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PlastikmüllHier steckt am meisten Mikroplastik drin

In den Meeren schwimmen Tonnen von Plastikmüll. Noch viel mehr gibt es aber an Land – sogar in Schweizer Naturschutzgebieten.

Mythos «Wasserschloss Schweiz»: Auf 100 Quadratmetern Uferland findet man im Schnitt 67 Abfallstücke.
von aktualisiert am 11. Oktober 2018

Die Bünz plätschert munter dahin, Dutzende kleiner Fische flitzen herum, eine dicke grüne Libelle landet. Die Bünzaue in Möriken AG ist ein idyllisches Plätzchen.

Doch der schöne Schein trügt. Geografen der Universität Bern haben das Gebiet auf Mikroplastik untersucht. Dazu haben sie Proben der obersten fünf Zentimeter Boden genommen. Das Resultat: Sie fanden pro Kilogramm Erde 55 Milligramm Plastikteile, die kleiner als fünf Millimeter sind. Die Berner Forscher haben 28 weitere Auenschutzgebiete untersucht. Hochgerechnet liegen darin rund 53 Tonnen Mikroplastik. Doch nirgends fanden sie mehr als an der Bünzaue.

Wenn man ein Stück flussaufwärts geht, ahnt man, weshalb: Im Wasser treibt eine leere PET-Flasche Abfall Das Märchen vom Plastik-Recycling zwischen Ästen, am Ufer liegen Zigarettenstummel, daneben Fetzen von Verpackungen. Falsch entsorgter Müll Recycling Das gehört nicht in den «Güsel» ist eine der Quellen für Mikroplastik. Es entsteht unter anderem, wenn Plastik durch Wind, Wetter und die UV-Strahlung zerfällt.

Die Schweiz, ein sauberes Land? Das war einmal

Wie stark unsere Fluss- und Seeufer bereits zugemüllt sind, zeigt der kürzlich erschienene Swiss Litter Report. Freiwillige Helfer haben ein Jahr lang über 100 Uferabschnitte regelmässig gesäubert. Den Müll haben sie akribisch dokumentiert. Danach findet man auf 100 Quadratmetern Uferland im Schnitt 67 Abfallstücke, vom Zigarettenstummel bis zur Spraydose. Zwei von drei Abfallstücken bestehen aus Plastik. Wenn sie liegen bleiben, mutieren sie früher oder später zu Mikroplastik.

Die Schweiz, ein sauberes Land? Das war einmal. Das Forschungsresultat überrascht Studienleiter Moritz Bigalke nicht. Auch nicht, dass man in der Bünzaue am meisten Mikroplastik Waschmaschinen Wie Kleider das Wasser verschmutzen fand. Möriken sei ein stark besiedeltes Gebiet. «Wir haben damit gerechnet, mehr Plastik zu finden, je mehr Menschen im Einzugsgebiet leben», sagt der Geograf.

Das hat nicht nur mit Littering zu tun. Mikroplastik entsteht zum Beispiel auch in der Landwirtschaft, wo Plastikfolien eingesetzt werden. Sie sollen Pflanzen vor Kälte schützen, Feuchtigkeit im Boden speichern und Unkraut im Zaum halten. Immer mal wieder reissen Folienstücke ab, der Wind trägt sie fort. Noch mehr Mikroplastik entsteht durch den Abrieb von Autopneus und der auf die Strassen aufgetragenen Farben. Auch in Deponien lagert Plastik, das sich in immer kleinere Teile zersetzt, aber nie ganz.
 

«Wir gehen davon aus, dass es auf Ackerland noch wesentlich mehr Mikroplastik hat, als wir in den Naturschutzgebieten gefunden haben.»

Moritz Bigalke, Geograf


Hinzu kommt das sogenannte primäre Mikroplastik. Man findet es in Shampoos Haarpflege Bye-bye, Shampoo! , Zahnpasten, Peelings oder Duschgels – oder als Kunstfasern in Kleidungsstücken. Beim Waschen löst es sie heraus, Kläranlagen filtern es nur teilweise. Am Ende landet das Mikroplastik im Klärschlamm, der bis 2006 als Dünger auf die Felder ausgebracht wurde. «Wir gehen davon aus, dass es auf Ackerland noch wesentlich mehr Mikroplastik hat, als wir in den Naturschutzgebieten gefunden haben», sagt Bigalke.

Das Problem wird nach wie vor unterschätzt. An Land gebe es bis zu 23-mal mehr Mikroplastik als in den Ozeanen, schätzen britische Forscher. Allein über den Klärschlamm gelangt jedes Jahr mehr Mikroplastik auf die Felder, als man in den Weltmeeren findet.

In den obersten fünf Zentimetern des Bodens ...

Plastikmüll in der Bünzaue in Möriken AG
... in der Bünzaue in Möriken AG gibt es mehr Mikroplastik als in jedem anderen untersuchten Naturschutzgebiet.
Quelle: Stephan Rappo

Wie schlimm ist das? Die Bilder von verendeten Meeresvögeln mit Mägen voller Plastikteile Kunststoffabfall Der alte Müll und das Meer sprechen für sich. Was mit den Plastikstückchen in der Erde passiert, dazu weiss man hingegen noch wenig.

Die Auswirkungen auf Tiere und Pflanzen an Land sind kaum sichtbar. Sie wurden bisher nur unter Laborbedingungen getestet – zum Beispiel an Regenwürmern. Forscher wollten wissen, was unterschiedlich hohe Dosen Mikroplastik mit ihnen machen. Es zeigte sich: Die Würmer fressen die bunten Teilchen. Das bekommt ihnen nicht gut: Schon bei niedriger Dosierung verursacht das Plastik eine Magenentzündung. Bei sehr hohen Konzentrationen wachsen die Würmer langsamer oder sterben sogar.

Das sind schlechte Nachrichten. Denn Regenwürmer sind wichtig Naturschutz Der Regenwurm ist Tier des Jahres für die Fruchtbarkeit des Bodens, ihr Kot enthält viele wichtige Nährstoffe. Ausserdem graben sie Gänge, die für eine gute Durchlüftung und Verteilung des Wassers sorgen. «Möglicherweise wirkt sich das Plastik in unseren Böden also indirekt auch auf die Ernährungssicherheit aus», sagt Geograf Bigalke.
 

Untersuchungen haben Mikroplastik auch in Regen, Salz, Zucker und Honig nachgewiesen – ausserdem in deutschem Bier.


Ein Forschungsteam der Freien Universität Berlin fand sogar Hinweise auf direkte Auswirkungen. Die Biologen versuchten sich als Salatzüchter und setzten Hydrokulturen an, die sie mit unterschiedlich viel Mikroplastik versetzten. Bei hohen Konzentrationen machte das Grünzeug schlapp, die Salatblätter starben ab. In einem anderen Experiment fanden die Berliner Forscher auch Hinweise darauf, dass Mikroplastik die Mikroben im Boden beeinflusst. Die verschmutzte Versuchserde konnte weniger Wasser speichern, die Mikroben mussten sich daran anpassen.

Giftig ist Plastik in der Regel nicht, aber nicht ungefährlich. Denn es binden sich alle möglichen Schadstoffe daran. So wurde im Genfersee Plastikmüll gefunden, der mit Blei, Cadmium oder Quecksilber verseucht war. Wenn er zerfällt, könnten ihn Fische aufnehmen, die später auf unseren Tellern landen. Viele Plastikprodukte enthalten ausserdem Zusatzstoffe, die je nach Verwendungszweck robuster, weicher oder bunter machen. Viele dieser Stoffe verhalten sich ähnlich wie Hormone. So können sie die Fortpflanzung oder den Stoffwechsel beeinflussen und Diabetes begünstigen, zeigte sich in Tierversuchen.

Plastik sogar in der Luft

«Ich möchte keinen Alarmismus betreiben», sagt Moritz Bigalke. Doch es sei schon erstaunlich, dass man auch in abgelegenen Naturschutzgebieten Mikroplastik im Boden fand, etwa bei Vals oder bei L’Etivaz im Kanton Waadt. Dort stiessen die Berner Forscher fast nur auf Teilchen, die kleiner als ein Millimeter waren. «Es ist unwahrscheinlich, dass sie angeschwemmt wurden. Wir gehen davon aus, dass sie über die Luft dorthin gelangten», sagt Bigalke. In Paris wurde Mikroplastik im Regen und in der Luft drinnen wie draussen bereits nachgewiesen. «Vermutlich atmen wir es auch ein.» Und nicht nur das: Untersuchungen haben Mikroplastik auch in Salz, Zucker und Honig nachgewiesen – ausserdem in deutschem Bier.

Eigentlich verwundert das nicht. Kunststoff ist nicht biologisch abbaubar, und irgendwo müssen die 8,3 Milliarden Tonnen ja geblieben sein, die die Welt seit den fünfziger Jahren produziert hat. Heute werden nur etwa neun Prozent des Plastikmülls Kunststoffabfall Schweiz verbrennt viel zu viel Plastik wiederverwertet und zwölf Prozent verbrannt. Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit waren die grossen Etappen der bisherigen Menschheitsgeschichte, unterdessen sind wir in der Plastikzeit angekommen.

Einige Länder verbieten Mikroplastik in Kosmetika inzwischen. Die EU machte im Frühjahr Schlagzeilen mit einem Verbot von Plastik-Einwegprodukten wie Trinkhalmen oder Wattestäbchen. In der Schweiz kosten Raschelsäckli Plastik-Recycling Nur die Spitze des Abfallbergs an den Kassen der Grossverteiler seit zwei Jahren fünf Rappen – die Nachfrage ist um 80 Prozent geschrumpft.

Von Verboten will der Bundesrat aber nichts wissen. Er setzt auf die Eigenverantwortung der Industrie. Sämtliche parlamentarischen Vorstösse, die auf ein Verbot zielen, lehnte er bisher ab.

«Lesen Sie, was wir beobachten.»

Dani Benz, Ressortleiter

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