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WaldsterbenPanikstimmung im Forst

Ein Vierteljahrhundert nach der grossen Angst vor dem «Waldsterben» steht fest: Der Schweizer Wald ist nicht gestorben – auch dank den damals ergriffenen Massnahmen.

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Der Korrespondent der «NZZ» war schockiert. «Fachkundige Hinweise liessen schütter ge-wor­dene Fichten und Tannen mit einer sogenannten Storchennestkrone erkennen, Bäume, die dem Laien kaum auffallen, für den Förster jedoch vom Tod gezeichnet sind», schrieb er über die Pressekonferenz vom 1. September 1983 im Baanwald bei Zofingen. Bundesrat Alphons Egli sprach alarmierende Worte ins Mikrophon: «Das Waldsterben hat ein Ausmass angenommen, wie wir es bisher gar nicht realisiert haben.»

Dem Katastrophengipfel im Zofinger Forst waren verstören­de Bilder aus Osteuropa vorausgegangen: riesige Flächen mit abgestorbenen Bäumen, wo Jahre zuvor noch scheinbar gesunde Wälder gestanden hatten. Davon aufgeschreckt, konstatierte man bald auch in der Schweiz den Anfang vom Ende des Waldes. Plötzlich galt jeder siebte Baum als krank. Horror­szenarien mach­ten die Runde: Von Alpendörfern war die Rede, die wegen des abgestorbenen Schutzwalds aufgegeben werden müssten, 90'000 Arbeitsplätze im Forst galten als gefährdet, und der Wald als «operativer und Tarnraum» für die Armee drohte wegzufallen. Schuld an dem Debakel, darin waren sich Wissenschaftler, Politiker und Medien einig, war die Luftverschmutzung.
Ein Vierteljahrhundert später ist von der damaligen Weltuntergangsstimmung nicht mehr viel übrig. Man hat sich an «schütter gewordene» Bäu­me – nicht nur Tannen und Fichten, sondern beispielsweise auch Buchen – gewöhnt, ohne deswegen in Panik zu verfallen. 

Natürliches Phänomen

Unbestritten ist, dass viele Bäume unter Stress leiden: wegen Nährstoffmangel, Parasitenbefall, Wurzelfäulnis, Witte­rungs­extremen und Luftschadstoffen – oder wegen der Kom­bination aus mehreren Faktoren. Der Anteil betroffener Buchen und Fichten lag in den vergangen 20 Jahren fast durchwegs innerhalb einer Bandbreite von 10 bis 20 Prozent. «Periodische Pha­sen erhöhter Kronen­verlichtun­gen» jedoch seien «vornehmlich auf Witterung und Fruktuation (Fruchtbildung) zurückzuführen», schreibt das Institut für angewandte Pflanzenbiologie. Was einst als Alarmzeichen Nummer eins galt, stellt sich bei näherer Betrachtung als natürliches Phänomen heraus.

Unbestritten ist aber auch diese Erkenntnis: Die Mitte der achtziger Jahre in aller Eile ergriffenen Massnahmen haben entscheidend dazu beigetragen, dass sich der Zustand des Wal­des nicht weiter verschlechtert hat. «Die Reduktion von Schwefeldioxid im Heizöl und das Katalysa­tor-Obligatorium für Autos waren wichtige Schritte  zur Ver­besserung der Luftqua­lität und damit der Gesundheit des Waldes», sagt ETH-Wald­­­­­­­ökologe Harald Bugmann.

In der Tat brachten die Massnahmen schnelle und nachhaltige Erfolge. Beim Schwefeldioxid etwa sanken die gemesse­nen Werte in städtischen Gebieten von 34 Mikrogramm pro Kubikmeter im Jahr 1988 auf sechs Mikrogramm im Jahr 2007. Auch der Bleigehalt in der Luft nahm drastisch ab: 1991 wurden in städti­schen Gebieten im Jahresdurchschnitt mehr als 250 Nanogramm pro Kubik­meter Luft gemessen, 2007 lag der Wert praktisch bei null.

Lehren der Geschichte

Ein Vierteljahrhundert nach der grossen Waldsterben-Debatte sind sich Wissenschaftler und För­ster deshalb weitgehend einig: «Gestorben» ist der Wald nicht – aber es drohen neue Gefahren, die sich seit einigen Jahren verstärkt haben.

Als grösstes Problem bewerten Fachleute die zunehmende Versauerung des Bodens. Die Diskussion darüber und über die nötigen Massnahmen unterscheidet sich jedoch grundlegend von der hekti­schen Debatte der achtziger Jahre: «Die Wissenschaft hat sich damals in den Medien mit voreiligen Schlüssen selber disqualifiziert», sagt ETH-Professor Bugmann, «diesen Fehler will man nicht noch einmal machen.»

So erhielt er kürzlich eine Anfrage aus New Mexico, USA: Forscherkollegen, die dort das Absterben einer 200'000 Quadratkilometer grossen Waldfläche untersuchen, erkundigten sich, welche Fehler es bei der Publikation der Resultate un­bedingt zu vermeiden gelte.

Veröffentlicht am 22. April 2009