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TourismusGibt es ein Mittel gegen nervigen Massentourismus?

Der Widerstand gegen den Massentourismus wächst – auch in der Schweiz. Hans Weber von der Alpenschutzkommission Cipra sagt, was getan werden müsste.

Nicht immer teilen Einheimische die Freude: Touristen auf dem Jungfraujoch.
von aktualisiert am 03. Juli 2018

Beobachter: Müssen Sie als Präsident der Cipra in den Ferien in die Alpen?
Hans Weber: Nein. Im Frühling war ich eine Woche am Mittelmeer, im französischen Städtchen Sète. 

Beobachter: Und selbstverständlich sind Sie mit dem Zug angereist?
Hans Weber: Ich fliege fast nie. Nachhaltigkeit beim Reisen ist mir wichtig. Die enorme Mobilität im Tourismus schadet der Umwelt am meisten und sorgt auch sonst für Ärger.

Beobachter: Wie in Palma de Mallorca, Barcelona, Amsterdam oder Venedig. Dort gehen die Einheimischen auf die Strasse und protestieren gegen die Massen von Touristen. Verstehen Sie den Unmut?
Hans Weber: Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Tourismus polarisiert, es profitieren lange nicht alle. Die Frage ist: Wie können Tourismus und Lebensqualität einander ergänzen?

Beobachter: Wie denn?
Hans Weber: Man muss genau analysieren, was der Grund des Widerstands gegen den Tourismus ist. Ist es reine Fremdenfeindlichkeit, finde ich das nicht gerechtfertigt. Geht es aber darum, dass die Umwelt leidet oder grosse soziale Nachteile resultieren, verstehe ich den Widerstand.

Beobachter: Welche Nachteile im sozialen Bereich meinen Sie?
Hans Weber: Die schlechtere Luftqualität zum Beispiel, die verstopften Strassen. In Tourismuszentren wie Zermatt können viele Einheimische die hohen Mieten nicht mehr zahlen, geschweige denn Bauland für ein Haus kaufen. Die Preise sind einfach zu hoch. Das zeigt sich ja auch im Ärger über Airbnb. In Palma de Mallorca wurde das Modell der Kurzzeitvermietungen verboten Wohnung vermieten Airbnb läuft nicht mehr so luftig . Der Tourismus sollte immer im Dienst der Bevölkerung stehen. Wenn er das nicht mehr tut, müssen Massnahmen getroffen werden.

Hans Weber im Potrait

«Im Wallis trauten sich die Gegner der Olympischen Spiele kaum, öffentlich zu reden.»

Hans Weber, 60, ist Kulturingenieur und Geschäftsleiter von Cipra Schweiz. Die Internationale Alpenschutzkommission Cipra ist eine nicht staatliche Dachorganisation mit über 100 Mitgliedsorganisationen im gesamten Alpenraum. Sie setzt sich ein für eine nachhaltige Entwicklung in den Alpen und für die Erhaltung des Natur- und Kulturerbes. Hans Weber hat den ersten Naturpark der Schweiz mit aufgebaut, den regionalen Park Thal im Solothurner Jura. Weber lebt und arbeitet in Langenbruck BL. Seine Hobbys sind Wandern und Gärtnern.

Beobachter: Was für Massnahmen?
Hans Weber: Man kann etwa Parkplätze Verkehr Das grosse Parkplatz-Abc und Zufahrtswege beschränken, eine Art der Besucherlenkung. Und die Bevölkerung kann sich wehren gegen den Bau weiterer Bahnen mit noch grösseren Kapazitäten. Oft werden solche Betriebe ja von der öffentlichen Hand unterstützt, da hat das Volk ein Mitspracherecht. Die Politiker müssten sich mehr für die Einheimischen einsetzen. Im Wallis trauten sich die Gegner der Olympischen Spiele Sion 2026 Die Hochrisiko-Spiele kaum, öffentlich zu reden. Der Druck war enorm. Ähnliches haben wir auch in der Jungfrauregion erlebt. Da wagte kaum jemand, gegen den Ausbau der Bahn zu protestieren, die ja vor allem von ausländischen Touristen genutzt wird.

Beobachter: Wenn aber die Willkommenskultur in offene Ablehnung umschlägt, bekommen alle ein Problem. Gerade die Bergregionen, die stark vom Tourismus abhängen. Wie kann man Täler und Berge schützen und zugleich viele Touristen anlocken?
Hans Weber: Die Randgebiete, also die abgelegenen Täler, sollten voll auf naturnahen Tourismus setzen, nicht auf Massen. Angebote im Gesundheits- und Bildungsbereich sind gute Ergänzungen, die einen sinnvollen Ganzjahrestourismus fördern können.

Beobachter: Das klingt jetzt simpel. Es hängen sehr viele Arbeitsplätze vom Tourismus ab.
Hans Weber: Wir haben vor zwei Jahren das Projekt Innovationsgenerator gestartet. Dabei geht es darum, nachhaltige neue Tourismusideen zu suchen. Es wurden 50 Ideen eingereicht. Vier wurden prämiert und haben einen finanziellen Beitrag für die Realisierung erhalten. Erwähnen möchte ich das Projekt «Alpine Sabbatical». Dabei sollen Städter, die eine Auszeit nehmen, in der Zwischensaison leerstehende Zweitwohnungen nutzen und dabei auch ihre Arbeitskraft vor Ort einbringen. Das soll den Austausch zwischen Stadt und Land fördern. Eine gewinnbringende Situation für beide, die erst noch das gegenseitige Verständnis fördert.

 

«Abgelegene Täler sollten voll auf naturnahen Tourismus setzen, nicht auf Massen.»

Hans Weber, Geschäftsleiter von Cipra Schweiz

 

Beobachter: Das ist nötig. In St. Moritz etwa fühlen sich viele Einheimische schon länger als «Bürger zweiter Klasse». Sie finden kaum mehr bezahlbare Wohnungen Immobilienmarkt Das läuft auf dem Wohnungsmarkt schief .
Hans Weber: St. Moritz ist ein Extremfall. Vielleicht müssen wir einfach akzeptieren, dass es Orte in der Schweiz gibt, wo die geballten Interessen der vermögenden Touristen Vorrang haben – zum Glück sind es nur wenige. Wir müssen dafür sorgen, dass das nicht auf die restlichen Regionen übergreift.

Beobachter: Viel Tourismus und trotzdem eine hohe Lebensqualität für Einheimische – ist das nicht eine Illusion?
Hans Weber: Vorbildlich ist die Ortschaft Lech im österreichischen Vorarlberg. Lech ist ein Hotspot für betuchte Gäste, insbesondere im Winter. Wegen der enormen Konzentration auf die Touristen rückte die «innere» Entwicklung der Bevölkerung in den Hintergrund. Viele Junge wanderten ab, die Einheimischen fühlten sich zunehmend verloren und unwohl. Wie in St. Moritz. Sie gründeten deshalb vor fünf Jahren die Initiative Netzwerk Lech, die sich an die ständige Wohnbevölkerung richtet. Ziel ist, die Lebensqualität zu verbessern. Es wurden kulturelle Anlässe initiiert, Kochkurse und Mittagstische für Senioren eingerichtet. Diese Initiative hat etwas bewirkt und könnte vielleicht in ähnlicher Form auch im Engadin funktionieren.

Beobachter: Was wäre sonst noch wichtig?
Hans Weber: Sanfte Mobilität muss gefördert werden, also mehr Velowege und Angebote des öffentlichen Verkehrs. Ein Leuchtstern in diesem Bereich ist – wiederum in Österreich – Werfenweng im Salzburger Land, das voll auf Entschleunigung setzt. Dank zahlreichen Alternativen braucht dort niemand ein Auto. Nur nachhaltiger Tourismus hat Zukunft.

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Birthe Homann, Redaktorin

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