Manchmal zeigt sich die Veränderung nicht im Neuen, sondern in dem, was fehlt. «Als von einem Tag auf den anderen das Rauschen des Bachs nicht mehr zu hören war – erst da wurde mir so richtig bewusst, dass etwas zu Ende war», sagt Konrad Mattli.

Von allen Erinnerungen, die der heute 85-Jährige an den Bau der Staumauer auf der Göscheneralp mit sich trägt, ist diese die stärkste. Die vom Damm gezähmte Göschener Reuss – eigentlich ein Detail angesichts der schieren Wucht, mit der damals, in den fünfziger Jahren, baulich in die Urner Alpen eingegriffen wurde. Nicht für Konrad Mattli, Bauer, Wirt, Strahler, Jäger, Hüttenwart. Ein Bergler wie aus dem Bilderbuch, sein Leben lang verwurzelt mit der Natur und dem Tal, das er nie länger verlassen hat. «Wenn jemand an einem Ort wie diesem lebt, muss er ganz abnormal damit verbunden sein.» Sagts und lacht glucksend in seinen weissen Strubbelbart hinein.

Dieser Ort: der Weiler Gwüest zuhinterst im Göschenertal, gleich unterhalb des begrünten Staudamms. Von November bis April wird die ­Strasse dorthin nicht gepfadet. Dann sind die 15 ständigen Bewohner unter sich, abgenabelt vom Rest der Welt.

Die Bergler lebten als Halbnomaden

Als Bub und junger Mann verbrachte Mattli die Winter noch abgeschiedener, oben auf der Göscheneralp. An Weihnachten zog die Familie mit den sieben Kindern in die Dauersiedlung Hinteralp auf 1700 Meter, dort waren Schule und Kirche. Und die Post – «die war besser als heute». Jeweils im April ging es zurück ins Haus im Gwüest, im Juni wieder hinauf auf die Alp zum Heuen. Elf Familien lebten so. Siebzig Männer, Frauen und Kinder, die von der Landwirtschaft ihr Auskommen hatten und als Bergführer oder Strahler etwas nebenher verdienten. Ethnologen bezeichnen Menschen mit dieser Lebensform als Halbnomaden.

Wer weiss, wie lange es in diesem von den Jahreszeiten geprägten Rhythmus noch weitergegangen wäre, hätten nicht die Centralschweizerischen Kraftwerke (CKW) ein Auge auf die von stotzigen Dreitausendern eingekesselte Göscheneralp geworfen. Die Pläne, das benachbarte Urserental für einen Stausee zu fluten, scheiterten am Widerstand der Bevölkerung. Also suchten die Kraftwerksleute mit dem Segen der Urner Regierung Ersatz – der Aufschwung Mitte des vorigen Jahrhunderts verlangte Strom, den die reichlich verfügbare Wasserkraft liefern konnte. «Es lag etwas in der Luft», erinnert sich Mattli an die Stimmung.

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1950 führte die CKW erste Sondierbohrungen durch. Nun wussten die Leute vom Alpdörfli, was ihnen blühte: Ihr vertrauter Lebensraum sollte dem Fortschritt weichen. Eine Auflehnung gegen diese Pläne, wie drüben im Urserental, unterband der schlimme Lawinenwinter von 1951. Noch 65 Jahre später ruft Konrad Mattli die lokale Schadensbilanz aus dem Kopf ab: zwei Wohnhäuser weg, 12 Ställe, 105 Tiere verloren. Einmal sei der Ausläufer einer Lawine bis ins Schulhaus gelangt, und nur weil der Kaplan an diesem Morgen nicht eingeheizt hatte, seien keine Kinder im Klassenzimmer ge­wesen. «Die Menschen sind davon­gekommen, Gott sei Dank!»

Aber die Bewohner der Göschener­alp waren angeschlagen. Nach den Verwüstungen wurden die Bewohner evakuiert und lebten bis im Frühling unten in Göschenen Dorf. Dort besuchten sie Abgesandte der Kraftwerksbauer. Sie hatten leichtes Spiel.

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«Es gab nicht einen Abschied. Es war jeden Tag ein bisschen Abschied.»

Konrad Mattli, Bergler

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«In kürzester Zeit kauften sie zwei Drittel des Geländes auf der Alp, den sie für den Stausee brauchten», erzählt Mattli. Die Not durch den Verlust von Haus und Vieh liess den Bergbauern keine andere Wahl, als ihren Boden herzugeben. 20 Rappen gab es für den Quadratmeter unproduktives Land.

Mit der Verlängerung der Strasse zur Baustelle begann die langsame Ausräumung der bewohnten Göscheneralp. Nach und nach wurden alle Häuser abgerissen. Die Erstellung der Mauer dauerte bis 1960. Erhalten geblieben sind nur das Schulhaus, das in Göschenen wieder aufgebaut wurde, und Teile der Kapelle. Der Barockaltar von 1724 befindet sich heute in der Kapelle zur schmerzhaften Mutter im Gwüest, einen Steinwurf von Konrad Mattlis Haus entfernt.

An seinen allerletzten Tag im Haus oben auf der Alp kann er sich nicht mehr erinnern. «Wir waren ja fortlaufend am Aufräumen und am Zügeln», sagt er. «Darum gab es nicht einen Abschied. Es war jeden Tag ein bisschen Abschied.» Stärker haften geblieben ist ihm der Tag, als die erste Familie die Hinteralp für immer verliess, das war 1953. Der Anfang vom Ende war schlimmer als das Ende selber.

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Nur eine Familie verliess Uri ganz

Die Mattlis gehörten zu den letzten, die 1956 weggingen und ganzjährig in ihrem zweiten Zuhause im Gwüest sesshaft wurden. Die meisten der Umgesiedelten blieben in der Nähe, nur eine Familie zog es vor, dem Tal und sogar dem Kanton Uri den Rücken zu kehren.

Konrad Mattli hat an diese Möglichkeit nie gedacht, nicht eine Sekunde lang. «Alle in unserer Familie haben hier Arbeit gefunden. Warum hätten wir weggehen sollen?» Zwei der Brüder sahen für das Kraftwerk, das sie von der Alp vertrieben hatte, als Dammwärter zum Rechten. Bergler sind pragmatische Leute.

Auch Mattli hat nie wirklich Groll verspürt über das, was geschehen ist. Das sei der Lauf der Geschichte, längst abgehakt. Die Gegenwart hat ihm genug zu bieten. Gern steht er in der Werkstatt, um zu schreinern. Gärtnert ein bisschen. Geht hinüber auf einen Schwatz ins Gasthaus Göscheneralp, wo er und seine Familie lange gewirtet haben. Nur eines werde er nicht noch einmal tun: seine Scholle verlassen.

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Zum Abschied fragt er den Besucher, woher er komme. «Stadt Zürich.» – «Ou», bedauernd, im Sinn von ­«arme Cheib». Er sei auch schon dort gewesen, das sei nichts für ihn. «In der Stadt wäre ich jedenfalls nicht 85 geworden», sagt Konrad Mattli. «Das isch öppe sicher.»

  • Wandertipp: Rundtour um den Stausee (Dauer 3½ Stunden). Der Weg um den künstlichen See ist ein landschaftliches Spektakel: stille Moore, mächtige Berge und Gletscher, das türkisblaue Wasser. Start und Ziel bei der Göscheneralp auf knapp 1800 Meter. 
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Sihlsee SZ: Der Grösste



Der Sihlsee bei Einsiedeln ist der Schweizer Stausee der Superlative: mit 10,8 Quadratkilometern flächenmässig der grösste – und jener mit am meisten betroffenen Bewohnern. Über 1700 Personen waren von der 1937 vollzogenen Anlegung des Gewässers existenziell betroffen, meist Bauern, die ihr Land verloren. 500 von ihnen lebten direkt im Gebiet des künftigen Sees und mussten umziehen; etliche kehrten ihrer heimatlichen Scholle aus Ärger ganz den Rücken und wanderten in die USA aus. Neben Wohnhäusern, Scheunen und Ställen verschwanden auch 179 Torfstecherhütten, die das ausgedehnte Voralpental zuvor prägten.
 

  • Wandertipp: Panoramaweg Sihlsee (Dauer 2:15 Stunden). Der Themenweg beginnt bei den Stallungen des Klosters Einsiedeln und bietet an neun Informationsstationen Wissenswertes zu den Kontrasten zwischen gestern und heute. Zwei der Themen sind der Stauseebau und die Umsiedlungen.


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Gegen eines wehrten sich die Leute von Marmorera dann doch: dass der Friedhof einbetoniert und dem See überlassen werden sollte. Ansonsten fügten sie sich den wirtschaftlichen Zwängen und traten den Strombaronen aus Zürich, die am Julier ein Kraftwerk bauen wollten, ihr Land ab. Das alte Dorf mit Kirche, 29 Wohnhäusern und 52 Ställen wurde zerstört, knapp 100 Personen verloren ihr Heim. Einige verliessen das Tal, andere zogen ins neu gebaute Dorf oberhalb der Passstrasse – und nahmen ihre Verstorbenen vom alten Friedhof mit. 2007 wurden die lokalpolitischen Konflikte rund um die Flutung im Thriller «Marmorera» verfilmt.

  • Wandertipp: zu den Hochmooren der Alp Flix (Dauer 2½ Stunden). Aufstieg vom «neuen» Dorf Marmorera durch lichten Lärchenwald. Bei Salategnas beginnt die Höhenwanderung auf rund 2000 Metern über die Terrasse der Alp Flix mit ihrer Walsersiedlung. Ab Plan da Crosch wieder hinunter nach Rona.
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Mit 14 Kilometern ist der Lac de la Gruyère in den Freiburger Voralpen der längste Speichersee der Schweiz. Der Bau der Talsperre bei Rossens wurde 1948 abgeschlossen, dann das dahinterliegende Wiesland geflutet. Rund 150 Bewohner wurden umgesiedelt, 64 Gebäude versanken. Unter Wasser ist seither auch die Pont de Thusy, eine 1544 erbaute Steinbogenbrücke, die über die Saane führte – zumindest hier war der Röstigraben einst also schmaler. Vieles ist im See verschwunden, etwas aber auch neu entstanden: Die historische Stätte von Ogoz mit zwei Burgen und einer Kapelle ist heute eine romantische Insel.

  • Wandertipp: Ausflug zu archäologischen Entdeckungen (Dauer 2½ Stunden). Pfad am Westufer zwischen Marsens und Vuippens, vorbei an Schlössern, Kapellen und Höfen. Ein Höhepunkt sind die Fundstücke eines gallorömischen Tempels, der dem Mars Caturix gewidmet war, dem helvetischen Kriegsgott.
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Das Dorf Zervreila, eine Maiensäss-Siedlung auf rund 1800 Meter über Meer, verschwand 1957 von der Landkarte. In jenem Jahr wurde nach der Fertigstellung einer 151 Meter hohen Bogenstaumauer der Zervreilasee aufgefüllt. Die Siedlung oberhalb des Bündner Dorfs Vals wurde nicht mehr neu aufgebaut. Heute haben einzig Besucher des Gasthauses Zervreila beim Staudamm noch einen Gout vom Original: Das Restaurant wurde 1960 aus Holz von Häusern des untergegangenen Dorfs gebaut. Umgekehrt diente die neue Staumauer, insbesondere ihr Inneres, dem Architekten Peter Zumthor als Inspiration beim Entwurf der Therme Vals.

  • Wandertipp: Höhenweg Gadastatt–Zervreila (Dauer 2¼ Stunden). Ein Auf und Ab durch eine schöne Moorlandschaft mit reicher Alpenflora und prächtiger Aussicht auf die Berglandschaft rund um das Ampervreilhorn auf der anderen Talseite. Start bei der Gondelbahn unten in Vals, zurück fährt ein Postauto.
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  • Hinweis: Multimediale Zeitgeschichte
    Die Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde beleuchtet auf einer neuen Website in Bild, Text und Ton historische und soziale Aspekte von elf Staudammbauten zwischen 1920 und 1965: www.verschwundene-taeler.ch.

Bilder: Hanna Jaray (Beobachter), Staatsarchiv Uri, Martin Steiner («Alte Göscheneralp»), Karl Hensler (Einsiedeln), Getty Images, Klosterarchiv Einsiedeln, RDB, Nico Schärer (Swiss-Images), Ernst Brunner (Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde), Photo Glasson Musée Gruérien Bulle, La Gruyère Tourismus, Foto-Geiger (Flims-Waldhaus)/ETH-Bibliothek Zürich, Gian Ehrenzeller (Keystone).

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