Der Churer Stadtrat Tom Leibundgut zeigt von seinem Sitzungszimmer auf die Altstadt. «Alte Häuser haben eine Seele. Ich finde sie wunderschön.» So sehr, dass er sich vor ein paar Jahren daran störte, dass ein Nachbar seine hölzernen Fensterläden durch pflegeleichte Aluminiumläden ersetzen wollte. Der Bauvorsteher zog bis vor Bundesgericht – und verlor.

Auch etwas anderes stört ihn: die geplante Solaranlage auf einem Einfamilienhaus im Stampagarten. Das Churer Quartier ist im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder aufgeführt und die betroffene Siedlung als «erhaltenswert» klassifiziert. Acht Jahre lang wehrte sich Leibundgut gegen die Bewilligung.

Doch wie bei den Fensterläden wurde Stadtrat Leibundgut erneut in seinem Eifer zurückgepfiffen. Dieses Mal nicht von Bundesrichtern, sondern von seinen beiden Kollegen im Stadtrat. «Ich war wohl mehr Denkmalpfleger als die Denkmalpflege», sagt er rückblickend.

Seit 2011 ist Chur eine Energiestadt. Investitionen in erneuerbare Energien sind ausdrücklich erwünscht. Trotzdem sagt Leibundgut: «Ich gewichte die Interessen des Denkmalschutzes höher als die der Energiewende.»

Tausende Franken Anwaltskosten

Für Hausbesitzer Werner Glünkin bedeutet das: Um seine Solaranlage bewilligt zu bekommen, musste er Tausende Franken Anwaltskosten zahlen und in acht Jahren drei Mal vor Gericht gehen. «Ich möchte einfach einen Beitrag zur Energiewende leisten», sagt er. Eine Wärmepumpe hat er bereits. Die Solaranlage soll den Strom dazu liefern.

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Es wäre wohl einfacher gewesen, die alte Gasheizung zu ersetzen. Dafür hätte er einen Investitionsbeitrag vom lokalen Energieversorger erhalten. Rein finanziell lohne sich die Solaranlage wahrscheinlich nicht. «Er macht es aus Überzeugung, das muss ich ihm lassen», sagt selbst Stadtrat Leibundgut.

Viele Energiestädte gewichten erneuerbare Energien stärker als denkmalpflegerische Bedenken. Zum Beispiel Dietikon ZH. «Als Energiestadt begrüssen wir es sehr, wenn Solaranlagen gebaut werden. Wir sind darum gewillt, auch Solaranlagen in inventarisierten Gebieten zu bewilligen», so der Dietiker Bausekretär, Beat Frischknecht.

Chur hingegen schrieb Glünkin auf sein erstes Baugesuch: Die Solaranlage, die eine gesamte Dachhälfte bedecke, würde das «einheitliche Erscheinungsbild» des Quartiers «wesentlich beeinträchtigen». Zudem hätte dies eine «präjudizierende Wirkung» auf ähnliche Schutzobjekte. Die Stadt lehnte das Gesuch ab.

Das gehe so nicht, urteilten die kantonalen Verwaltungsrichter ein Jahr später. Nach einem Augenschein vor Ort lautete ihr Verdikt: «Die ästhetischen Bedenken der Stadt sind zwar nicht gänzlich unbegründet, jedoch auch nicht derart gewichtig, dass einer solchen Anlage auf keinen Fall zugestimmt werden könnte.» Sie bemängelten, dass Alternativen zu einem Solaranlagenaufbau nicht geprüft wurden und die Baukommission «jegliche Bewilligung ohne Begründung» abgelehnt habe. Glünkins Rekurs wurde gutgeheissen.

«Ich ging zufrieden nach Hause und dachte, es komme nun gut.»

Werner Glünkin, Hausbesitzer

In der Folge suchte er das Gespräch mit Stadtrat Leibundgut. «Ich wollte mit ihm besprechen, welches Baugesuch für ihn in Ordnung wäre.» Es war ein Gespräch ohne Protokoll – und blieb den Beteiligten unterschiedlich in Erinnerung.

«Ich ging zufrieden nach Hause und dachte, es komme nun gut. Er gab mir sein Einverständnis für eine vollflächige Solaranlage», sagt Glünkin. Leibundgut erzählt dagegen: «Ich war lösungsbereit. Aber es kann nicht sein, dass eine Seite die Hosen runterlässt und die andere nur den Reissverschluss öffnet.» Er räumt aber ein: «Das Problem war damals, dass es keine Solaranlage gab, die ich akzeptiert hätte.»

Neue Hoffnung

In der Folge lehnte die Stadt Chur auch das zweite Baugesuch ab. Glünkin akzeptierte das nicht und zog den Fall vor die Bundesrichter. Dort unterlag er im Herbst 2016. Die Stadt Chur habe ihren rechtlichen Spielraum ausgenutzt, aber nicht überschritten.

Doch damit war der Streit nicht zu Ende. Eine technische Innovation gab Glünkin neue Hoffnung: terrakottafarbene Solarziegel. Sie sind zwar deutlich teurer als herkömmliche Solarpanels, dafür aber denkmalpflegekonform. Dank ihrer Farbe sind sie kaum von normalen Ziegeln zu unterscheiden.

Um sicherzugehen, liess sich Werner Glünkin vom kantonalen Denkmalpfleger, Simon Berger, schriftlich bestätigen, dass die Solarziegel denkmalpflegekonform sind. In einer Mail, die auch an die Churer Baukommission ging, schrieb der Denkmalpfleger: «Für mich stimmen die Details, und ich bin gespannt, wie es ausgeführt aussehen wird. Ich gehe davon aus, dass es für euch auch passt?»

Aber Stadtrat Leibundgut passte es nicht. «Ich wollte noch bessere, noch kleinere Terrakotta-Solarziegel», sagt er und gibt zu: «Ich wusste, dass der Bauherr wieder rekurrieren würde.» Doch nun wurde es Leibundguts Stadtratskollegen zu bunt. Gegen den Willen des Bauvorstehers bewilligten sie kürzlich die Solaranlage.

Wann sie gebaut wird, ist noch offen. Wegen der letzten Rekursverzögerung werde es wohl nächstes Jahr, sagt Glünkin. Klar ist: Es wird eine Premiere werden. Dank der neuartigen terrakottafarbenen Solarziegel kann erstmals eine Solaranlage trotz denkmalpflegerischer Bedenken gebaut werden. David Stickelberger, Geschäftsleiter des Fachverbands Swissolar, ist froh darüber, er sagt: «Das ist ein bedeutender Schritt für die Solarenergie.»

Lange zu schützenswert für den Bau einer Solaranlage

Stampagarten-Quartier in Chur

Stampagarten-Quartier in Chur
 

Quelle: Pascal Mora

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