Aktuell (4. Juni 2012)

Der Dokumentarfilm «Der Pakt mit dem Panda» über die Geschäftspraktiken des WWF hat hohe Wellen geworfen. Inzwischen ist von Wilfried Huismann auch ein «Schwarzbuch WWF» (Gütersloher Verlagshaus, April 2012) erschienen, dessen Verbreitung der WWF mit allen Mitteln zu unterbinden versucht. Ebenso haben zahlreiche deutsche Medien – darunter der «Spiegel» – den WWF kritisch hinterleuchtet.

Das folgende Interview wurde im August 2011 publiziert; die angesprochenen Vorwürfe werden nun auch im «Schwarzbuch WWF» und in der Mediendebatte wieder thematisiert.

Der WWF steht derzeit massiv in der Kritik. Grund dafür ist der neue Dokumentarfilm «Der Pakt mit dem Panda», der in der ARD ausgestrahlt wurde und auch auf anderen Sendern gezeigt werden soll. Der Filmemacher Wilfried Huismann suggeriert im Film unter anderem, der WWF sei für die Gentechnik und unterstütze die Abholzung von Urwäldern für die Soja- und Palmölproduktion. Zudem agiere er als grünes Feigenblatt für die Industrie und nehme von Grossunternehmen wie Monsanto Geld an. Der WWF Deutschland schaltete auf seiner Internetseite kurz nach Ausstrahlung des Films eine umfangreiche Stellungnahme auf, in welcher er sämtliche Vorwürfe zu widerlegen versucht und von «ungeheuerlichen Anschuldigungen» spricht.

BeobachterNatur: Herr Huismann, Ihr Film über den WWF hat viel Staub aufgewirbelt. Viele Leute wollen dem WWF kein Geld mehr spenden. War das Ihre Absicht?
Wilfried Huismann: Nein, mein Interesse war es nicht, den WWF zu schwächen. Aber ich wollte den Menschen die Augen öffnen, damit in der Öffentlichkeit eine offene, aber faire Diskussion über die zahlreichen Partnerschaften des WWF mit der Industrie geführt wird. Damit hoffe ich, dass dies beim WWF zu einer Veränderung der Politik führt.

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BeobachterNatur: Der WWF ist aber fest überzeugt, dass er nur mit Industriepartnerschaften Verbesserungen für die Umwelt erreichen kann.
Huismann: Ich bezweifle, dass Partnerschaften mit grossen Unternehmen möglich sind, ohne dass man dabei die eigenen Ziele aufgibt. Der WWF ist viel zu schwach, um bei einem Riesen wie Monsanto etwas zu erreichen. Das ist, wie wenn der Schwanz sagen würde, er wedle mit dem Hund.

BeobachterNatur: Der Film wirkt allerdings sehr einseitig. Warum haben Sie keine sinnvollen Projekte des WWF erwähnt? 
Huismann: Über den WWF hört man in den Medien fast nur Positives. Das ist meiner Meinung nach einseitige PR. Deshalb wollte ich die 43 Minuten des Dokumentarfilms nicht damit verschwenden, all das nochmals zu wiederholen.

BeobachterNatur: Der WWF Deutschland unterstellt Ihnen in seiner Stellungnahme allerdings, Sie würden zahlreiche Unwahrheiten verbreiten.
Huismann: Der WWF kann mit seinen Verleumdungen und Unwahrheiten gerne vor Gericht gehen, dann werden wir sehen, wer Recht hat. Nehmen wir das Beispiel des indonesischen Häuptlings Kasimirus (der im Film den WWF massiv angreift, Anm. der Red.). Der WWF behauptet nun, Kasimirus sei ein Freund des WWF. Das ist aber Unsinn. Wir stehen im Kontakt mit ihm. Er ist nach wie vor der Meinung, dass der WWF die Palmölindustrie unterstützt. Sein Stamm lebt zwar im Nationalpark, aber der WWF hat erreicht, dass dort die Jagd für die indigenen Völker nicht mehr erlaubt ist. Deshalb muss der Stamm nun ausserhalb des Parks jagen, dort wo nun die vom WWF tolerierte Palmölplantage hinkommt.

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BeobachterNatur: Aber weshalb soll sich denn der WWF für neue Palmölplantagen einsetzen?
Huismann: Der WWF ist grundsätzlich für die Energiegewinnung aus Pflanzen. Deswegen beteiligt er sich auch bei der Suche nach Landflächen, die man für die Produktion von Agrotreibstoffen braucht. Es stimmt zwar, dass der WWF bei der Umwandlung von Wäldern versucht, ein paar besonders hochwertige Habitate zu erhalten. Aber weil er sich bei der Ausscheidung der Flächen für neue Plantagen mitbeteiligt, ist er mitschuldig, dass die Wälder zerstört werden. Denn wenn man einverstanden ist, dass ein Prozent des Waldes erhalten werden soll, ist man gleichzeitig mit der Rodung der restlichen 99 Prozent einverstanden. Damit arbeitet der WWF auch gegen die indigenen Völker, die vom Wald abhängig sind.

BeobachterNatur: Sie kritisieren den WWF auch dafür, dass er Mitglied der Runden Tische für nachhaltiges Soja- und Palmöl ist. Der WWF sagt aber, dies sei nötig, um die Konzerne zu mehr Nachhaltigkeit zu bewegen.
Huismann: Das Problem ist ja, dass diese Runden Tische Nachhaltigkeits-Kriterien ausgearbeitet haben, die viel zu schwach sind. Beim Palmöl gibt es auch ein Nachhaltigkeits-Siegel, das aber in Wirklichkeit die Nachhaltigkeit keineswegs garantiert. So wird auf diesen Plantagen zum Beispiel Paraquat eingesetzt, ein extrem giftiges Pestizid des Schweizer Konzerns Syngenta. Der WWF hat dem zugestimmt. Zudem werden wie gesagt für sogenannt «nachhaltige» Palmölplantagen Wälder abgeholzt. Der Agrokonzern Wilmar betreibt sogar Plantagen, auf denen kein Quadratmeter Regenwald mehr steht, und erhält trotzdem das Zertifikat. Das geht, weil man nicht sämtliche Kriterien erfüllen muss, um das Label zu erhalten. Kommt hinzu, dass es keinerlei Konsequenzen hat, wenn die Konzerne gegen die Richtlinien verstossen. Das ist nicht seriös, das ist eine Farce.

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BeobachterNatur: Einverstanden. Aber Sie können doch diese Kritik nicht dem WWF in die Schuhe schieben, nur weil er Mitglied der Runden Tische ist.
Huismann: Der WWF hat diese Runden Tische initiiert und er ist massgeblich an der Festlegung der Standards beteiligt. Er hat sogar zugestimmt, dass auch gentechnisch verändertes Soja das Nachhaltigkeits-Siegel bekommen kann. Und er hat zugestimmt, dass Monsanto am Runden Tisch beteiligt ist. Die Idee der Roundtables mag ja grundsätzlich gut sein. Aber was zählt, ist die Praxis.

BeobachterNatur: Sie behaupten im Film, der WWF unterstütze in einigen Ländern die Gentechnik. Der WWF spricht aber von der «abweichenden Meinung eines Einzelnen». Warum wird das im Film nicht so kommuniziert?
Huismann: Der WWF-Mitarbeiter Jason Clay, der im Film für die Gentechnik spricht, ist nicht irgendwer. Jason Clay verhandelt nämlich im Namen des WWF am Runden Tisch für nachhaltiges Soja. Hier geht es um die weltweiten Standards für nachhaltiges Soja, da kann man doch nicht von einer «Aussenseitermeinung» sprechen. Es ist sicher richtig, dass in der Schweiz und in Deutschland viele WWF-Leute gegen die Gentechnik sind. Für die ist es wohl schwer zu ertragen, was sich auf der Ebene des WWF International am Runden Tisch abspielt.

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BeobachterNatur: Warum durfte der WWF im Film nicht detailliert zu all diesen Vorwürfen Stellung nehmen?
Huismann: Das ist eine Lüge des WWF. Wir haben lange vor Drehbeginn den WWF International besucht und mehrere Gespräche geführt. Der WWF wusste genau, worum es im Film geht, und wir machten ab, dass ich ein Interview führen kann. Leider haben diese Leute irgendwann nicht mehr geantwortet, weder auf Telefone, E-Mails oder Briefe. Auch eine Frau Fleckenstein, die besser Auskunft hätte geben können als Dörte Bieler (Agrotreibstoff-Expertin des WWF, die im Film zur Regenwald-Abholzung Stellung nimmt, Anm. d. Red.), hat eine Stunde vor Interview-Termin einfach abgesagt. Ich kann das alles schriftlich beweisen.

BeobachterNatur: Letzte Frage: Was müsste der WWF Ihrer Meinung nach tun, um die Wälder zu schützen?
Huismann: Er sollte sich ganz einfach auf die richtige Seite stellen. In Indonesien gibt es zum Beispiel eine starke Oppositionsbewegung gegen die Abholzung. Die indigene Bevölkerung und viele lokale Organisationen arbeiten hart gegen die grossen Konzerne. Doch ihnen wird nur wenig geholfen. Das wäre zum Beispiel eine Aufgabe für den WWF.

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Weitere Infos

Stellungnahme WWF Schweiz
Stellungnahme WWF Deutschland
Webseite von Wilfried Huismann

Buchtipp:
Wilfried Huismann: «Schwarzbuch WWF. Dunkle Geschäfte im Zeichen des Panda». Gütersloher Verlagshaus, 255 Seiten, Fr. 29.90