Als Fränzi Gissler, 42, vor zehn Jahren nach Scuol zog und dort eine Laufsportschule eröffnete, fanden das nicht wenige ziemlich verrückt. «Wer will schon einen Berg hinaufrennen und dafür auch noch bezahlen?», hiess es. Doch sie war überzeugt: «Wenn ich das gern mache, dann bestimmt auch andere.»

Und sie hatte recht: Bald entwickelte sich das Alpine Running, wie es damals noch hiess, zur Trendsportart. Heute rennt gemäss Gissler etwa ein Viertel ­aller Läufer auch abseits der Strassen, und viele von ihnen nehmen an entsprechenden Events teil, etwa am Jungfrau-Marathon oder am Swissalpine. Auch Fränzi Gissler. Sieben Jahre lang war sie im ­Salomon Suunto Trail Running Team. Doch so richtig glücklich ist sie erst dann, wenn sie ohne jeden Leistungsdruck durch eine – im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubende – Landschaft laufen kann. Denn Trail-Running, sagt sie im Interview, bedeute für sie vor allem eines: Entschleunigung.

Zur Person

Fränzi Gissler ist Inhaberin und Geschäftsleiterin der Laufschule Scuol. Die studierte Geografin ist VIP und Embassadorin des Salomon Suunto Trail Running Team, Gymnasiallehrerin am ­Hochalpinen Institut Ftan und im Leitungsteam der Magglinger Hochschulwochen. (Bild: privat)

Quelle: Robert Bösch

Beobachter: Einen Berg hinaufrennen – ist das nicht etwas für Masochisten?
Fränzi Gissler: Nein, das Schöne am Trail-Running ist ja gerade, dass der Leistungsaspekt in den Hintergrund treten darf. Das Strassenlaufen und auch unser Alltag sind genügend auf Leistung ausgerichtet. Beim Trail-Running sind weder Zeit noch Höhenmeter entscheidend, sondern das Naturerlebnis. Man macht es für sich selbst. Das ist gerade heute wichtig, wo man alles vermessen und vergleichen kann.

Beobachter: Nehmen Sie die Natur beim Laufen anders wahr als beim gemächlichen Wandern?
Gissler: Beim Laufen bewege ich mich leichter durch die Landschaft. Ich empfinde das Gelände sehr bewusst und habe beinahe das Gefühl, mich mit der Landschaft zu verbinden.

Beobachter: Gibt es so etwas wie ein Trail-Runner’s High?
Gissler: Wenn ich in einem flüssigen und verspielten Tempo unterwegs bin, realisiere ich, dass mich das Laufen kaum Anstrengung kostet. Ich nehme die Umgebung sehr intensiv wahr – vielleicht sehe ich junge Schafe oder durchquere eine sumpfige Wiese – und vergesse darüber die Zeit. Manchmal schaue ich einfach die Berge an und denke: «Wow, ist das schön!» Es ist sehr befreiend, zu realisieren, dass einen ein einziger Augenblick zufrieden machen kann.

Beobachter: Wie schafft man es, ohne Anstrengung ­einen Berg hochzulaufen?
Gissler: Trail-Running bedeutet nicht zwingend, auf einen Berg zu rennen. Eigentlich meint der Begriff nur, dass man abseits der geteerten Strasse läuft. Aber weil wir in der Schweiz so viele und so schöne Berge haben, laufen die meisten Trail-Runner im alpinen Gelände. Dort ist es wichtig, dass man das Gelände und sich selbst richtig einschätzt. Man sollte immer in einem Bereich laufen, der es einem erlaubt, offen für die Schönheit der Landschaft zu bleiben. Sobald wir deutlich über unser Leistungslimit gehen, sind wir nur noch mit uns selbst beschäftigt, häufig kämpfen wir dann nur noch. Es ist spannend, den optimalen Bereich für sich zu finden. Man kann den Berg nicht betrügen. Man muss gut in sich hineinhören. Es muss einem egal sein, wenn man im Anstieg nicht schneller ist als ein Wanderer.

 

«Wer eine halbe bis Dreiviertelstunde joggen kann und sich danach zwar müde, aber nicht vollkommen ausgepumpt fühlt, der ist bei mir dabei.»

 

Fränzi Gissler, Inhaberin der Laufschule Scuol

Beobachter: Aber Sie rennen schon schneller als ein Wanderer, oder?
Gissler: Es kommt auf den Wanderer an. (Lacht) Nein, im Ernst: Während eines normalen Trainingslaufs bin ich schon zügiger unterwegs. Laufe ich aber sieben oder mehr Stunden, dann nicht. Jedenfalls nicht, wenn es bergauf geht.

Beobachter: Es kommt sicher vor, dass Anfänger im wahrsten Sinn wie der «Esel am Berg» stehen. Wie helfen Sie denen?
Gissler: Diese Hemmschwelle gibt es vor allem am Anfang der Kurse. Wenn eine neue Gruppe zusammenkommt, laufe ich am ersten Tag zuvorderst – und bremse den ganzen Tag! Am Anfang will sich niemand eine Blösse geben. Doch sobald die Kursteilnehmer merken, dass sie das Tempo halten und ausreichend Pausen machen können, entspannt sich die Situation von selbst. Die Angst ist weg.

Beobachter: Sie machen auch Pausen?
Gissler: Kommen wir an einem schönen Bach vorbei, ziehen wir schon mal die Schuhe aus und halten die Füsse ins Wasser. Ich kehre auch gern in einer Alpwirtschaft ein, um einen Cappuccino zu trinken.

Beobachter: Aber ein Wurstplättli eignet sich wohl nicht unbedingt als Zwischenverpflegung?
Gissler: Ich bin auf langen Touren auch schon in einer SAC-Hütte eingekehrt und habe Rösti und Spiegeleier gegessen. Das verträgt vielleicht nicht jeder. Wer aber gemütlich läuft, kann gut eine Suppe und ein Stück Kuchen essen.

Beobachter: Was, wenn ein Kursteilnehmer unterwegs eine Krise hat?
Gissler: Ab dem zweiten Tag laufe ich zuhinterst, so dass niemand Angst haben muss, er werde abgehängt. Wenn jemand eine Krise hat – was vorkommt und vollkommen normal ist –, drosseln wir das Tempo, trinken oder essen etwas.

Beobachter: Gehen Frauen anders mit der Heraus­forderung um als Männer?
Gissler: Frauen befürchten vor dem Kurs oft, dass sie das Tempo nicht halten können und die Gruppe deshalb bremsen könnten. Wenn ich sie dann aber nach ihren Laufgewohnheiten frage, merke ich schnell, dass sie genügend trainiert sind.

 

«Mit Kraft kommt man nicht gegen das Gelände an. Man muss loslassen, dann kann man das Gelände ausnutzen und fast wie ein Skifahrer darübergleiten.»

 

Fränzi Gissler, Inhaberin der Laufschule Scuol

Beobachter: Welche Voraussetzungen braucht man, um mit Trail-Running zu beginnen?
Gissler: Wer eine halbe bis Dreiviertelstunde joggen kann und sich danach zwar müde, aber nicht vollkommen ausgepumpt fühlt, der ist bei mir dabei.

Beobachter: Gibt es eine spezielle Lauftechnik?
Gissler: Ja, Strassenläufer laufen fast ohne Fussgelenk, sie haben oftmals einen etwas schwerfälligen Schritt. So kann man sich im unebenen Gelände nicht bewegen, das wäre zu anstrengend. Im Gelände ist der Schritt federnder, es ist eher ein Hüpfen und Springen. Dabei wird der Körper aus dem Oberkörper heraus stabilisiert.

Beobachter: Ist das Abwärtslaufen nicht sehr belastend für die Gelenke?
Gissler: Grundsätzlich ist das Laufen im Gelände viel weniger belastend als auf der Strasse. Auch bergab. Im Gelände ist jeder Schritt anders, und wir verkrampfen uns nicht so schnell wie auf dem Asphalt, wo jeder Schritt gleich ist. Es ist aber wichtig, dass wir die Muskulatur aufbauen und technisch sauber laufen, weil sich Fehlbelastungen beim Abwärtsrennen potenzieren.

Beobachter: Was ist schöner: bergauf oder bergab zu laufen?
Gissler: Am Aufstieg gefällt mir, dass ich in mich hineinhören und das Tempo genau anpassen muss. Dabei komme ich in einen schönen Flow. Das Abwärtslaufen liebe ich, weil es etwas sehr Verspieltes hat. Anfangs verkrampft man sich dabei vielleicht noch, hat Angst, einen Misstritt zu machen. Aber mit Kraft kommt man nicht gegen das Gelände an. Man muss loslassen, dann kann man das Gelände ausnutzen und fast wie ein Skifahrer darübergleiten. Das fühlt sich total ungebunden und frei an. Beinahe, als würde man tanzen.

So sind Sie gut fürs Trail-Running vorbereitet und ausgerüstet

Krafttraining
Bevor man mit Trail-Running beginnt, sollte man zu Hause oder im Fitnessstudio eine gewisse Rumpfstabilität aufbauen.

Anfängerstrecke
Ungeübte ersetzen einen Teil der gewohnten Joggingstrecke durch einen Feldweg oder eine Strecke durchs Gelände und bauen 50 bis 100 Höhenmeter ein. Das Motto lautet: klein beginnen und sich danach langsam steigern.

Schuhe
Im Unterland genügen die normalen Laufschuhe. Im alpinen Gelände sind Schuhe mit griffigen Sohlen sinnvoll.

Essen
Trockenfrüchte, Brot und ein Stück Käse sind ideal. Im Sommer gleicht leicht gesalzenes Trinkwasser den durch das Schwitzen bedingten Salzverlust aus.

Kleidung
Auf längeren Touren gehört ein Regen- oder zumindest ein guter Windschutz in den Rucksack – in den Bergen kann das Wetter schnell umschlagen!

Rucksack
Der Rucksack muss kompakt sein und eng am Körper anliegen. Einzelne Taschen müssen im Laufen gut erreichbar sein.

Stöcke
Vor allem bei längeren Läufen und Wettkämpfen sind Stöcke eine grosse Unterstützung. Bergauf verschaffen sie dem Läufer mehr Vortrieb, bergab entlasten sie.

Trinken
Trinkrucksäcke wie Camelbak fördern das regelmässige Trinken. Manche Läufer haben allerdings Mühe, den Trinkvorrat auf dem Rücken einzuschätzen, weil sie ihn nicht sehen können.

Pulsmessgerät
Nicht notwendig, aber hilfreich, wenn man sich selbst noch nicht so gut einschätzen kann.

Karte oder GPS
Die Orientierung muss gewährleistet sein. Ob man mit Karte oder GPS-Gerät unterwegs sein will, ist Geschmackssache. 

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Quelle: Thinkstock Kollektion