Als Marie-Josée Kuhn vor 15 Jahren im Berner Mattequartier einzog, stand sie im Hinterhof vor einer achtzig Quadratmeter grossen Grünfläche. Mittendrin ein Pingpongtisch, darum ­herum wütete der Baumtropf, ein Unkraut der hartnäckigsten Sorte. Doch Kuhn war entschlossen, auf dem wenig attraktiven Stück Erde ihre Gartenträume zu verwirklichen. Zu Recht: Heute bewirtschaftet die Chefredaktorin der Gewerkschaftszeitung «work» ein reizvolles Gärtli mit Rosen, Stauden, Ziergräsern und einem kleinen Sitzplatz. «Meine Lust, einen Garten anzulegen, ist durch den Einzug in dieses Haus erst richtig entstanden», sagt sie.

Wie bringt man unter schwierigen Voraussetzungen ein kleines Juwel zustande, wie es Marie-Josée Kuhn und ihr Partner Thomas Adank heute haben? Lässt man den Gartenarchitekten ans Werk oder legt man selber los? «Wir haben einfach angefangen», erzählt Hobbygärtnerin Kuhn. «Es war ein Lernprozess, aber wir wollten uns darauf einlassen und mit dem Garten wachsen.» Ein Lernprozess, der sich durch einige schlaue Fragen an sich selbst steuern lässt.

Wer ratlos vor einem Gärtchen steht und wenig Lust hat, wild draufloszupröbeln, sollte erst einmal herausfinden, was das Anwesen überhaupt zu bieten hat. Gartenbauer Thomas Schär, der in Bern hauptsächlich Kunden mit kleinen und kleinsten Gärten hat, sagt: «Gartenbesitzer sollten unbedingt ihr Fleckchen Erde kennen­lernen, bevor sie die Bagger auffahren lassen. Zum Beispiel herausfinden, wann die Sonne in den Garten scheint und von wo.» Aber auch, in welcher Ecke man sich besonders gern aufhält und wie man eigentlich mit den Nachbarn klarkommt. Es empfiehlt sich also, während der ersten Gartensaison mit grossen Umgestaltungen erst einmal zuzuwarten: «In einem Zimmer lassen sich die Möbel schnell mal umstellen. In einem Garten sind Veränderungen mit viel mehr Aufwand verbunden.»

Gartenbesitzer sollten sich grundsätzlich überlegen, was sie mit dem Stück Land eigentlich anfangen wollen. «Wer einen kleinen Garten hat, hat deswegen nicht automatisch weniger Wünsche», weiss Gartengestalter Peter Richard aus Wängi im Kanton Thurgau. Nutzgarten, Spiel­bereich für die Kinder, Rosenbeete, Sitzplatz, einen kleinen Teich – wer alle seine Wünsche zugleich umsetzen will, läuft Gefahr, zuletzt in einem überladenen und einengend wirkenden Garten zu sitzen.

Quelle: Marco Zanoni
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Dabei kann ein gut gestalteter kleiner Garten grösser wirken, als er ist. «Wichtig ist die Frage, welches die momentan stärksten Bedürfnisse sind und welche sich allenfalls auf eine andere Lebensphase verschieben lassen», sagt Gartenbauer Thomas Schär. Sprich: Es muss nicht alles auf einmal sein. Sind die Kinder klein, legt man für diese vielleicht eine Sandanlage an – sind sie dem Sandkastenalter entwachsen, kann an dieser Stelle dann das lang gewünschte Irisbeet entstehen.

Quelle: Marco Zanoni

Zu den wichtigsten Themen bei den Nutzern kleiner Gärten gehört die Abgrenzung. Peter Wullschleger, Geschäftsführer beim Bund Schweizer Landschaftsarchitekten, sagt: «Für die meisten Leute soll der Garten ein Ort sein, an den sie sich zurückziehen können. Hier möchten sie keine ­Begegnungszone wie in öffentlichen Park­anlagen oder den gemeinsamen Grün­flächen einer Siedlung.» In der Regel fühlten sich die Leute wohler, je klarer sie sich abgrenzen und für sich sein könnten.

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Das ging Marie-Josée Kuhn und ihrem Partner nicht anders: Vor allem gegen die eine Seite wollten auch sie einen Sichtschutz. Sie pflanzten eine Thujahecke, «die ich dann jedoch mässig schön fand», wie Kuhn heute sagt. Deshalb stellten sie ein paar Formgehölze davor, um die Eintönigkeit zu durchbrechen. Diesen Frühling entfernten sie schliesslich einzelne Thujastöcke und pflanzten zur Auflockerung Felsenbirne dazwischen.

Nicht immer lässt sich die Umgebung eines Gärtchens in die Gartengestaltung einbeziehen, zum Beispiel, wenn es rundherum von eher schmucklosen Gebäuden um­geben ist. «In einem solchen Fall ist es umso wichtiger, dem Raum des Gärtchens selbst eine Aufgabe zu geben», sagt Landschaftsarchitekt Peter Wullschleger. Einfach ausgedrückt: Die Aufmerksamkeit des Betrachters soll nicht nach aussen gelenkt werden, sondern innerhalb des Gartens verbleiben – und zwar, indem dieser ein Thema erhält, zum Beispiel auf Kräuter oder Duftpflanzen fokussiert ist. «Dadurch erschafft man sich eine eigene Welt, die in diesem Beispiel vor allem den Duftsinn anspricht», sagt Wullschleger.

«Wir haben einfach mal mit der Gestaltung angefangen»: Marie-Josée Kuhn in ihrem Garten im Berner Mattequartier

Quelle: Marco Zanoni
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Wenn man den Garten in verschiedene Räume einteilt, entsteht ein Gefühl von Spannung und Neugier, sagt Gartenbauer Thomas Schär – und der Garten wirkt grös­ser, als er eigentlich ist. Das erreicht man auch, wenn die Wege geschwungen und die Pflanzen unterschiedlich hoch sind; und wenn einige Pflanzen Akzente setzen, während andere als Begleiter auftreten. Schlanke, säulenförmige Gehölze schaffen Struktur. Wer gern einen Baum hat, findet in Baumschulen kleinkronige Sorten, von denen man nicht befürchten muss, dass sie bald alles überschatten.

Es gibt viele Tricks, die geringe Grösse eines Gartens in den Hintergrund zu rücken. Doch es wäre falsch, beschränkten Platz nur als Nachteil zu sehen. Es gibt auch eine Reihe von Vorteilen: «In der Regel wird man in einem kleinen Garten nicht zu dessen Sklaven», sagt Gartenbauer Thomas Schär. Das Risiko ist kleiner, dass man vor lauter Arbeit nicht mehr dazu kommt, den Garten zu geniessen. «Und die Chance ist grösser, den Garten im Alter lange behalten und pflegen zu können.»

Nicht zu vergessen das leidige Thema Unkraut. Marie-Josée Kuhn ist ihren Baumtropf, auch Giersch genannt, losgeworden: Zusammen mit Freunden hat sie das Grundstück zuerst gründlich bis zu einem halben Meter tief umgebuddelt und jedes Würzelchen entfernt. Bei einem grösseren Garten wäre das um einiges schweisstreibender gewesen.

Quelle: Marco Zanoni
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Die wichtigste Voraussetzung

Über Vor- und Nachteile zu sinnieren, Möglichkeiten auszuloten und Tricks anzuwenden – all das, glaubt Landschafts­architekt Wullschleger, bringt nichts, wenn die eine Voraussetzung nicht gegeben ist: dass der Mensch zu seinem Garten eine Beziehung hat. «Die Persönlichkeit eines Gartens hängt von seinem Benutzer ab», sagt er. «Er muss bereit sein, diesen auch zu pflegen.» Dann erst entstehe eine Stimmung, ein Charakter. Eben die Gegenwelt, in die man gern eintaucht und in der man andere Erfahrungen macht, andere Dinge sieht, in der andere Sinne geweckt werden.

Dass Marie-Josée Kuhn und ihr Garten in all den Jahren zusammengewachsen sind, wird spürbar, wenn man mit ihr in ihrem grünen Reich steht. In ihrem Blumenbouquet, in das sie im Sommer so gern versinkt. Natürlich könnte sie sich auch vorstellen, einmal einen grösseren Garten zu gestalten. Doch die Grösse war zweitrangig, als sie sich damals ins Abenteuer Garten stürzte – und sie ist es geblieben.


  • Andere Gärten besuchen: Auf der Web­site www.offenergarten.ch sind Privat­gärten aufgeführt, die an gewissen Tagen in der realen Welt ihre Gartentörchen öffnen. Bei solchen Gelegenheiten kann man auf andere Interessierte treffen und die Besitzer nach Gestaltungsideen und Erfahrungen fragen.

  • Gartenkurse: Hier erhält man das ­nötige Wissen für spezifische Themen wie «So schneidet man Obstbäume» oder «Wie wird mein Garten attraktiv für Schmetterlinge?». Kursanbieter sind landwirtschaftliche Schulen, Gartencenter oder Bioterra, die Schweizerische Gesellschaft für biologischen Landbau (www.bioterra.ch).

  • Austausch mit Gleichgesinnten: Diverse Gartenvereine bieten Pflanzentauschbörsen, Vorträge und Exkursionen. Gute Adressen sind zum Beispiel:
    www.staudenfreunde.ch
    www.rosenfreunde.ch
    www.fuchsienverein.ch
    www.farnfreunde.ch
    www.sggk.ch (Schweizerische Gesellschaft für Gartenkultur)

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Gemütlich: Eine grüne Oase ist auch auf kleinem Raum realisierbar.

Quelle: Marco Zanoni