«Wenn man Tiere liebt, möchte man lieber keine Pelzfabrik von innen sehen. Doch der aktuelle Pelzboom beschäftigt mich – er hat ein Ausmass angenommen, das mir unerklärlich ist. In den achtziger Jahren war es verpönt, Pelz zu tragen. Man musste damit rechnen, Farbbeutel angeworfen zu bekommen. Damals war Pelztragen ein Privileg der Reichen. Heute gibt es viele Billigjacken mit Pelzkragen. Jeder kann sich das leisten – und tut es offensichtlich auch.

Der Pelzverband Swissfur rechtfertigt das Pelztragen unter anderem damit, dass es vor allem der Rotfuchs sei, dessen Fell verarbeitet wird – und der werde sowieso gejagt. Allerdings sehe ich auf der Strasse kaum je Rotfuchskrägen.

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Ich habe also den Pelzverband um ein Gespräch gebeten. Man hat mir diesen Wunsch erfüllt. Beim Treffen monierten die Verbandsvertreter, dass Tierschützer immer verdeckt arbeiten würden, um aus Pelzfarmen zu berichten. Und dass sie dann die allerschlimmsten Bilder auswählten. Da fragte ich, ob ich denn einmal ganz ­offiziell eine Pelzfarm besuchen dürfe, irgendwo in Europa. Eine, die alle Vorschriften erfüllt und von Swissfur als vorbildlich eingestuft wird.

Ein gewisser Giovanni meldete sich

In der Schweiz gibt es keine Pelzfarmen, weil die Anforderungen für die Wildtierhaltung sehr streng sind. Pelztierhaltung wäre hier völlig unwirtschaftlich. Aber das hält Schweizer nicht davon ab, aus allen möglichen Ländern Pelz zu importieren.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Swissfur eine Farm fand, die mir ihre Tore öffnen wollte. In Deutschland wollte niemand, in Dänemark auch nicht. Schliesslich erklärte sich ein ­gewisser Giovanni bereit, mich zu empfangen – ein Nerzfarmer aus der Lombardei.

Ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde. Ich wusste aber, dass es in Europa keine gesetzlichen Vorgaben zur Haltung von Pelztieren gibt. Es sind lediglich Empfehlungen.

So fuhr ich zu Giovannis Pelzfarm in der Nähe von Mailand und wurde freundlich empfangen. Das rechne ich ihm hoch an. Als ich durch die langen Gänge ging, fiepte es, und unzählige Knopfaugen waren auf mich gerichtet. Rund 5000 Nerze lebten in der Farm, alle in Einzelkäfigen. Mein Besuch fand Anfang Januar statt, etwa einen Monat nach der «Ernte», wie die Tötungen im Fachjargon genannt werden. Normalerweise leben bis zu 20'000 Nerze in den Käfigen.

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Ein Bild aus Italien. In der Schweiz gibt es keine Pelzfarmen, weil die Anforderungen zu streng sind. (Bild: Netap)

Quelle: Christian Schnur

«Ich bin wütend über die Gesetze, die eine solche Tierhaltung erlauben.»

Esther Geisser, Tierschützerin

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Giovannis Tiere haben ein bisschen mehr Raum als die gesetzlich vorgeschriebenen 2250 Quadratzentimeter – das entspricht einer Fläche von knapp vier A4-Blättern. Aber auch hier kennen die Pfoten der Nerze nur Gitterboden, die Exkremente fallen nach unten durch den Rost, der Futterbrei wird von oben auf die Gitterdecke gespritzt. Die Tiere haben zu essen, frisches Wasser, Tageslicht, alles ist recht sauber.

Mir wurde eng ums Herz. Denn Nerze sind Einzelgänger. Sie graben gern, bewohnen in Freiheit riesige Reviere, schwimmen und tauchen mehrere Meter tief. Auch wenn Giovanni alle gesetzlichen Auflagen erfüllt: Das ist kein Leben.

Es erinnerte mich sehr an die Batteriehaltung von Hühnern, die bei uns seit 30 Jahren verboten ist. Wütend macht mich nicht, wie dieser Mann seine Tiere hält. Wütend machen mich die Gesetze, die eine solche Tierhaltung zulassen.

Traurig macht mich zusätzlich der Gedanke an all die anderen über 7000 Tierfarmen in Europa. Denn wenn diese Farm ein Vorzeigebetrieb ist: Wie muss es den Tieren dann in allen anderen Farmen ergehen?

Der Pelz an einer Jacke von «Canada Goose» stammt beispielsweise von einem Kojoten. (Bild: Canada Goose)

Quelle: Christian Schnur
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Legal, aber längst nicht legitim

Ich werde mich noch intensiver mit dem Thema Pelz auseinandersetzen und noch mehr Fakten sammeln. Ich bin Juristin, mir geht es nicht um ­Effekthascherei. Ich will lediglich aufzeigen, was als «normal» oder eben «legal» gilt, deswegen aber noch lange nicht legitim ist.

Ich habe schon viele schreckliche Bilder gesehen bei meiner Arbeit als Tierschützerin, sei es auf Schlacht­höfen oder bei Tiertransporten. Das Leid dieser Pelztiere beelendet mich aber besonders, weil sie einzig für unnötige dekorative Zwecke leiden müssen. Und das auch noch legal.»

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Quelle: Getty Images