Beobachter: Frau Widmer, wie haben Sie die Wechseljahre erlebt?
Regina Widmer: Ich hatte vor einem Jahr meine letzte Blutung. Unter Wallungen und Schweissausbrüchen habe ich zuvor nur ein paar Monate lang gelitten. Phytotherapie, Mittel aus der Pflanzenheilkunde, haben mir geholfen. Ich dachte schon: Glück gehabt, ich habe das Ganze glimpflich überstanden. Mal abgesehen davon, dass ich noch immer schlecht schlafe. Dann aber nahm ich innert kürzester Zeit einige Kilo zu. Mein Körper ist nicht mehr, wie er war. Ich erlebe jetzt genau das, was mir viele Frauen berichten, wenn sie in meine Praxis kommen. Sie greifen sich an den Schwimmring am Oberbauch und ­fragen nach einem wirksamen Mittel, ihn wieder loszuwerden. Auch ich kämpfe dagegen an, und ich muss ehrlich sagen: Es nervt mich ungeheuerlich.

Beobachter: Gewichtsprobleme, Hitzewallungen, Stimmungs­schwankungen, Konzentrationsschwäche, Schlafstörungen – verursachen Wechseljahre zwangsläufig derartige Beschwerden?
Regina Widmer: Nein. Schätzungsweise ein Drittel der Frauen spürt während der hormonellen Umstellung keine körperlichen oder psychischen Symptome. Irgendwann haben sie die letzte Blutung – und das wars. Ein weiteres Drittel hat leichte, das letzte Drittel hingegen starke Beschwerden. Aber hier müssen wir aufpassen: Viele Beschwerden werden den Wechseljahren zugeschrieben, aber nicht alle haben damit tatsächlich zu tun. Rheuma, Schilddrüsen- oder Herzprobleme können andere Ursachen haben und sollten un­bedingt abgeklärt werden.

Beobachter: Warum wurden Wechseljahre lange Zeit gleichgesetzt mit einer Krankheit, die man unbedingt behandeln muss?
Regina Widmer: Die Pharmaindustrie hatte ein Interesse daran. Sie pries die Hormontherapie als Allheilmittel gegen das Altwerden – und gegen jene Krankheiten, die damit verbunden sind.
Ruth Jahn: Die vorherrschende Meinung war lange Zeit: Frauen, die keine Hormone einnehmen, tragen ein erhöhtes Risiko für diverse Altersgebrechen. Die Therapie wurde deshalb pauschal präventiv verschrieben, sogar gegen geistigen Zerfall. Ein grundsätzliches Umdenken setzte erst vor zirka elf Jahren ein. Aufgrund diverser Studien musste die Nutzen-Risiko-Bilanz der Hormontherapie revidiert werden. Der erhoffte präventive Nutzen schrumpfte fast ganz. Es traten im Gegenteil Fälle von Brustkrebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ans Licht.

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Wechseljahre: Mittel aus der Pflanzenheilkunde

Schweissausbrüche, Wallungen: Salbei – als Tee, Tropfen oder Pillen – wirkt schweisshemmend und soll zudem Hormonschwankungen ausgleichen. Bewährt gegen Wallungen und Verstimmungen ist die Trauben­silberkerze. Extrakte aus dem Wurzelstock gibt es als Tabletten und Tropfen. Stimmungsschwankungen, Nervosität: Versuchen Sie es mit Johanniskraut, einer Kardinalheilpflanze der Wechseljahre – als Tee, Tropfen oder Pillen. Trockenextrakt von Mönchspfeffer ist ein probates ­Mittel, wenn sich die Hochs und Tiefs zusammen mit anderen prämenstruellen Beschwerden wie schmerzende Brüste bemerkbar machen. Das blühende Kraut des Muskatellersalbeis soll nervenstärkende, stimmungsaufhellende und aphrodisierende Wirkung haben. Konzentrationsstörungen: Wieder bei der Sache bleiben und dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen – Extrakte aus Blättern des Ginkgobaums sollen es möglich machen. Die heimische Alternative ist Hafer. Tee aus dem Kraut wird auch gegen Schlaflosigkeit empfohlen. Aufmerksamkeit und Erinnerungsvermögen lassen sich darüber hinaus mit Ginseng, Rosenwurz und Taigawurzel steigern. Schlafstörungen: Hopfen wirkt beruhigend und entspannend. Er ist in vielen Teemischungen enthalten. Am besten spätestens eine Stunde vor dem Zubettgehen trinken. Das Kraut von Passionsblumen, Lavendel-, Kamillen- und Orangenblüten, Melissenblätter, Baldrian- oder ­Ginsengwurzel – auch das sind gute Mittel für seligen Schlummer. Ausführliche Liste mit geeigneten Präparaten
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Beobachter: Inwieweit können es Frauen selbst beeinflussen, dass sie ohne Beschwerden durch die Wechseljahre kommen?
Regina Widmer: Nur bedingt. Bei den einen läuft der Wechsel milde ab, bei den anderen heftig.

Beobachter: Müssen sich Frauen ab Mitte 40 also in ihr Schicksal fügen?
Regina Widmer: Frauen meistern diese markante Lebensphase sicher besser, wenn sie sich mit den Veränderungen und dem Älterwerden auseinandersetzen. Wechseljahre und Menopause bieten sich darüber hinaus an für eine Standortbestimmung: Was habe ich erreicht in meinem Leben? Was will ich noch erreichen? Was kann ich Neues lernen? Woraus Kraft schöpfen? Aber ich wehre mich gegen Aussagen wie: Hätte sie eine positivere Einstellung, wären ihre Beschwerden weniger schlimm. Das hiesse ja, die Frauen haben es selbst verschuldet, wenn sie stark leiden.
Ruth Jahn: Befragungen haben jedoch gezeigt, dass Frauen mit ausgeprägten Wechseljahrsymptomen generell das Gefühl haben, ihre Gesundheit und ihr Wohl­befinden wenig beeinflussen zu können.

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Beobachter: Die Wechseljahre sind ein natürlicher und ­normaler Vorgang. Widmen wir dem Thema nicht zu viel Aufmerksamkeit?
Regina Widmer: Das ist leicht gesagt, wenn man keine Beschwerden hat…
Ruth Jahn: Darüber reden ist wichtig. Und zwar rechtzeitig. So haben Frauen genügend Zeit, sich mit dem Wechsel anzufreunden. Viele ab Mitte 40 wollen nicht wahrhaben, dass sie bald in die Wechseljahre kommen – sie verdrängen das komplett. Ich merke das in meinem Umfeld: Spreche ich offen über meine Prä-Menopause, die sich mit stärkeren Blutungen und stotterndem Zyklus zeigt, werde ich meist erschrocken angesehen. Dieses Verdrängen kommt nicht zuletzt daher, dass die Wechseljahre einen schlechten Ruf haben, noch immer mit Verlust und Zerfall gleichgesetzt werden. Die alternde, nicht mehr attraktive Frau, die keine Aufgabe mehr hat, weil sie Männern nicht mehr gefällt und die Kinder ausgezogen sind. Das Bild hält sich hartnäckig, ist aber überholt.

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Beobachter: Warum?
Ruth Jahn: Weil Kinder heute das Elternhaus später verlassen. Sie nutzen die Infrastruktur daheim, können auf tolerante und verständnisvolle Väter und Mütter zählen. Volles Haus statt leeres Nest also. Wenn das Nest dann leer ist, leiden zudem die Väter stärker. Denn die Mütter sind es, die auch später engen Kontakt zu ihren Kindern pflegen. Ausserdem gibt es die typische Frau in den Wechseljahren nicht. Die eine lässt sich nach 20 Ehejahren scheiden, die andere hat nie geheiratet und keine Kinder. Viele stehen mitten im Beruf, andere steigen wieder ins Berufs­leben ein. Die einen Frauen haben bereits Söhne und Töchter um die 30 und sind Grossmütter. Andere haben halbwüchsige Kinder oder welche im Schulalter – ich bin 47, und meine Tochter ist jetzt acht. Gemeinsam ist diesen Frauen aber, dass sie meist noch mehrere Lebensjahrzehnte vor sich haben, und diese Zeit wollen sie nutzen und geniessen.

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Beobachter: Bewusst wahrnehmen, dass sich im Körper etwas ändert, sich dennoch nicht krank und alt reden lassen – wie schaffen Frauen diese Gratwanderung?
Ruth Jahn: Einfach ist es nicht. Die Medizin hat die Wechseljahre jahrzehntelang vereinnahmt – das hat Spuren hinterlassen. Es hat dem Selbstverständnis und dem Ansehen älterer Frauen geschadet und erschwert es ihnen, sich mit 50 und danach gesund und rundum gut zu fühlen. Die Frauen müssen einem unfairen Wertmass trotzen, wonach sie im Alter unattraktiv, Männer jedoch begehrenswerter werden. Frauen, die es aber schaffen, sich von solchen sozialen Normen nicht entmutigen zu lassen, finden sich auch mit Lesebrille und Wallungen liebens- und begehrenswert. Sie stehen zu ihrer körperlichen Reife. Und sie schöpfen aus einem reichen Fundus an sexuellen Erfahrungen, was sie oft auch ihre Lust neu erleben lässt.
Regina Widmer: Ich bin der Ansicht, diese Gegenbewegung gibt es bereits – Jugendwahn hin oder her. Wir haben heute mehr Vorbilder als unsere Mütter. Wir können uns orientieren an reifen Frauen, die ­selbstbewusst und schön sind und bei denen man denkt: Alle Achtung, so will ich im Alter auch sein.

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