energieanbieter zudem «dynamische» Tarifmodelle bereitstellen – Modelle, wie sie etwa in der Telekombranche längst etabliert sind. Das Prinzip: Wer Energie zu Spitzenzeiten verbraucht, in denen der Strom knapp ist, zahlt einen höheren Tarif. Konsumenten werden es sich deshalb genau überlegen, ob sie die Waschmaschine just zur Mittagszeit einschalten.

Italien hat die Umrüstung bereits hinter sich; sämtliche 30 Millionen Stromzähler übermitteln ihre Daten nun automatisch. Allerdings geht es nicht so sehr um mehr Transparenz, sondern darum, den grassierenden Stromdiebstahl einzudämmen. Dank den neuen Zählern haben die Stromverkäufer auf einen Schlag 500'000 «neue» Kunden.

Auch in der Schweiz wird der «Smart Meter» früher oder später eingeführt, sagt Matthias Rauh: «Wir empfehlen den Energieversorgern dringend, die grossflächige Einführung von ‹Smart Metering› zu prüfen.» Davon sind die grossen Versorger noch weit entfernt. Der Einsatz des «Smart Meter» ist vorerst nur Teil von Projektstudien, etwa bei der Berner BKW oder im Stadtzürcher EWZ. Grund für die Zurückhaltung: «Die Strombranche ist generell sehr veränderungsresistent», sagt ein Branchenkenner diplomatisch.