1. Home
  2. Umwelt
  3. Ökologie
  4. Ökomobile: Mit Elektroautos kommen Frauen noch nicht in Fahrt

ÖkomobileMit Elektroautos kommen Frauen noch nicht in Fahrt

Strombetriebene Fahrzeuge haben bei Frauen einen schweren Stand. Dabei ist beiden eines gemeinsam: Bis vor kurzem wurden sie von der Autobranche stiefmütterlich behandelt. Das wird sich ändern: Denn die Zukunft des Automobils ist grün und weiblich, sagen Zukunftsforscher.

von

Wer eine Frau fragt, wie viele PS ihr Auto hat, bekommt vielleicht zur Antwort: «Genügend». Frauen geht es nicht um schnelles Fahren «sondern um den Genuss des Gleitens», so eine Kolumnistin der Zeitschrift «Ladies Drive». Doch die Frauen holen auf, in der Arbeitswelt wie auf der Strasse. Ihr beruflicher und finanzieller Aufstieg macht sie zu einer interessanten Zielgruppe und zu einer nicht zu unterschätzenden Marktmacht, auch in typischen Männerdomänen wie dem Automobilbereich.

In Deutschland etwa besitzen bereits 90 Prozent der Frauen zwischen 18 und 40 einen Führerschein. Und die automobile Emanzipation rollt. Die Motorisierung der Männer hingegen wird laut der aktuellen Shell-PKW-Studie nur noch wenig zulegen. Ein Prozess, der die Autoindustrie in den kommenden Jahren beschäftigen muss. Denn diese hat sich bislang zu «konservativ» und «neuen Entwicklungen gegenüber ignorant» verhalten, wie es der Chef des Gottlieb-Duttweiler-Instituts, David Bosshart, Ende Januar am Schweizer «Forum Elektromobilität» provokativ formulierte.

Frauen bevorzugen kleine Wagen

Als Doris Kortus-Schultes 2004 das europaweit erste Kompetenzzentrum zum Thema «Frau und Auto» an der Hochschule Niederrhein gründete, wurde sie belächelt. Mittlerweile signalisiert die Industrie Interesse am Know-how von Frauen: Heute erarbeitet die Wirtschaftsprofessorin mit der Industrie Lösungen zu frauenspezifischen Problemen im automobilen Bereich.

Studien zeigen: Frauen tendieren zu kleinen Autos und schwachen Motoren – was damit zusammenhängen mag, dass sie das Auto nicht als Statussymbol oder Fetisch betrachten. Dabei muss ein kleinerer Motor nicht unbedingt weniger Leistung bedeuten: Ein moderner Motor mit 1,4 Litern Hubraum leistet gleich viel wie ein vor 20 Jahren gängiges Modell mit zwei Litern bei geringerem Treibstoffverbrauch. «Downsizing» heisst das Zauberwort.

Macker-Autos haben ausgedient

Die Zeiten der von Männern für Männer entwickelten Macker-Autos seien sowieso vorbei, meint der deutsche Zukunfts- und Trendforscher Matthias Horx. Herkömmliche Autos würden nicht mehr in unsere feminine Welt passen, ergo müsse sich das Auto den Frauen anpassen.

Ist die Zukunft des Autos tatsächlich rosarot? Doris Kortus-Schultes sieht das anders. Das Auto als Statussymbol werde nicht aussterben: «Es ist ein männliches Urbedürfnis, sich mit einem potenten Auto zu zeigen und zu schmücken.» Auch in der Frage, ob Frauen die besseren, sprich «grüneren» Fahrerinnen sind, herrscht kein Konsens. Frauen gehöre die automobile Zukunft, meint der Trendforscher David Bosshart. «Sie fahren vernünftiger als die Männer und sind damit prädestiniert für den Erwerb ökologischer Autos.»

Peter de Haan, Dozent für Energie und Mobilität an der ETH Zürich, bezweifelt dagegen, ob Frauen sich überhaupt mehr als Männer mit «grünen» Kriterien beim Autokauf auseinandersetzen: «Es sind immer noch die Männer, die beim Kauf über die Motorstärke und damit über die Ökologie des Autos entscheiden.»

Vernunft siegt über das Herz

Hingegen haben Frauen das letzte Wort, wenn es um praktische Dinge geht. Laut Studien wünschen sich Frauen bei einem Auto vor allem genug Platz (für Kinder, Kinderwagen, Haustiere) sowie Sicherheit, Komfort und ein schönes Design (runde Formen kommen besonders gut an). Treibstoffverbrauch und CO2-Ausstoss stehen bei den Kaufkriterien nicht an erster Stelle. «Frauen wollen ihren Kindern zwar eine intakte Umwelt hinterlassen, aber sie sind auch äusserst preisbewusst – sie müssen schliesslich das Haushaltsbudget einhalten», erklärt Kortus-Schultes. Anders formuliert: Vernunft und Portemonnaie siegen bei Frauen häufig über das Herz.

Frauen steigen als Letzte um

ETH-Forscher Peter de Haan hat nur beschränktes Verständnis dafür, dass die Ökologie bei den Frauen auf der Strecke bleibt. Er fordert, dass sich Frauen mehr um technische Belange kümmern. Oder zumindest ihren Mann beim Neuwagenkauf davon überzeugen, auf ein Energieetikett der Kategorie A zu achten, also ein Auto mit geringem Treibstoffverbrauch und CO2-Ausstoss zu wählen. Schliesslich sei in einem Haushalt der Neuwagenkauf die wichtigste Umweltentscheidung überhaupt, vom Hauskauf einmal abgesehen.

Die Krux an der Sache: Frauen gehören, wie Marktforschungsstudien zeigen, nicht zur Gruppe der technikbegeisterten «Innovatoren», die als Erste auf neue Technologietrends aufspringen. Ebenso wenig zu den «Early Adaptors», die technische Neuerungen früh akzeptieren. Sondern zu den «Followern» und «Zögerern», sprich denjenigen, die als Letzte umsteigen. Ein Muster, das sich häufig beobachten lässt, ob es sich nun um die Markteinführung von iPhones oder Elektromobilen handelt.

Praktisch muss das Auto sein

Diese abwartende Haltung scheint ein Hauptgrund dafür zu sein, dass Frauen sich nur beschränkt für Elektroautos interessieren. Eine im letzten Herbst durchgeführte Studie der Prüfstelle TÜV Süd hat gezeigt, dass nur 23 Prozent der befragten Frauen in Deutschland überhaupt etwas über Elektromobile wissen (Männer: 56 Prozent). Über 50 Prozent der Frauen würden erst dann eines kaufen, wenn es in jeder Werkstatt repariert werden könnte oder wenn kein herkömmliches Auto mehr verfügbar wäre. Frauen sind im Umgang mit Elektroautos offenbar ähnlich pragmatisch wie im Umgang mit Mode. «Oder wissen Sie heute schon, welche Handtasche Sie im Frühling 2012 tragen wollen?», bringt es Kortus-Schultes auf den Punkt.

Sicher ist: Die mobile Zukunft verlangt von Frauen und Männern ein Umdenken. Frauen müssen sich abgewöhnen, den schnittigen Sportwagen des Auserwählten mit dessen vermutlichen Ernährerqualitäten zu assoziieren. Und Männer müssen sich darauf einstellen, dass der nächste Wagen nicht unbedingt teurer, grösser und schneller sein muss. Schon jetzt würden sie mit einem übermotorisierten Auto bei intelligenten Frauen nicht mehr punkten, meint der Schweizer Elektroautopionier Lorenzo Schmid. Dafür brauche es ein smartes Elektrofahrzeug.

Doch so weit wie in Kalifornien, wo der Toyota Prius mit Benzin-Elektro-Hybridantrieb zum guten Ton gehört, sind wir hierzulande noch nicht. An Jetset-Schauplätzen wie Gstaad oder St. Moritz dominieren immer noch die grossen, geländegängigen CO2-Schleudern.

Schluss mit Abenteurergeschichten

Doch die Industrie hat, wenn auch spät, die Zeichen der Zeit erkannt. Bereits 2010 und 2011 kommen etliche Hersteller mit steckdosenfähigen Hybriden und vollelektrischen Autos auf den Markt – was auch den Frauen ins Auge fallen wird. Denn sobald strombetriebene Autos im Strassenbild sichtbar werden, haben sie auch Chancen beim schönen Geschlecht. «Wenn Öko-mobile zum Lifestyle werden und Frauenzeitschriften darüber berichten, kommt die Sache richtig ins Rollen», prophezeit Autoexpertin Kortus-Schultes.

Schon in den nächsten Monaten wird sich zeigen, wer im Wettlauf um die Marktführerschaft bei serienreifen Elektrofahrzeugen die Nase vorn hat und die Frauen abholen kann. Derzeit zielt die Werbung immer noch auf Männer ab und an den Frauen vorbei: Sie zeigt einsame Helden, die mit ihrem futuristischen Fahrzeug den Weltraum – pardon, die Welt – erobern. Doch Frauen stehen nicht auf diese Abenteurergeschichten: Sie wollen Farben, Interaktion und Witz. Kurzum: Sie wollen auf der Gefühlsebene angesprochen, aber nicht in ihrer Intelligenz beleidigt werden. Ausser der von zwei Frauen geleiteten Zürcher Werbeagentur «proud Mary», die für den Autoimporteur Amag wirbt, hat das noch kaum jemand begriffen.

Dabei wäre es nur klug von der Autoindustrie, Frauen nicht mehr nur zu Dekorationszwecken – wie am Genfer Automobilsalon – einzusetzen, sondern auch in der Konstruktion. Wenn sich Ingenieurinnen der Technik annehmen, sind die Tage des Verbrennungsmotors mit Lärm, Dreck und Gestank womöglich gezählt.

Veröffentlicht am 08. März 2010