Promenade» heisst der breite Weg quer durch die Bieler Wohnsiedlung Les Amis. Er erschliesst die sechs kleinen Mehrfamilienhäuser der Baugenossenschaft Narcisse Jaune mit total 66 Wohnungen, die hier locker verteilt stehen. 

Die «Promenade» ist nicht nur ein Weg, sondern auch eine ideale Spielfläche für die Kinder. Auf der 100 Meter langen, autofreien Strecke können sie gefahrlos mit Kickboards, Rollschuhen oder Velos herumflitzen. 

Wenn diesen Frühling die sechs Häuser der zweiten Bauetappe bereit zum Bezug sind, wird die Promenade sogar doppelt so lang sein. Auch sonst kommen Kinder hier auf ihre Kosten. Sie können sich frei auf den Wiesenflächen zwischen den Häusern bewegen und haben zwei Spielplätze zur Wahl. 

«Mehr gemeinschaftliches Leben.»

Die Umgebung gefällt auch Helena, 6, und Linda, 4. Sie wohnen mit ihren Eltern Kathrin und Dieter Winkelhausen seit zwei Jahren in einem Haus der ersten Etappe. Vor dem Umzug lebte die Familie in der Nähe von Solothurn im eigenen Einfamilienhaus. 

Die Winkelhausens entschieden bewusst, in die Bieler Genossenschaftssiedlung zu ziehen: «Wir haben uns mehr gemeinschaftliches Leben gewünscht. Und eine Umgebung, in der unsere Töchter mit vielen anderen Kindern aufwachsen können», sagt Kathrin Winkelhausen. Die Idee von Les Amis gefiel ihnen auf Anhieb: eine Siedlung, in der alle Generationen gemeinschaftlich zusammenleben Gemeinsame Wohnung So klappts mit dem Zusammenziehen und wo man neben der Wohnung Wohngemeinschaft Bis dass das Haus euch scheidet verschiedene zusätzliche Räume nutzen kann.

Eine Familie zieht vom Einfamilienhaus auf dem Land in eine Siedlung in der Stadt: Das kann Marco Hüttenmoser von der Forschungsstelle Kind und Umwelt gut nachvollziehen. «Urbane Siedlungen sind oft kinder- und familienfreundlicher als das Haus auf dem Land». Auf dem Land fehle es zum Beispiel oft an Spielkameraden, die Wege seien lang, und die Infrastruktur sei mager.

Das ist in der Bieler Siedlung anders: Aktuell leben hier elf Familien mit zwanzig Kindern. Mit der zweiten Etappe dürfte sich diese Zahl in den nächsten Monaten verdoppeln. Dazu kommen viele Kinder aus den angrenzenden Wohngebieten. Das Areal ist auf zwei Seiten von nur wenig befahrenen Quartierstrassen begrenzt, so können die Kinder problemlos zwischen den Siedlungen hin und her wechseln. 

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Hort und Mittagstisch

Auch die Infrastruktur im Quartier ist auf Familien zugeschnitten: Bahn und Bus sind zu Fuss schnell erreichbar, ebenso mehrere Supermärkte, eine Apotheke, eine Drogerie, Kindergärten und Schulen. Hinzu kommt das Angebot im Les Amis selber: An drei Tagen pro Woche ist der Hort von 7 bis 17 Uhr offen, und viermal wird ein Mittagstisch angeboten. Dazu kommen ein Fitness- und ein Mehrzweckraum sowie Gästezimmer, die tageweise gemietet werden können. 

«Wir wollten nicht nur Wohnraum bieten, sondern eine Lebensumgebung für alle Generationen. Darum haben wir auch speziell auf die Bedürfnisse von Familien geachtet», erklärt Theodor Strauss, Präsident der Genossenschaft Narcisse Jaune.

«familienfreundlich» heisst geschickt organisiert

Auf dem Areal standen ursprünglich zwölf Mehrfamilienhäuser Vermieter werden Mit Wohneigentum Geld machen? von 1954. Vor zehn Jahren prüfte die Genossenschaft, ob eine Sanierung Sinn ergebe. «Es zeigte sich, dass unsere Idee eines gemeinschaftlichen Zusammenlebens mit den Altbauten nicht realisierbar sein würde», sagt Strauss. Zudem hätte die Sanierung der Häuser nur 15 Prozent weniger gekostet als die Neubauten.

So entstand das Projekt Les Amis, das in vielen Details zeigt, was «familienfreundlich» heisst. Die Familienwohnungen mit 4,5 Zimmern sind mit 107 Quadratmetern zwar nicht übermässig gross, aber geschickt organisiert. Das Zentrum bildet ein gut 50 Quadratmeter grosser Wohn- und Essbereich mit offener Küche. Daran docken drei Schlafzimmer und zwei Badezimmer an. Hinzu kommen ein Balkon und ein Abstellraum direkt neben der Garderobe – praktisch für die vielen Jacken und Schuhe einer vier- oder fünfköpfigen Familie. Die Wohnungen kosten zwischen 1700 und 1900 Franken inklusive Nebenkosten. 

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Ein Laubengang führt zu einem offenen Treppenhaus und zum Lift. «Die Kinder können so selber zum Spielen raus», sagt Kathrin Winkelhausen. Das ist nicht überall so: «Viele Mehrfamilienhäuser haben schwere Haustüren, kleine Kinder können sie gar nicht öffnen», sagt Fachmann Hüttenmoser. Dann würden die Kinder selbst bei schönstem Wetter drinnen spielen. 

 

Es soll laut werden

Auch sonst stehen Kinder im Les Amis an erster Stelle: «Wir haben die älteren Mieter von Beginn weg darauf hingewiesen, dass es laut Laute Nachbarn Wie viel Musik und Lärm muss ich erdulden? werden kann – und dass das auch gewünscht ist», sagt Genossenschaftspräsident Theodor Strauss. Die Spielflächen stehen allen Kindern aus der Umgebung offen. «Manchmal fallen Kinder von ausserhalb negativ auf. Dann müssen wir ihnen klarmachen, dass in unserer Siedlung gewisse Regeln gelten», sagt Kathrin Winkelhausen. 

Sie vertritt zusammen mit ihrem Mann und einer Nachbarin die Mieter Wohnungsrückgabe Welche Schäden müssen Mieter zahlen? . Derzeit will sie einige Verbesserungen auf den Weg bringen. Etwa einen einfacheren Zugang zum Gemeinschaftsraum. Oder dass die Mieter besser über das Angebot in der Siedlung informiert werden. «Bei solchen Dingen haben wir zum Teil andere Ansichten als der Vorstand der Genossenschaft», so Winkelhausen. «Da und dort braucht es deshalb noch etwas Überzeugungsarbeit.» 
Trotzdem ist das Fazit für sie klar: «Wir wohnen unheimlich gern hier, das Umfeld für uns als Familie ist top. Wir haben noch nie bereut, dass wir unser Einfamilienhaus verkauft haben.»

Familienfreundliches Wohnen: Drei Checklisten

Damit ein Gebäude oder Quartier möglichst viele Bedürfnisse von Familien erfüllt, müssen Haus und Umgebung diversen Kriterien genügen. Je mehr Fragen Sie mit Ja beantworten können, desto familienfreundlicher ist ein Objekt. 

Checkliste Standort

  • Ist der Anschluss an den öffentlichen Verkehr gut? Distanz zur Haltestelle? Frequenz tagsüber, abends, am Wochenende? 
  • Gibt es genügend Arbeitsplätze in kurzer Fahrdistanz? 
  • Gibt es genug Geschäfte für Dinge des täglichen Bedarfs?
  • Ist eine Kinderarztpraxis in kurzer Zeit erreichbar?
  • Gibt es ein Betreuungsangebot mit ausreichenden Öffnungszeiten für Vorschulkinder?
  • Sind Kindergärten und Schulen in der Nähe? Wie ist ihr Ruf? Können die Kinder den Kindergarten- und Schulweg allein und gefahrlos zurücklegen? Sind weiterführende Schulen mit öffentlichem Verkehr erreichbar?
  • Bieten Kindergarten und Schule ein ausreichendes Betreuungsangebot ausserhalb der Schulzeiten?
  • Wie sieht es mit dem Freizeitangebot für Kinder und Erwachsene aus? 
  • Können die Kinder die Freizeitangebote allein mit dem Velo oder dem öffentlichen Verkehr erreichen?

Checkliste Quartier/Umgebung

  • Sind die Nachbarn sympathisch und offen? Wohnen Familien in der Nähe?

  • Leben genügend Kinder im Alter der eigenen Kinder in der Nähe?
  • Können auch kleinere Kinder (ab etwa drei Jahren) Spielkameraden ohne die Eltern besuchen (keine gefährlichen Strassen, keine Zäune oder Tore)? 
  • Gibt es genug Spielmöglichkeiten, die auch kleinere Kinder selber erreichen und nutzen können und für die es keine speziellen Einschränkungen gibt?
  • Bietet die Umgebung Rückzugsorte für ältere Kinder, wo sie unbeobachtet sind?
  • Sind in den nächsten Jahren keine Bauprojekte (Hochbau, Strassen, 
  • andere Verkehrswege) geplant, die die Kinder- und Familienfreundlichkeit beeinträchtigen?

Checkliste Objekt

  • Ist die Küche genügend gross für den Familienalltag? 
  • Hat im Essbereich ein Tisch Platz, an dem die ganze Familie und eventuelle Besucher Platz finden? 
  • Bietet das Wohnzimmer genügend Fläche?
  • Genügt die Zahl der Schlafzimmer auch in fünf oder zehn Jahren, wenn die Kinder grösser sind und ein eigenes Zimmer benötigen? 
  • Lassen sich die Schlafzimmer auf unterschiedliche Art möblieren?
  • Genügt der Platz auch für künftige Bedürfnisse wie ein Homeoffice? 
  • Lässt das Raumangebot genügend Flexibilität, um sich unterschiedlichen Lebensphasen und Familienmodellen anzupassen?
  • Gibt es einen privaten Aussenraum (Balkon, Terrasse, Gartensitzplatz), der so gross ist, dass die ganze Familie draussen sitzen und essen kann?
  • Ist genügend Stauraum vorhanden?
  • Bietet der Garderobenbereich ausreichend Platz für die Jacken und Schuhe aller Familienmitglieder?
  • Genügt die Anzahl der Nassräume (Bad/WC) auch noch dann, wenn die Kinder grösser sind?
  • Bei Einfamilienhäusern: Lassen sich später Um- oder Ausbauten problemlos realisieren?
  • Bei Mehrfamilienhäusern: Können auch kleinere Kinder (ab etwa drei Jahren) das Haus selbständig verlassen und betreten (keine zu schwere Haustür, Türgriffe, Klingel und Schlüsselloch auf passender Höhe)?
  • Gibt es genügend Abstellmöglichkeiten für Velos, Kickboards, Veloanhänger und Kinderwagen?
  • Bei Mehrfamilienhäusern/Siedlungen: Ist die Haus- oder Siedlungsordnung familienfreundlich gestaltet?
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Sarah Käser, Online-Redaktorin

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